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Der Patriarch als Brückenbauer

Seit Mittwoch ist der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel, das Ehrenoberhaupt der Orthodoxie, das erste Mal offiziell in Österreich. Auch Bartholomaios I. steht für die Jahrtausend-Beziehung der Orthodoxie mit Österreich - und für eine entschlossene Ökumene.

Gut Ding braucht Weile: Zweimal schon - im Sommer 1997 und vergangenen März - sollte der offizielle Besuch von Bartholomaios I. in Österreich stattfinden. Beide Mal gab es aber Hindernisse. Auch diesmal wäre beinah der Kirchenstreit des Athener Erzbischofs Christodoulos mit dem Patriarchen dazwischen gekommen. Doch wurde dieser Konflikt dank Vermittlung der neuen Unterrichts- und Religionsministerin Marietta Yannakou noch rechtzeitig beigelegt. Was auch deshalb wichtig war, weil es sich um eine Doppelvisite von Bartholomaios mit Griechenlands Präsident Kostis Stephanopoulos handelt.

Jahrtausendalte Beziehung

Beide sind in erster Linie zum 200-jährigen Bestehen der griechischen Schule und der orthodoxen Georgskirche nach Wien gekommen. Die Beziehungen der byzantinischen Welt und besonders des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel zum alten Österreich gehen aber um fast ein Jahrtausend weiter zurück: Schon im späten 9. Jahrhundert waren es die von Patriarch Photios entsandten Slawenapostel Kyrill und Method, die nördlich der Donau, in Mähren und der angrenzenden Slowakei gewirkt haben.

Zum mittelalterlichen Höhepunkt im österreichisch-griechischen Verhältnis führte dann 1146/48 der Zug des Babenbergers Heinrich II. Jasomirgott nach Byzanz, von wo er die Prinzessin Theodora Komnene als seine Gattin heimführte. Die Anfänge des Wiener Griechenviertels am Fleischmarkt, wo sich jetzt viele Anlässe des Patriarchenbesuches abspielen, gehen auf diese Zeit zurück. 1203 heiratete Herzog Leopold VI. der Glorreiche wieder eine Theodora Komnene, diesmal die Enkelin des oströmischen Kaisers Alexios III.

Beide Eheschließungen beweisen, dass das Bewusstsein der Kircheneinheit von Ost und West noch lang nach dem formellen Schisma von 1054 lebendig war. Erst der abendländische Kreuzzug von 1204, der nicht dem Heiligen Land galt, sondern Konstantinopel eroberte und grauenhaft verwüstete, zerbrach die Zusammengehörigkeit von Katholiken und Orthodoxen. Gerade diese verhängnisvollen Ereignisse standen daher nicht zufällig gleich zu Beginn des Patriarchenbesuches im Mittelpunkt der Begrüßungsrede des Wiener Byzantinisten Johannes Koder für Bartholomaios I. in der Akademie der Wissenschaften in Wien.

200 Jahre in Wien

Die spätere Ausdehnung Österreichs nach Osten und Südosten brachte in Ungarn, Siebenbürgen, der Bukowina und Dalmatien zunehmend Gläubige des Ökumenischen Patriarchats unter die Herrschaft der Habsburger, zuletzt 1878 dessen Diözesen in Bosnien-Herzegowina. Hat es sich dabei vorwiegend um rumänische und südslawische Orthodoxe gehandelt, so entstanden in Triest, Budapest und vor allem in Wien blühende Gemeinden griechischer Geschäftsleute und Kulturschaffender. Von ihnen wurde 1801 die Kirche zum Hagios Georgios an der Wiener Griechengasse errichtet, im gleichen Jahr eine der ersten griechischen Schulen gegründet. Beiden gelten die Jubiläumsfeierlichkeiten mit dem Patriarchen und Präsident Stephanopoulos am Samstag und Sonntag.

Wien wurde auch Sitz eines griechischen "Episkopos". Im späteren 19. Jahrhundert erwarb sich Bischof Lantopoulos Verdienste um erste orthodoxe Kontakte zu den Altkatholiken. Die kirchlich große Zeit im Verhältnis zu Konstantinopel begann aber ausgerechnet zwischen dem heutigen "Klein-Österreich" und einem beim Verfall und Zerfall des Osmanischen Reiches von Millionen Gläubigen in Kleinasien und am Balkan auf eine kleine Schar in und um Istanbul, auf den Inseln Imbros und Tenedos, in Teilen von Griechenland und in der orthodoxen Diaspora geschrumpften Ökumenischen Patriarchat. Dieses besann sich nach dem äußerlichen Machtverlust auf eine seiner wesentlichen Aufgaben: die orthodoxe Kirchenfamilie zusammen und die Beziehungen zu den anderen Christen aufrecht zu halten und womöglich zu verbessern. Eine Entwicklung, die mit der Patriarchenenzyklika von 1920 zum Ökumenismus begann und ihren ersten Höhepunkt unter dem großen Athenagoras I. (1948-72) mit Aufhebung der Bannflüche von 1054 erreicht hat, die 1965 in Istanbul und Rom erfolgt ist.

