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Kein Weg der Öffnung zu den älteren Brüdern

Das dogmatisch-griechische Christusbild bleibt unter diesem Pontifikat ehern bestehen. Papst Benedikt XVI. unterscheidet sich in dieser Beziehung nicht von Kardinal Ratzinger.

A ls ich vor fünf Jahren, anlässlich der Wahl Joseph Ratzingers zum Papst, in der FURCHE ein paar Motive formuliert habe, die nach dem Pontifikat Johannes Pauls II. anstünden, war eines ganz zentral: Wie wird Benedikt XVI. den mutigen Weg der Öffnung zu den älteren Brüdern und Schwestern im Glauben, zum Judentum hin, wie ihn Johannes Paul II. beschritten hat, weitergehen? Wird er ihn überhaupt weitergehen?

1. Ein Weg nach Jerusalem?

Nach fünf Jahren stellt sich Ernüchterung ein. Zwar finden sich im Buch Jesus von Nazareth, das Benedikt XVI. im Jahr 2007 vorgelegt hatte, ein paar Anklänge an dieses Thema: Nach Jesus wurde biblisch gefragt; Benedikt wies auch darauf hin, dass der Gottesname JHWH nicht wie irgendein Name sonst ausgesprochen werden darf. Doch damit war auch schon das meiste in dieser Richtung gemacht. Das dogmatisch-griechische Christusbild blieb ehern bestehen und mit ihm die Überbietung alles Jüdischen, das demgemäß neben Christus keinen sinnvollen Platz mehr haben kann.

Dem entsprachen auch die Begegnungen, die Benedikt mit unseren Glaubensgeschwistern hatte. Sie blieben allesamt zweideutig und trugen nichts ein. Den scheinbaren Offensiven in dieser Richtung folgten meist rasche Rückzüge in das, was Benedikt XVI. fürs Eigentliche halten dürfte: Christus ist das entscheidende Zentrum, und um ihn gilt es gerade die wieder zu scharen, die sich aufgrund ihrer meist sehr starren Haltung in andern Kirchen nicht mehr heimisch fühl(t)en. Dass in der Folge die tief sitzenden antijüdischen Affekte in der Pius-Bruderschaft in Kauf genommen werden, bildet keinen peinlichen Betriebsunfall der Reintegrationsversuche; das lässt sich mit der Auffassung Joseph Ratzingers selbst verbinden, wie er sie noch als Präfekt der Glaubenskongregation in seinem Schreiben Dominus Iesus vom 6.8.2000 dargelegt hat, in der er Jesu jüdische Herkunft mit keinem einzigen Wort genannt hatte. Davon gilt es, die Schoa-Leugnung des Traditionalisten-Bischofs Richard Williamson zu unterscheiden, doch fand und findet diese, gleichsam unterhalb der öffentlichen Entrüstung, ihren Nährboden in eben solchen Überlegungen, die hinsichtlich des Judentums gleichgültig sind.

Benedikt XVI. geht den Weg seines Vorgängers nach Jerusalem nicht weiter, er geht woanders hin. Doch wohin? Wohin gehen wir? Gehen wir überhaupt wohin?

2. Kirche – Gaudium et Spes?

Es scheint, als bewegt sich die Kirche kaum noch, sondern verwaltet sich selbst in einer seltsamen, fast schon leblosen Absolutheit. Die Relativismuskritik Benedikts XVI., die am Beginn des Pontifikats stand und jetzt kaum noch zu vernehmen ist, dürfte sich innerkirchlich erfüllt haben. Im Absoluten ist es ruhig und still. Aggiornamento, die Verheutigung des Christentums als großes Programm des II. Vatikanischen Konzils (1962–65), war gestern. Daher kommt es wahrscheinlich auch, dass gegenüber vielen Tagesereignissen, die mitunter schmerzhaft offenbaren, was in der Tiefe der Staaten, der Wirtschaft, der Fragen von Armut und Reichtum, aber auch in der Kirche morsch und verfault ist, der Papst schweigt oder über bekannte Stehsätze kaum hinauskommt. Denn das alles rührt nicht ans ewige Wesen der Kirche, ihre Unfehlbarkeit und ihre Leitungsgewalt. Dieweil bleiben nicht nur viele Christinnen und Christen enttäuscht zurück in den Halden ihrer Lebenswelten, sondern auch manche Bischöfe, die angesichts der kirchlichen Niedergänge ihr Möglichstes versuchen und die Kirche als Gestalt der „Freude und Hoffnung“ (Gaudium et Spes) trotzdem darstellen wollen. Das Konzil hat seine Aussagen zur Kirche programmatisch unter diesen Titel Gaudium et Spes gestellt. Doch es ist schwer, heute davon Spuren so zu entdecken, dass sie nicht nur Fernstehenden, sondern auch Menschen innerhalb der Kirche etwas davon zeigen. So hat sich mancherorts der Sinn zumindest des Gaudium umgekehrt. Nicht mehr vermittelt die Kirche dieses Gaudium, sondern ist selbst da und dort zum Gaudium geworden. Darunter leiden Legionen von Christinnen und Christen, nicht nur katholische. Doch hilft hier Benedikt XVI.? Und wenn ja: womit?

