Metropolit Kiril, Außenamtschef des Moskauer Patriarchats, und Kurienkardinal Poupard dachten in Wien einmal mehr über Europas Seele nach.

Russisch orthodoxe und katholische Kleriker und Laien sind erstmals zu einer gemeinsam vom Moskauer Patriarchat und dem Vatikan veranstalteten Tagung zusammengekommen. Zur Situation der christlichen Kultur in Europa wurde drei Tage vorgetragen, Freitagabend präsentierten die Delegationsleiter - Metropolit Kiril und Kardinal Paul Poupard - eine gemeinsame Botschaft, gerichtet "an die Gläubigen der katholischen Kirche und der orthodoxen Kirchen, an alle Christen, an Menschen anderer religiöser Traditionen ebenso wie an politische Verantwortungsträger in europäischen Ländern".

Von einer unumgänglichen Rückbindung der Freiheit an die moralische Verantwortlichkeit in allen Erziehungseinrichtungen von Kirche und Staat ist die Rede: "Wir haben nicht nur ein gemeinsames religiöses, historisches und kulturelles Erbe, wir sind auch einig hinsichtlich des Weges, wie das öffentliche und private Leben gestaltet werden sollte." Man will aber mit allen Menschen, die "unsere Überzeugungen teilen", gemeinsam handeln und ist "bereit zum Dialog mit denen, die zwar nicht allem zustimmen können, aber bereit sind, darüber zu diskutieren."

Wider ungläubige Thomasse

"Europa eine Seele geben". Wollte man mit diesem Motto an frühere gleichlautende Tagungen erinnern, ein Signal setzen, dass Russland nicht nur zu Europa sondern auch in die EU gehört? Oder hoffte jemand auf Abwinkreflexe? Kardinal Christoph Schönborn, als Kuratoriumsvorsitzender von Pro Oriente Gastgeber der Tagung, meinte bei der Begrüßung der 50 Teilnehmer, dass es eher darum gehe, die Seele Europas wieder zu entdecken. Wo die Türen für Christus verschlossen würden, müssten die Christen, die glauben, dass der Auferstandene trotz verschlossener Türen den Jüngern im Abendmahlsaal erschienen sei, ihre Glaubenskraft gemeinsam einsetzen, um den ungläubigen Thomassen von heute "die lebensspendende Begegnung mit Christus" weiterzugeben.

"Sendung und Verantwortung", so denn auch der Untertitel der Tagung in Wien, das sich "auf halbem Weg zwischen Moskau und Rom" seiner Brückenfunktion nicht zuletzt dank des verstorbenen Kardinals König wohl bewusst ist. Die von diesem 1964 gegründete Stiftung Pro Oriente organisierte in altbewährter Weise das historischen Treffen - als auffällige Neuerung firmierte als "Exklusivsponsor" im Programm die amerikanische Bradley-Stiftung: Diese Stiftung gilt in den USA als Großfinancier der Neokonservativen.

Neokonservativ gesponsert

Geistige Urheber der Tagung: Kardinal Paul Poupard, Chef des Päpstlichen Kulturrates und Patriarch Aleksij II., die anlässlich einer Begegnung in Moskau darüber sinniert hatten, dass kulturelle Aktivitäten fürs gemeinsame christliche Zeugnis prädisponiert wären.

Beispielhaft: die im Herbst 2004 aus einem Vorort ins Herz von Moskau umgezogene "Bibliothek des Geistes". 1991 war der Belgier Jean François Thiry, mit seinem frisch erworbenen Übersetzerdiplom für Russisch in der sibirischen Metropole Nowosibirsk gelandet und erlebte in diesem Auslandsjahr die ganze Wucht des postsowjetischen Umbruchs. Nicht nur die große materielle Not: "Ein tiefer Graben schien zwischen Katholiken und Orthodoxen zu liegen, sie haben voneinander nichts gewusst, sich nicht verstanden." 1993 entstand die "Bibliothek des Geistes", als Projekt von Freunden, katholisch, orthodox, die "einander helfen wollen zu bezeugen, dass "Christus alles in allen" ist.

