Einsamer Beter - Papst Franziskus vor dem „Thron von Kyrill und Method“ der Alexander-Newski-Kathedrale in Sofia. Nur ein einsames Gebet gestattete die orthodoxe Kirchenleitung dem ungebetenen Gast aus Rom. - © APA / AFP / Pool / Yara Nardi
Religion

Realist am Balkan

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Auf dornigen und auf sonnigen Wegen: Bulgarischer Trotz und mazedonischer Jubel für Papst Franziskus auf seiner ersten Balkanreise dieses Jahres.

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Auf dornigen und auf sonnigen Wegen: Bulgarischer Trotz und mazedonischer Jubel für Papst Franziskus auf seiner ersten Balkanreise dieses Jahres.

Der kurze Abstecher von Papst Franziskus nach Südosteuropa und zu dessen Orthodoxie hat ihn vom 5. bis 7. Mai in gleich zwei Staaten geführt, Bulgarien und Nord-Mazedonien. Davon erwies sich Sofia mit seiner höflich-distanzierten politischen Führung und unmissverständlich abweisenden orthodoxen Kirchenleitung für den Heiligen Vater als der weitaus schwierigere Boden.
Umso sonniger gestaltete sich dann am Dienstag der auf nur wenige Stunden bemessene Aufenthalt in Skopje. Dort konnte Franziskus von Anfang an damit punkten, der erste Staatsgast nach der Wahl eines proeuropäischen Präsidenten in der vergangenen Woche zu sein und Gratulant zur Öffnung des Landes für EU und NATO nach Beilegung des leidigen Namensstreites mit Griechenland. Dabei war aus „Mazedonien“ nun „Nord-Mazedonien“ geworden.
In diesem gab es auch keine Probleme mit der Mazedonischen Orthodoxen Kirche, die allerdings von allen anderen nicht anerkannt ist. Durch Abwesenheit grenzte sich jedoch der serbische Erzbischof von Ohrid vom Papst ab. Jovan Vraniskovski hatte schon im voraus den Besuch des Heiligen Vaters als „überflüssig“ abgetan und als „Ungerechtigkeit“ bezeichnet, nachdem Skopje dem Patriarchen von Belgrad die Einreise schon seit Jahren verweigere.
Schließlich hatte Franziskus bei den Mazedoniern im Vergleich zu Bulgarien noch den „Mutter-Teresa-Bonus“ voraus. Die Heilige von Kalkutta wurde in Skopje aus einer Familie albanisch-balkanromanischer Katholiken geboren. Das ganze Volk, ob Orthodoxe oder Muslime samt den ein Prozent Katholiken, wendet sich an sie als Nothelferin und Fürsprecherin. Die alten gemeinsamen Heiligenverehrungen wie beim heiligen Georg und vielen Marienheiligtümern leben im mazedonischen Mutter-Teresa-Kult frisch auf. Zum Abschiedsgottesdienst des Heiligen Vaters am Hauptplatz von Skopje fanden sich daher – neben den vielen orthodoxen oder bisher religiös fernstehenden Jugendlichen – zahlreiche Muslimas und Muslime ein. Sie jubelten Franziskus zu, der sie zu einem „gemeinsamem Traum“ für Zukunft und Welterneuerung aufrief.

Unterkühlte Höflichkeit

Am Sonntag davor war es dem Papst mit all seiner Liebenswürdigkeit in Sofia nicht gelungen, den bulgarischen Patriarchen Neofit bei der protokollarischen Begegnung aus dessen Reserve herauszulösen. Die orthodoxe Nachrichten-Agentur romfea.gr sprach zwar von „herzlicher Begegnung“. Augenzeugen berichten jedoch vom „Austausch glatter, unterkühlter Höflichkeiten“.
Während Franziskus dann auf dem Platz vor der Patriarchen-Kathedrale – drinnen war ihm das nicht gestattet worden – das Regina Coeli betete, wurde landesweit in vielen orthodoxen Kirchen gegen den „katholischen Prosyletismus“ gepredigt. Zumindest bei den Bulgaren konnte und kann davon aber keine Rede sein. Ihre römischen Katholiken, die „Pawlikeni“, wurden nicht der Orthodoxie abgeworben, sondern aus der spätgnostischen Sekte der Paulikianer bekehrt. Bei den „Bulgarisch-Katholischen“ des byzantinischen Ritus wiederum handelt es sich um Vorläufer orthodoxer Eigenkirchlichkeit: Da das Ökumenische Patriarchat Konstantinopel seinem Namen mit dem Verbot slawischer Kirchensprache nicht gerade Ehre machte, erbaten die Bulgaren jene von Rom, bevor sie 1870 ihr eigenes orthodoxes Exarchat erhielten. Wenn es zur „Umtaufung“ eines Kindes kam, so nur in einem, noch dazu prominenten Fall, und das zugunsten der orthodoxen Kirche: Der damalige Apostolische Legat Angelo Roncalli erwirkte die Dispens für die Aufnahme der Kinder des bulgarischen Zaren Boris II. mit der italienischen Prinzessin
Giovanna in die Orthodoxie

