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„Ich bin Joseph, euer Bruder“

In dem Papst Johannes XXIII. zugeschriebenen Bußgebet bittet er Gott um Verzeihung für die den Juden von Christen im Laufe der Jahrhunderte zugefügten Leiden. Dieses aufrüttelnde Gebet hat viele Freunde — unter Juden und Christen — gefunden. Papst Johannes hatte es angeblich kurz vor seinem Tod 1963 verfaßt und zur weiten Verbreitung innerhalb der Kirche bestimmt. Die Freunde des Gebetes sind bitter enttäuscht, wenn sie hören, daß es seine Entstehung keineswegs der Liebe des großen Papstes verdankt. Keiner der Männer, die zur täglichen Umgebung des Papstes gehörten, hatte es vor seiner Veröffentlichung gesehen oder den Papst je davon sprechen gehört.

Die Art seiner Bekanntmachung bestätigt die Unechtheit des Gebetes. Im Jänner 1965, anderthalb Jahre nach dem Ableben des Papstes, veröffentlichte der irische Ex-Jesuit Malachi Martin, unter dem Decknamen F.E. Car-tus, einen Artikel über das Zweite Vatikanische Konzil und die Juden. Das Herzstück des Artikels war dieses Bußgebet. Er erschien in „Commentary“, einer Monatsschrift, die unter dem Schutz des „American Jewish Committee“ steht.

Malachi Martin, der gegen Ende des Konzils wider alle Erwartung seinen Orden verließ, gab vor, ein Freund Kardinal Augustin Beas und intimer Berater der Päpste Johannes und Paul gewesen zu sein. Er veröffentlichte das Bußgebet, ohne zu erklären, wie er in dessen Besitz gekommen war. Zudem weigerte er sich, Zweiflern an der Echtheit Einsicht in das Original des Gebetes zu gewähren. Es ist aber nicht nur das Fehlen des Gebetes in der Handschrift von Papst Johannes, nicht nur der Aufschub und der Ort der Veröffentlichung, die ernste Zweifel an der Echtheit des Gebetes aufkommen lassen, sondern auch die Sprache.

Ich habe Papst Johannes mehrmals über das Verhältnis von Kirche und jüdischem Volk sprechen gehört. Weder in öffentlichen Ansprachen, in Stellungnahmen zu Bitten um seine Intervention, noch im privaten Gespräch hat er sich der diesem Gebet eigenen Ausdrucksweise bedient. In meiner ersten Audienz mit Papst Johannes dankte ich ihm für die Liebe und den Gerechtigkeitssinn, mit denen er die mißverständlichen Bezeichnungen jüdischer Existenz, perfidia und perfidi („Unglaube“ und „ungläubig“), aus der Liturgie des Karfreitags hatte entfernen lassen. Worauf er mir mit fast verschmitztem Lächeln antwortete, ich sei nicht der erste, der gekommen war, ihm zu danken.

Dann aber wurde der Papst ernst und sagte: ,J?our moi c'etait trks simple“ (für mich war das sehr einfach). In seinen jungen Jahren war er Geschichtsprofessor gewesen. Das mag wohl der Grund sein, warum er fortfuhr, über das „Wunder der Geschichte“ oder die „Sakramentalität der Zeit“ zu sprechen. (Die Ausdrük-ke stammen von mir.) Was zu einer Zeit unmöglich war, sei zu einer anderen nicht nur möglich, sondern sogar gefordert, erklärte der Papst.

Nur in der Zeit, nur durch ihre schöpferische Kraft, kann die Entfremdung, ja Gegensätzlichkeit von Christen und Juden abgebaut werden. Unsere Wunden können nicht durch eine theatralische Geste, wie sie dieses Bußgebet darstellt, sondern nur durch das stete Wachstum von Erkenntnis und Liebe geheilt werden. Eine Fälschung, selbst wenn ihr Grund nicht Selbstsucht wäre, kann weder der „gegenseitigen Kenntnis und Achtung“ von Juden und Christen noch dem „brüderlichen Gespräch“ beider Gemeinschaften dienen, die das Konzil zu fordern suchte.

Daß das Bußgebet wohl von Sünden der Christen spricht, daß ihm aber jeglicher Hinweis auf eine Umkehr, auf ein neues Verhältnis von Christen und Juden fehlt, zeigt, daß es nicht aus dem Herzen und der Feder Johannes' XXIII. stammt. Man muß das Gebet mit der Ansprache des Papstes an eine Reihe amerikanischer Juden vergleichen, um den Unterschied zwischen der unverfälschten Rede des Papstes und der ihm fälschlich zugeschriebenen wahrzunehmen.

Es war im Oktober 1960, daß eine jüdische Studiengruppe aus den Vereinigten Staaten in Rom haltmachte, um dem Papst dafür zu danken, daß er als Apostolischer Delegat in der Türkei Tausende vor ihren Verfolgern fliehende Juden gerettet hatte. Bewegt grüßte der Papst seine Besucher mit den Worten: Son io Guiseppe, il fratello vestro,,J.ch bin Joseph, euer Bruder“.

Um die Tiefgründigkeit dieser Worte zu verstehen, muß man zwei Dinge bedenken. Erstens, Joseph war der Taufname des Papstes. Zweitens, der Papst machte sich hier die Worte zu eigen, mit denen Joseph in Ägypten seinen leiblichen Bruder gegrüßt hatte (siehe Genesis 45,4). Wie Joseph, Jakobs Sohn, den Hunger seines Vaters und von dessen Familie mitfühlte, so erduldete Johannes XXIII. die Leiden der Juden unter Hitler, als wären sie seine eigenen. Sein Grußwort war ein Wort der Verbrüderung im edelsten Sinn des Wortes.

In der Begrüßung sprach das Herz des Papstes, ohne jedoch seine Glaubensüberzeugung zum Schweigen zu bringen. Er wies auf die Glaubensunterschiede hin, die Christen und Juden voneinander trennen. Dann fuhr er fort: „Die Unterschiede aber löschen die Bruderschaft nicht aus, die die Frucht gemeinsamen Ursprungs ist. Wir sind ja alle Kinder des Einen himmlischen Vaters, unter uns muß stets der Liebe Licht und ihre Tat leuchten.“

.JSignatum est super nos lumen vultus tui, Domine. /Aufgerichtet hast Du das Licht Deines Angesichts über unserem Angesicht, o Herr!“' fuhr Papst Johannes fort. „Diese strahlende Wahrheit des vierten Psalms läßt uns die Bedeutung echter Hilfe, wahrer menschlicher Solidarität begreifen. Solch eine Solidarität kann nicht verfehlen, die Lösung vieler Probleme, die die Welt quälen, näher herbeizubringen und alle Menschen in der grundlegenden Wirklichkeit zu einen: Wir kommen vom Vater, und zum Vater müssen wir zurückkehren.“ Das ist die wahre Stimme des Papstes der Güte. Solcherart ist die Gesinnung und die Tat, zu denen er uns ruft: miteinander leiden, füreinander sorgen, als Weggefährte, als Mitpilger zum Reich Gottes.

Prälat Johannes Oesterreicher, beim Zweiten Vatikanischen Konzil Konsuitor des Einheitssekretariats, zählt zu den Architekten der sogenannten „Judenerklärung“.

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