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Zwischen Ravenna und Wien

Bei der 10. Tagung der katholisch-orthodoxen Dialogkommission sorgte der Wiener russisch-orthodoxe Bischof Hilarion Alfejew, den einige als Putins "kirchlichen Ziehsohn" sehen, für innerorthodoxen Zwist.

Vom 8. bis 15. Oktober fand in Ravenna die 10. Vollversammlung der theologischen Dialogkommission zwischen Rom und der orthodoxen Kirchengemeinschaft statt. Diesmal ging es um Konziliarität und Synodalität der Kirche.

Als sich zwischen dem 9. und 13. Jahrhundert die römische Kirche des Abendlandes und die byzantinische Kirche Südost- und Osteuropas sowie des Orients voneinander getrennt haben, waren dafür vorrangig kirchenpolitische Machtrivalitäten verantwortlich. Während aber das Kirchenverständnis im Osten seitdem ziemlich gleich geblieben ist, hat es sich im Westen im Sinn eines päpstlichen Universalprimats über die katholische Weltkirche weiterentwickelt. Die noch im Spätmittelalter starken Gegenkräfte eines Konziliarismus mit seinem Prinzip der Kollegialität sind vom II. Vatikanum neu entdeckt worden, in seiner Folge wurde 1980 der katholisch-orthodoxe Dialog möglich. Nur auf der Grundlage einer wieder gemeinsamen Ekklesiologie können Ost- und Westkirche zusammenfinden.

Einheit nach 1000 Jahren?

In dieser Richtung sind sie nun in Ravenna erfreulich weitergekommen. Das geht aus dem Schlussdokument hervor, wird aber vor allem in Istanbul, Bukarest oder Athen von den griechisch-orthodoxen Teilnehmern bestätigt, die eben aus Ravenna zurückgekehrt sind.

In seiner heutigen Gestalt eines zentralen Weltkirchenzentrums im Vatikan und mit einem päpstlichen Selbstverständnis als unfehlbarem, absolutem und globalem Kirchenoberhaupt tut sich die Orthodoxie mit dem römischen Papsttum schwer. Vor der entscheidenden Kirchenspaltung von 1054, die viele gern bis 2054 überwinden möchten, war es das Kollegium der fünf Patriarchen von Rom, Konstantinopel, Alexandria, Antiochia und Jerusalem, die sich die kollektive Kirchenleitung teilten. Ivo Fürer, der in Innsbruck bei Karl und Hugo Rahner ausgebildet wurde, von 1977 bis 1995 Generalsekretär des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen und später Bischof von St. Gallen war, hat über eine zeitgemäße Erneuerung dieser so genannten Pentarchie wichtige Arbeiten erstellt. Das hat Patriarch Bartholomaios I. von Konstantinopel persönlich 2005 bei seinem Besuch in St. Gallen gewürdigt. Und das Thema der nächsten, 11. Tagung der katholisch-orthodoxen Dialogkommission wird die Rolle des päpstlichen Primates im Kollegium der fünf Patriarchen während des ersten Jahrtausends der ungeteilten Christenheit sein.

Doch in Ravenna gab es neue, diesmal innerorthodoxe Zwistigkeiten. Sie haben zur Abreise der russischen Kirchendelegation geführt, kaum dass der Dialog eröffnet war. Die russisch-orthodoxe Kirche strebt einen ost-westkirchlichen Dualismus mit Rom und Moskau als künftig führende Kirchenzentren an. Damit stellt sie die Rolle des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. als Koordinator aller Orthodoxen in Frage. Das war schon letztes Jahr in Belgrad so, als die Russen den Dialog deswegen gestört haben.

Bischof Hilarions Taktik

Diesmal hat ihr Vertreter, Bischof Hilarion Alfejew von Wien, die Sitzung in Ravenna überhaupt unter Protest verlassen. Sein Kurs ist es, sich mit Rom im Alleingang, unter Überholung der anderen Ostkirchen, zu einigen. Doch nicht alle in Moskau teilen diese Taktik. Schließlich war die Frage der kirchlichen Zuständigkeit für Estland, die Hilarion jetzt zum Anlass für seinen Exodus nahm, schon 1996 im Sinn einer doppelten Jurisdiktion von Konstantinopel über die Esten und von Moskau über die nordbaltischen Russen geregelt worden. Auch in russischen Kirchenkreisen wächst Unmut über den jungen Theologen und Bischof, der sich offenbar um jeden Preis für die nächste Patriarchenwahl in Moskau profilieren will, obwohl dafür sein eigener Vorgesetzter in Frage kommt, der bewährte Metropolit Kiril von Smolensk und Kaliningrad.

Hinter Hilarion dürfte aber kein Geringerer als Präsident Putin stehen, der Alfejew in Ungarn im Streit um die dortigen orthodoxen Kirchen als fähigen Erfüllungsgehilfen seiner globalen Restaurationspolitik alles Russischen schätzen gelernt hat.

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