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Das Ringen um Einheit

1945 1960 1980 2000 2020

Bevorstehendes orthodoxes Gipfeltreffen in Konstantinopel soll die Kircheneinheit bewahren helfen und die "Große Synode", das Konzil der Weltorthodoxie, vorbereiten.

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Bevorstehendes orthodoxes Gipfeltreffen in Konstantinopel soll die Kircheneinheit bewahren helfen und die "Große Synode", das Konzil der Weltorthodoxie, vorbereiten.

Das Ökumenische Patriarchat der Orthodoxie im Phanar von Istanbul versammelt nach Jahren wieder die orthodoxen Amtsbrüder von Bartholomaios I. zu einer Art ostkirchlicher Gipfelkonferenz, einer "Synaxis". Dieses kollegiale Beratungs- und Führungsgremium hat sich auf Konstantinopler Initiative nach der Wende entwickelt. Es sollte den zuvor vom Kommunismus beherrschten Orthodoxen Ost- und Südosteuropas Gelegenheit bieten, nach Jahrzehnten der Verfolgung und Bedrückung wieder Anschluss an die Schwesterkirchen der freien Welt zu finden.

So tagte am 15. März 1992 die erste Synaxis am Goldenen Horn. Es handelte sich bei ihr um die frühe große Leistung des kurz zuvor zum Ökumenischen Patriarchen gewählten Bartholomaios I. Die Kirchen aus dem ehemaligen Ostblock ergriffen dabei die Gelegenheit, in der gemeinsamen Abschlusserklärung Besorgnis über katholische Expansionsversuche in ihr "kanonisches Territorium" festzuschreiben. Als solches versuchten die Serben das gesamte damals zerfallende Jugoslawien und besonders die Russen die ganze frühere Sowjetunion zu beanspruchen. Hingegen sah sich der Ökumenische Patriarch als Vermittler in orthodoxen Familienzwisten verpflichtet, jene Kirchen in die Freiheit zu führen, die von der Sowjetmacht unter den Patriarchen von Moskau gezwungen waren.

Das Instrument der "Synaxis"

In Estland führte das an den Rand des Bruches des Moskauer Patriarchen Aleksij II.(1990-2008) mit Bartholomaios I. Dieser Jurisdiktionsstreit konnte erst im September 1995 bei der zweiten Synaxis auf der Insel Patmos entschärft werden. Offen blieb eine kanonische Neuordnung in der Ukraine mit ihren drei postkommunistischen orthodoxen Kirchen sowie den Griechisch-katholischen. Ungelöst auch der Konflikt zwischen Moskau und Bukarest um die Zuständigkeit für Moldawien. An diesem nährt sich seitdem rumänisch-russische Rivalität, die an verschiedenen Fronten aufflammt.

In Bulgarien war es wiederum zu einem Schisma zwischen der Patriarchatskirche und "alternativen" Bischöfen gekommen, die nichts mehr mit "Kollaborateuren und Informanten" der Kommunisten zu tun haben wollten. Diese Spaltung versuchte die Synaxis von Sofia 1998 zu überwinden. Das gelang ihr damals noch nicht auf Anhieb.

Immerhin hatte sich die Institution "Synaxis" als ein Kollegium konstituiert, bei dem die oft

geteilten Meinungen unter und in den orthodoxen Kirchen deponiert und ausdiskutiert werden. In diesem Sinn bewährte sich dann auch die doppelte Synaxis zur Jahrtausendwende in Jerusalem und Konstantinopel. Sie konnte aber nicht verhindern, dass die letzten Vorbedingungen für die schon seit den 1960er-Jahren vorbereitete "Heilige und Große Synode der Orthodoxie" durch Meinungsverschiedenheiten blockiert blieben. Dazu tickte in der Ukraine die Zeitbombe der kirchlichen "Los-von-Moskau-Bewegung", die sich den Segen des Ökumenischen Patriarchen auf verschiedenste Weise zu erwirken hoffte. Wäre Bartholomaios im Sommer 2008 in Kiew auf das massive Drängen von Präsident Viktor Juschtschenko zur Schaffung eines ukrainischen Patriarchats eingegangen, so hätte das die Spaltung der Orthodoxie zwischen Moskau und Konstantinopel bedeutet.

