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Große Worte - stärker als alle Vor(be)halte

1945 1960 1980 2000 2020

Spuren einer päpstlichen Pilgerreise durch kirchenpolitische, religionspolitische, regionalpolitische Minenfelder.*)

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Spuren einer päpstlichen Pilgerreise durch kirchenpolitische, religionspolitische, regionalpolitische Minenfelder.*)

Erfreut kommentierte Metropolit Michael Staikos, griechisch-orthodoxer Metropolit von Austria, die Aussagen und Handlungen Johannes Paul II. in Athen. Im ORF-Religionsmagazin "Orientierung" qualifizierte Staikos den Besuch des Bischofs von Rom in Athen - den ersten seit 1.300 Jahren - an sich schon als historisch. Besondere Genugtuung empfand der Metropolit über die Vergebungsbitte Johannes Pauls II. "für vergangene und gegenwärtige Situationen, in denen Söhne und Töchter der katholischen Kirche durch Handlungen oder Unterlassungen gegen ihre orthodoxen Brüder und Schwestern gesündigt haben". Entschieden hatte der Papst zur Zerstörung von Konstantinopel durch Kreuzfahrerheere im Jahre 1204 Stellung bezogen: "Es ist tragisch, dass die Angreifer, die eigentlich den freien Zugang der Christen zum Heiligen Land sichern sollten, sich gegen ihre eigenen Brüder im Glauben gestellt haben."

Metropolit Staikos wies aber auch auf eine - bislang weniger kommentierte - Passage der Papstrede an den Athener Erzbischof Christodoulos hin: "Die katholische Kirche ist überzeugt, dass sie alles in ihrer Macht stehende tun muss, um ,dem Herrn den Weg zu bereiten' und ,ihm die Straßen zu ebnen'; und sie weiß, dass dies in Gemeinschaft mit anderen Christen geschehen muss - in brüderlichem Dialog, in Zusammenarbeit und im Gebet", so Johannes Paul II. Und er fuhr fort: "Wenn bestimmte Modelle der Wiedervereinigung der Vergangenheit nicht mehr dem Impuls zur Einheit entsprechen, die der Heilige Geist in letzter Zeit in Christen überall angestoßen hat, müssen wir offener und aufmerksamer werden, was der Geist heute den Kirchen sagt."

Mit diesen Worten sprach der Papst die Frage der mit Rom unierten Ostkirchen an, die für die Orthodoxie ein Hauptproblem bei der Annäherung mit Rom darstellen - und er distanzierte sich vorsichtig von den "Modellen der Vergangenheit". Auch beim zweiten großen Vorwurf der Orthodoxen, Rom werbe der Orthodoxie Gläubige ab, ging der Papst weiter als bisher: Auf dem Areopag in Athen unterzeichneten er und Erzbischof Christodoulos eine gemeinsame Erklärung zu Europa, in der es auch heißt: "Wir verurteilen jeden Rückfall zu Gewalt, Proselytismus und Fanatismus im Namen der Religion. Wir betonen insbesondere, dass Beziehungen zwischen Christen in all ihren Ausprägungen gekennzeichnet sein sollten von Aufrichtigkeit, Klugheit und vom Wissen um die Sache, um die es geht."

Die Reise nach Athen am 4. und 5. Mai war bis zuletzt gefährdet. Auch die - nach Meinung von Staikos stark aufgebauschten - Berichte über Proteste gegen den Papstbesuch und die Vorhalte an Rom, die Christodoulos vor Johannes Paul II. aufzählte, machten dies deutlich. Doch die Worte des Papstes verfehlten ihre Wirkung nicht, konstatieren die meisten Beobachter; dass der Papst und der Athener Erzbischof sich dann doch zum gemeinsamen - wenn auch nicht öffentlichen - Gebet zusammenfanden, mag ebenfalls ein Hinweis darauf sein.

