Patriarchen - © picturedesk.com / Tass / Korotayev Artyom   -   Wladimir Putin mit Patriarch Kyrill (2.v.re.) und Außenamtsleiter Hilarion (2.v.li.)

Kyrill hat die Ukraine schon verloren

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Durch seine Unterstützung des Angriffskriegs hat der Moskauer Patriarch das Gegenteil von dem erreicht, was er wollte: Die Orthodoxen in der Ukraine bekennen sich nicht mehr zur russischen Kirche. Und Kyrills mächtiger Außenamtschef, Metropolit Hilarion, wurde abgelöst.

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Durch seine Unterstützung des Angriffskriegs hat der Moskauer Patriarch das Gegenteil von dem erreicht, was er wollte: Die Orthodoxen in der Ukraine bekennen sich nicht mehr zur russischen Kirche. Und Kyrills mächtiger Außenamtschef, Metropolit Hilarion, wurde abgelöst.

In der russisch-orthodoxen Kirche überschlagen sich die Ereignisse: Patriarch Kyrill sollte auf die EU-Sanktionsliste, was vom ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán verhindert wurde; die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats erklärte sich für selbstständig; der Leiter des Außenamtes der russisch-orthodoxen Kirche, Metropolit Hilarion (Alfejew), wurde abberufen und nach Ungarn versetzt; die orthodoxen Diözesen auf der Krim wurden von der russischen Kirche wiederum einverleibt. Man kann davon ausgehen, dass nur die Spitze des Eisbergs russisch-orthodoxer Turbulenzen sichtbar ist. Die Spannungen im Hintergrund müssen enorm sein.

Das sechste EU-Sanktionspaket sah vor, dass das auf Milliardenhöhe geschätzte Vermögen von Patriarch Kyrill, der als Mönch Armut gelobt hatte, eingefroren und ihm die Einreise in die Europäische Union verwehrt werde. Damit wurde das russisch-orthodoxe Kirchenoberhaupt in die Reihe jener Oligarchen eingefügt, die mit Präsident Putin erheblich verstrickt sind. Wie umfangreich der Besitz Kyrills tatsächlich ist, lässt sich nicht unabhängig verifizieren, aber der Vorstoß der EU zeigt implizit, dass ein solcher in beachtlichem Umfang außerhalb Russlands geparkt sein muss. Damit ist der Reichtum wohl nicht für die Gläubigen, für soziale Projekte und die russische Kirche gedacht. Die Argumentation Viktor Orbáns, dass keine führenden Kirchenmitglieder auf eine Sanktionsliste gesetzt werden sollten, weil dies der „heiligen Religionsfreiheit“ widerspreche, zielt ins Leere. Denn die EU geht nicht gegen ein Kirchenoberhaupt per se vor, sondern gegen den politischen Akteur Kyrill, der die russische Aggression aktiv unterstützt. Der Widerstand Ungarns führte wegen der notwendigen Einstimmigkeit zum einstweiligen Verzicht der EU-Staaten auf Sanktionen gegen den Patriarchen.

In der Ukraine gibt es aufgrund der (kirchen-)politischen Umstände zwei orthodoxe Kirchen: die selbstständige (autokephale) Orthodoxe Kirche der Ukraine und die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats (UOK-MP). Zweitere gehört zu den großen Leidtragenden des Krieges. Die meisten Kirchen, die durch Artillerie und Bomben bisher zerstört wurden, gehören der UOK-MP. Die Gläubigen sind traumatisiert. Ihre Geistlichen gewähren ihnen Schutz in den Kellern der Kirchengebäude, während ihr Patriarch den Angriffskrieg aktiv ideologisch unterfüttert. Das Oberhaupt der UOK-MP, Metropolit Onufrij, hat, anders als Kyrill, umgehend und in beeindruckender Weise den russischen Angriff von Beginn an verurteilt. Er forderte sowohl seinen Patriarchen als auch Präsident Wladimir Putin auf, den Krieg zu beenden, den er als „Verbrechen von Kain, der seinen Bruder Abel ermordete“ bezeichnete.

Vom Patriarchen losgesagt

In einem Landeskonzil hat sich die UOK-MP nun für völlig unabhängig vom Moskauer Patriarchat erklärt. Die genaue Bedeutung dieser kanonischen Erklärung ist noch unklar, denn diese Kirche war schon bisher eine autonome Kirche innerhalb des Moskauer Patriarchats, d. h. sämtliche internen Angelegenheiten wurden selbst geregelt. Allein die Wahl ihres Oberhauptes, des Metropoliten, musste vom Moskauer Patriarchen bestätigt werden. Mag die Weiterentwicklung des kanonischen Prozesses auch noch zu beobachten und zu diskutieren sein, so ist mehr als deutlich, dass sich die UOK-MP von ihrem Patriarchen lossagt. Die Kirche ist nicht nur in einer unerträglichen Situation, sondern gleichsam in der Zwickmühle. Sie verurteilt den Krieg, ist aber Opfer der russischen Aggression und wird von ihrem eigenen Patriarchen Kyrill im Stich gelassen. Zugleich wird sie in der Ukraine als zu Moskau gehörig wahrgenommen.

Wenige Tage nach dem Landeskonzil hat sich die russisch-orthodoxe Kirche die drei Diözesen der UOK-MP auf der Krim einverleibt. Gleiches wird in den besetzten Gebieten auf dem Donbass geschehen. Dies sind jene Gebiete, wo das Moskauer Patriarchat nun direkt Zugriff hat.

Zugleich wurde Metropolit Hilarion seines Amtes als Leiter des Moskauer Außenamtes enthoben, das er seit der Inthronisation Kyrills innehatte. Er war rechte Hand und engster Vertrauter Kyrills, der Chefstratege im Hintergrund, die Stimme seines Patriarchen in der Öffentlichkeit und Ökumene mit besten Kontakten zu Putin. Noch wenige Tage vor dem Überfall auf die Ukraine wurde er vom russischen Präsidenten mit einem Orden ausgezeichnet. Nun wurde er als Metropolit nach Ungarn beordert, wo es nur wenige russisch-orthodoxe Pfarren gibt. Das sieht zweifellos nach Degradierung aus und es hilft wenig, zu meinen, die russische Kirche bräuchte einen guten Draht in jenes EU-Land, das nach wie vor eine russlandfreundliche Politik betreibt. Gut möglich, dass Hilarion auch auf eigenen Wunsch nach Budapest wollte, weil er die Ukrainepolitik seines Patriarchen nicht mittragen konnte. Ungarn kennt er gut; schon als Bischof in Österreich war er für das Land zuständig, bevor ihn Kyrill in das Außenamt holte. Vielleicht macht Kyrill aber in einer Phase der Erosion seiner Kirche die Reihen dicht, umgibt sich vermehrt mit Hardlinern und entledigt sich jener, die ihn seiner Meinung nach zu wenig unterstützen. Zweifellos sind Kyrill und Hilarion bisher kirchenpolitisch gleicher Meinung gewesen. Auch hat sich der Metropolit nie öffentlich von der Kriegsrhetorik seines Patriarchen distanziert; dies kann im Moskauer Umfeld auch nicht möglich gewesen sein. Aber man wird über Hilarion in keiner Weise sagen können, er sei ein Kriegstreiber.

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