Stolpersteine für das Konzil

Wieder erwies sich eine Synaxis als taugliches Mittel, die drohende Katastrophe abzuwenden. Am 10. Oktober 2008, wieder im Phanar, belohnte Patriarch Aleksij II. die Zurückhaltung von Bartholomaios in Kiew mit Zustimmung zur Bewältigung der letzten Stolpersteine für das Konzil: einer Revision bei der Rangordnung der Kirchenführer in der Orthodoxie, der Zuständigkeit für die Entlassung von Kirchen in die Unabhängigkeit und Neuorganisation der orthodoxen Diaspora.

Blieben die ersten Punkte schließlich einer Behandlung durch das Konzil vorbehalten, so konnte in Sachen Diaspora schon Juni 2009 eine konstruktive Lösung erzielt werden: Weder der Ökumenische Patriarch allein noch jede Einzelkirche ausschließlich für ihre Migranten bekommt in der Diaspora das Sagen, sondern Bischofskonferenzen unter dem Vorsitz des jeweiligen Konstantinopler Metropoliten.

Diese Einrichtung hat sich gerade in Österreich schon bestens bewährt, wo es abgesehen von diesem Metropoliten keine anderen residierenden Bischöfe gibt. Die Institution Bischofskonferenz ermöglicht es aber den Bischofsvikaren von Russen, Serben, Rumänen, Bulgaren und Georgiern zusammen als "eine" Orthodoxie aufzutreten und zu wirken.

Inzwischen ist die Zeit für eine neue vorkonziliäre Synaxis reif geworden. Am 9. März kommen auf Einladung von Bartholomaios I. alle Oberhäupter der orthodoxen Kirchenfamilie zusammen. Eine Ausnahme könnte nur der neue Metropolit der tschechischen und slowakischen Orthodoxen, Rastislav Gont, machen. Dessen Wahl ist innerhalb seiner Gemeinschaft umstritten. Daher hat auch das dafür zuständige Patriarchat von Konstantinopel die Gemeinschaft zu ihm noch nicht aufgenommen. Jedenfalls haben sich Befürchtungen nicht bewahrheitet, das gesamtorthodoxe Gipfeltreffen am Bosporus würde eine Teilveranstaltung der sechs griechisch geprägten Ostkirchen - unter 14 - bleiben.

Anerkennung für Bartholomaios

Diese Synaxis steht also zum "Sonntag der Orthodoxie" am Istanbuler Patriarchensitz fest. An diesem zweiten Sonntag im März öffnet das orthodoxe Gipfeltreffen mit Konzelebration der neun Patriarchen sowie der autokephalen Metropoliten und Erzbischöfe in der Kirche Hagios Georgios. Anschließend findet ein Arbeitsmittagsessen an der Patriarchentafel statt - von ihr sind Fleisch und Frauen verbannt. Am Nachmittag verwandelt sich die Georgskirche in einen Konferenzsaal. Auf der Tagesordnung steht an erster Stelle die Einberufung des orthodoxen Konzils für 2015.

Danach werden verschiedene ungelöste Fragen zur Sprache kommen. So die Aufnahme der makedonischen Kirche als 15. Glied der orthodoxen Gemeinschaft. Dafür will sich der Moskauer Patriarch Kiril I. einsetzen. Für den Fall, dass die Beratungen am Sonntag der Orthodoxie nicht beendet werden können, ist der 8. März als zusätzlicher Tag der Synaxis vorgesehen. Als neues Problem ist nämlich die Frage aufgetaucht, ob aus dem Ehrenprimat des Ökumenischen Patriarchen in der Orthodoxie auch Sonderrechte abzuleiten sind. Aber auch für diesen Primatsdisput verspricht die Synaxis 2014 das richtige Forum zu werden: Schon ihr Zustandekommen stellt eine Anerkennung für Bartholomaios I. dar.

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