Eine „Religion des Satans“?

Diese Fakten haben den als starken Mann der bulgarischen Orthodoxie gehandelten Metropoliten Nikolaj Sewastijanow inzwischen nicht daran gehindert, den Besuch von Papst Franziskus abschließend als „politische Nötigung“ abzustempeln. Niemand könne aufrechte Orthodoxe zwingen, mit dem „römischen Antichristen“ gemeinsam zu beten. Eine solche Gemeinschaft wäre die „Religion des Satans“.
Der ernüchternde Besuch von Franziskus in Bulgarien markiert ein Ende des Hurra-Ökumenismus, dessen Begeisterung sich seit dem stürmischen Aufbruch in der Zwischen- und vor allem Nachkriegszeit an zu lang unterschätzten Hindernissen von Obskuranz und Intoleranz wund gestoßen hat. Heute genügt das Erscheinen eines Papstes im orthodoxen Osten – wie jenes von Paul VI. 1967 bei Patriarch Athenagoras I. – nicht mehr, um dort für sich schon Jubel und Begeisterung auszulösen. Das Gnadengeschenk der Ökumene muss sich nun unter dem Kreuz von Rückschlägen läutern und bewähren, muss erlitten und durchgestanden werden. Die verhaltene bis ablehnende Haltung der orthodoxen Führung in Sofia, deren Eis auch die Herzenswärme eines Franziskus nicht schmelzen konnte, warnt vor übereiltem, zu erwartungsvollem Drängen auf Papstvisiten in Russland und Serbien.
Angesichts einer Orthodoxie, die sich seit ihrer Befreiung vom Kommunismus zunehmend in rigoroser Kirchenzucht und der Ausgrenzung Andersgläubiger verliert, die im Streit um die Kirchenverwaltung in der Ukraine nicht einmal vor Exkommunikation von Widersachern derselben christlichen Gemeinschaft zurückscheut, ist jeder konfessionsübergreifende Ökumenismus vorerst zum Scheitern verurteilt. Einzige Ausnahmen stellen derzeit das Patriarchat von Konstantinopel und seine globale Diaspora dar sowie die Orthodoxie in Albanien und Rumänien, dem die nächste Papstreise am Balkan gelten wird.

Grenzwachten der katholischen Kirche

Andererseits hat sich in Bulgarien und Nord-Mazedonien weiter bestätigt, wie wichtig ermutigende päpstliche Pastoral­visiten gerade für kleine und kleinste
Gruppen von Katholiken sind. Das hatte sich schon bei den letzten Fahrten von Franziskus zu seinen kleinen Herden am Arabischen Golf und in Marokko herauskristallisiert, die regelrecht tief in der islamischen Welt zu versanden drohen.
Dankbare Verehrung solcher Grenzwachten der katholischen Kirche umfing Franziskus auch in der sonst frostigen Atmosphäre der bulgarischen Hauptstadt Sofia, wo die Kirchenleitung „Heiliger“ Synod dem orthodoxen Klerus ausdrücklich die Teilnahme an Kundgebungen mit dem Papst verboten und dasselbe auch dem gläubigen Volk indirekt anbefohlen hatte. Die Kinder der einzig mehrheitlich katholischen Kleinstadt Rakowski in Südbulgarien wird ihr Leben lang Erinnerung an die ihnen vom Heiligen Vater gespendete Erstkommunion begleiten und stärken.
Papstreisen pflegen in der Regel auch für Heilig- und Seligsprechungen zu dienen, wie das bald wieder in Rumänien der Fall sein wird. Nord-Mazedoniens neue Patronin Mutter Teresa hat Franziskus schon 2016 zur Ehre der Altäre erhoben. Ihr Beispiel des Helfens und Heilens weist über alle Schwierigkeiten hinaus, denen der Papst diesmal am Balkan begegnet ist.

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