Skepsis in Moskau, Rom Die Annäherung wird dennoch einer langen Wegstrecke bedürfen: Erzbischof Christodoulos reiste unmittelbar nach der Begegnung mit Johannes Paul II. zu Patriarch Aleksij II. nach Moskau. Aleksij nahm die Vergebungsbitte des Papstes in Bezug auf die Kreuzzüge mit Skepsis auf und sprach, man müsse sehen, wie sich diese in konkreten Taten auswirke. Skepsis, trotz aller Genugtuung, äußerte auch Metropolit Michael Staikos in Wien - und zwar im Hinblick darauf, ob die katholische Hierarchie unterhalb des Papstes seine Initiative der Offenheit mittragen wird.

Staikos verwies dabei auf die Begegnung von Metropolit Meliton, dem Legaten des damaligen Ökumenischen Patriarchen Athenagoras, mit Papst Paul VI., die 1965 in der Sixtinischen Kapelle stattfand: In einer spektakulären Versöhnungsgeste küsste der Papst dabei die Füße des orthodoxen Legaten. Die Begegnung wurde gefilmt, doch - so Staikos - einen Tag später war der Film verschwunden.

Für den Wiener griechisch-orthodoxen Metropoliten ist diese Episode ein Zeichen dafür, wie der Vatikan den Papst torpedieren kann. Solche Skepsis ist begründet: Zwei Tage nach der Athenvisite Johannes Paul II. schrieb der Vatikanjournalist Vittorio Messori, eine Speerspitze des konservativen Katholizismus, in der Tageszeitung "Corriere della Sera": In einem Teil der Kurie und einem Netz von Bischöfen in der Seelsorge sage man: "Das Maß ist voll, der Papst übertreibt." Ein Stein des Anstoßes sei das Schuldbekenntnis für die Sünden der Katholiken gegenüber den Orthodoxen. Der Papst "erniedrige" die Kirche, zitiert Messori, ohne Namen der Kritiker zu nennen; auch im Dialog mit anderen Religionen gehe der Papst zu weit.

Dialog mit dem Islam Letztere Kritik bezieht sich auf Damaskus, die nächste Station der Papstreise. Dort hatte der Papst - neben Feiern mit katholischen und unierten Christen und Begegnungen mit den anderen Kirchen - auch die Omajjaden-Moschee besucht, in der das Haupt Johannes des Täufers verehrt wird. Nicht nur, dass damit erstmals ein Papst ein islamisches Gotteshaus betreten hatte; auch die Worte des Pontifex waren einmal mehr beeindruckend: "Christen und Muslime sind der gemeinsamen Überzeugung, dass die Begegnung mit Gott durch das Gebet die notwendige Nahrung für unsere Seele ist, ohne die unsere Herzen verdorren würden ..." Und neben einem engagierten Aufruf zum interreligiösen Dialog folgte auch hier die Vergebungsbitte: "Für jedes Mal, wo Christen und Muslime einander verletzt haben, müssen wir die Vergebung des Allmächtigen erflehen und einander verzeihen."

In Syrien kam der Papst - wie schon bei seiner Reise nach Jordanien und Israel vor einem Jahr - mitten in den Nahostkonflikt. Er rief alle Parteien zum Frieden auf und kritisierte indirekt Israel. Ärger - nicht nur in Israel - rief Syriens Präsident Bashar Al-Assad hervor, der bei der Begrüßung des Papstes erklärt hatte: "Wir sehen, wie unsere Brüder in Palästina getötet und gequält werden ... Sie (die Juden) versuchen heute das Religionsprinzip auf die gleiche Weise zu zerstören, wie sie Christus verraten haben und versuchten, Mohammed zu verraten und zu töten." Vatikansprecher Joacquin Navarro-Valls distanzierte sich von diesen Äußerungen Assads und erklärte, die Position der katholischen Kirche zum Antisemitismus sei bekannt.

Am Montag, 7. Mai, besuchte Johannes Paul II. die zerstörte Golan-Stadt Kuneitra. Dort tat er in der griechisch-orthodoxen Kirche das, was ein Papst für den Frieden tun kann: Er betete. - "... Gott, ... wir beten zu Dir für die Völker des Nahen Ostens. Hilf ihnen, die Mauern der Feindschaft und der Trennung zu überwinden und gemeinsam eine Welt der Gerechtigkeit und Solidarität aufzubauen ..."

*) siehe auch Leitartikel auf Seite

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