Don Giussani, Gründer der nicht nur in Italien einflussreichen geistlichen Bewegung "Communione et Liberazione", der Thiry seit 1987 angehört, wollte "Orte der Begegnung und der freien Diskussion", wie sie in westeuropäischen Städten existierten. Zusammen mit Pater Scalfi von der Stiftung "Russia Christiana" in Mailand begleitete er die jungen Leute bei der Verwirklichung dieses Werkes. Das Hilfswerk "Kirche in Not" gehörte von Anfang an zu den Sponsoren.

1999 wurde die "Bibliothek des Geistes" als Nonprofit-Organisation neu registriert. Direktor Thiry und 20 Mitarbeiter betreuen heute Konferenzräume, die Bibliothek mit integrierter Bar, ein ambitioniertes Verlagsprogramm, Ausstellungen. Im schön renovierten Gebäude war - Zufall! - bereits der Dichter Leo Tolstoj ein und aus gegangen. Zur Einweihung gratulierten Papst Johannes Paul II. und der russische Patriarch Aleksij II. - Kardinal Poupard segnete die Räume. Die anschließende Tagung im freundschaftlichen, familiären Rahmen: "Ost und West, Austausch von Gaben": Ein prophetisches Zeichen?

Der Wiener russisch-orthodoxe Bischof Hilarion bestätigt gegenüber der Furche, dass die "Bibliothek des Geistes" ein gutes Beispiel für die von ihm angedachte orthodox-katholische Kooperation ist. Das gelte vor allem für ein neues Verlagsprojekt: Eine Kollektion von 100 Bänden soll den Reichtum beider Traditionen zeigen, ihre wichtigsten theologischen Autoren. Das erste Werk wird Jaroslaw Pelikans berühmte fünfbändige Dogmengeschichte sein, die herausragende Arbeit eines Historikers, lutherischer Herkunft übrigens. Auch Metropolit Kiril, der Außenamtschef des Moskauer Patriarchats, hat sich wiederholt für kulturelle Kooperationen, vor allem im Verlagswesen ausgesprochen.

"Amtlich" zuständig unterstützt Metropolit Filaret von Minsk, der im Moskauer Heiligen Synod der Theologischen Kommission vorsteht, die Bibliothek. Im bisherigen Verlagsprogramm finden sich die russische Ausgabe des (katholischen) Weltkatechismus neben den Konzilsakten des Synods: Kurz vor Ausbruch der Oktoberrevolution 1917 war damals über Neuerungen in der russisch-orthodoxen Kirche debattiert worden. Zu allen Veranstaltungen der Bibliothek werden auch die wichtigen Persönlichkeiten des kulturellen Lebens der Stadt und der Kirchen eingeladen, die zahlreich kommen.

Neue Zusammenarbeit

Querelen in Moskau wegen missionierender Katholiken? Bischof Hilarion: "Die Sorge unserer Kirche über die Aktivitäten der Katholiken kam daher, dass sie oft ohne die örtlichen orthodoxen Autoritäten zu konsultieren solche Einrichtungen wie Kulturzentren oder Charity-Organisationen aufgebaut haben." Und das habe den Eindruck erweckt, als gäbe es eine Konkurrenz bei der Mission, obwohl beide doch eine einzige Mission hätten - als "Kirchen in Zusammenarbeit, in Solidarität, im Zeugnis für das Evangelium, für Christus".

Der Kulturreferent der lutherischen Kathedrale von Oslo, Pastor Karl Gervin, verneinte lächelnd die Frage, ob er sich als einziger Lutheraner auf der Tagung nicht einsam fühle. Er hatte in seinem Vortrag über "die Kirchen als Gemeinschaften der Liebe" gesprochen. Papst Benedikts Enzyklika "Deus caritas est" war ebenso in den meisten Beiträgen auf der Tagung präsent wie seine Kritik des Relativismus.

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