3. Benedikts Sendung im Übergang

Wenn man diese beiden Elemente bedenkt, wird man erinnert ans I. Vatikanische Konzil (1869–70) und die dort gefallene Entscheidung der Unfehlbarkeit des Papstes in Glaubens- und Sittenfragen, vor allem aber auch an die Folgen dieser Entscheidung, die man dem gegenwärtigen Pontifikat deutlicher ansieht als dem vorigen. Es könnte sein, dass das Übermaß an Gewalt (potestas), das seither dem Papst zufällt, von ihm selbst nicht mehr zu erfüllen ist. Wer für alles verantwortlich ist und in allem die letzte Entscheidungsinstanz bildet, steht unter derart hohem, fast gottgleichem Druck, dass es unmenschlich und auch unchristlich, ja lieblos wird, wenn man den Papst daran behaftet. So wird es ja heute gemacht – im Gefälle dieser Unfehlbarkeit, die fast niemandem bewusst ist, aber genau dem päpstlichen Selbstverständnis entspricht: Wenn Williamson seinen Judenhass wochenlang öffentlich abzieht, dann fordert man vom Papst, der mit der Pius-Bruderschaft gerade wegen der Rückkehr in die Kirche verhandelt, Worte der Klärung und der klaren Distanzierung – die lange nicht kommen; wenn der Papst in Jad Waschem spricht, fordert man von ihm ein Schuldbekenntnis in Bezug auf die christliche Wirksamkeit im Antisemitismus – und sie kommt nicht; wenn in katholischen Institutionen Übergriffe publik werden, die die libidinöse Genese Jugendlicher gestört, wenn nicht zerstört haben, dann fordert man vom Papst klare Worte – und sie kommen, aber sehr verwunden, und werden später aus seinem Kreis relativiert durch den unglaublichen Hinweis auf die Gleichheit der medialen Kampagnen gegen die Kirche heute mit dem Antisemitismus der 30er-Jahre.

Was man hier jeweils vom Papst fordert, fällt tatsächlich in seine Kompetenz, weil es seine Lehr- und Sittengewalt im Ganzen betrifft. Und es zeigt nochmals die wunde Stelle an, die nicht irgendetwas am katholischen Christentum, sondern seinen Kern betrifft: Wie halten wir es mit Jesus aus Nazareth, der von den Juden kommt und nicht von den Grie-chen, in Jerusalem kündete und nicht in Rom, im Zentrum seiner Botschaft den Gott Israels hatte und nicht sich selbst, der der Weg war und nicht das Ziel? Wohin gehen wir hier? Gehen wir hier überhaupt noch irgendwohin oder versinkt das Ganze in frommer oder gelehrter Resignation, die alte Worte wiederkäut aus Angst, aufzufallen und Schwierigkeiten zu bekommen mit dem Lehramt, das (wesentlich auch) der Papst ist?

Vielleicht zeigt sich nach fünf Jahren des Pontifikats Benedikts XVI., dass das alles nicht mehr von ihm allein zu tragen ist. Angesichts dieser Lage, die im Ganzen zurzeit dunkel und traurig ist, gibt es wahrscheinlich nur eine Alternative: Entweder man resigniert und verabschiedet sich irgendwann von der gegenwärtigen Kirche und ihrer Verfassung, die in ihrem Formalismus abstirbt und nicht mehr ins Heute reicht – oder man stellt sich auf die Fuße mit starkem Rückgrat und steht ein für das, was man vom Glauben erfasst hat. Vom Glauben Israels, der im Gefolge des Jesus von Nazareth für die Welt der Heiden zugänglich geworden ist. Das ist eine Kern-, ja eine Überlebensfrage zumindest für das europäische Christentum und gewiss für die römisch-katholische Kirche.

Hier weist ein Weg weiter. Wenn Benedikt XVI. auf diesem Weg seine Schwierigkeiten hat, so ist es gewiss nicht hilfreich, wenn man allzu sehr auf ihn blickt. Aber es hindert keineswegs, hier den Weg weiter zu gehen und eine Sendung christlich anzunehmen, mit der der Papst seine eigenen Schwierigkeiten hat. Das zielt nicht auf Konkurrenz, sondern auf entschlossene Ergänzung des Fehlenden – in der Gewissheit: Am Ende stehen wir alle vor dem gleichen gerechten Gott, der uns alle, ob Papst oder Mesner, unendlich überragt.

* Der Autor ist Prof. für Fundamentaltheologie an der Kath.-Theol. Fakultät Wien

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