Weggefährte Kardinal König

In Österreich hielt sich Patriarch Athenagoras gern zur Erholung auf, bevorzugt am Semmering. Er fand aber vor allem in Kardinal König den kongenialen Weggefährten zu einer Einheit, die auch die Weltreligionen und sogar die Nichtglaubenden einschließt. König trat in ein besonderes Nahverhältnis zum Ökumenischen Patriarchat. Bartholomaios wird am Sonntag Abend die Vesper im Stephansdom mit Kardinal Christoph Schönborn am Grab von König im Gebet beschließen. Was dieser als Person für Konstantinopel und die ganze Orthodoxie gewesen ist, bedeutet als Institution die von ihm vor 40 Jahren errichtete Stiftung "Pro Oriente". Dritter im Bund war der Metropolit von Austria, Chrysostomos Tsiter (1903-95; Bischof 1955, Metropolit 1963- 91). Er hat sich besonders um die gesetzliche Anerkennung der orthodoxen Kirche verdient gemacht. Durch dieses "Orthodoxen-Gesetz" erhielt das Patriarchat von Konstantinopel in Österreich jene Schlüsselposition, die seiner gesamtorthodoxen Rolle entspricht. Tsiters Werk und Wirken werden von Wien aus durch Metropolit Michael Staikos fortgeführt.

Anliegen Ökumene

Der heutige Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. hatte das ökumenische Erbe von Athenagoras gleich nach dessen Tod als Kanzleichef des Übergangspatriarchen Dimitrios I. angetreten. Er stammt von Imbros, das bei seiner Geburt 1940 eine rein christliche Insel war. Dann musste er persönlich die Schikanen erleben, mit denen die damalige türkische Obrigkeit fast alle griechisch-orthodoxen Imbrioten zur Auswanderung nötigte. Heute ist es eines seiner Hauptanliegen, dem Patriarchat von Konstantinopel und dessen Gläubigen wieder volle Religionsfreiheit in einer Türkei zu sichern, die in die Europäische Union drängt und dafür zu allererst selbst europäische Standards erreichen muss. Bartholomaios I. ist daher entschiedener Befürworter einer EU-Mitgliedschaft von Ankara. Seinen Wiener Gesprächen mit dem designierten Bundespräsidenten Heinz Fischer sprechen dafür kirchenpolitische Beobachter besondere Bedeutung zu: Bartholomaios sucht europäische Gesprächspartner für Akzeptierung der Türken in einem christlich geprägten, aber auch für Juden und Muslime offenen Europa. Die Europäische Volkspartei ist in diesen Dialog eingestiegen, auf die Sozialdemokratie wartet der Patriarch noch.

Fromm und willensstark

Schon als junger Theologiestudent in Chalki bei Istanbul zeichnete sich Dimitrios Archondonis - so hieß damals der spätere Bartholomaios I. - durch persönliche Liebenswürdigkeit und Frömmigkeit, aber ebenso durch willenstarke Entschlossenheit und einen klaren Verstand aus. Seine Kommilitonen erinnern sich lebhaft daran, unter ihnen der Grazer Professor für ökumenische Theologie und Ostkirchenkunde, Grigorios Larentzakis. Eine weitere Qualität hat Bartholomaios während seines späteren Studiums in Rom unter Beweis gestellt: Er verfasste eine seitdem berühmt gewordene orthodoxe Medition zum Kreuzweg, obwohl es sich bei diesem um eine typisch abendländische Andachtsform handelt. So wies schon der junge Bartholomaios den Weg zu einem verständnisvollen, neuen Zusammenwachsen von West- und Ostkirche ohne äußerliche Latinisierung oder Uniatisierung der Orthodoxie. Ein Weg, der von ihm seit seiner Amtseinführung als Ökumenischer Patriarch am 2. November 1991 mit besonnener Festigkeit beschritten wird. Österreich ist eine wichtige Station dieses Weges!

Der Autor, langjähriger Nahostkorrespondent, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut "Glaube in der 2. Welt" in Zürich.

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