Was aus jüdischer Sicht von Benedikt bleibt

Ich sitze im Schatten der Bäume des Rothschild-Boulevards in Tel Aviv und blicke auf das Mann-Auditorium, als ich erfahre: Papst Benedikt XVI. zurückgetreten. Bilder tauchen vor meinem geistigen Auge auf, wie ich Joseph Ratzinger 2005 erstmals traf. Wenige Wochen vor dem Tod Johannes Pauls II. begegnete mir in der Glaubenskongregation ein würdiger und freundlicher Herr, der die guten Beziehungen zum Judentum bewahren wollte. Ihm war bewusst, dass er die Kraft dafür nicht aus seiner Biographie aufbringen könne, wie dies Karol Wojtyla gegeben war. Aber ich meinte zu spüren: Er fühlte die Verantwortung. Was bleibt also aus jüdischer Perspektive von diesem weltweit hoch geschätzten Pontifikat?

Der aschkenasische Oberrabbiner Yona Metzger und der Oberrabbiner Roms Riccardo di Segni preisen die Beziehungen der Judenheit mit dem Vatikan in den letzten acht Jahren. Dies dürfte eher dem aktuellen Anlass geschuldet sein. 2008 noch hatte Di Segni die Approbation eines Karfreitagsgebetes im außerordentlichen Ritus durch den Papst einen "tragischen Rückschritt“ genannt. Die italienische Rabbinerkonferenz war über Monate sehr unangenehm berührt.

2009 setzt die damalige Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, den Dialog mit der katholischen Kirche aus. So belastend war die Rehabilitierung des Holocaust-Leugners Bischof Richard Williamson durch den Vatikan. Auch ohne die Wellen um Pius-Bruderschaft und Karfreitagsfürbitte könnte der Schluss erlaubt sein, dass die jüdische Euphorie für Johannes Paul II. mit der Realität der katholischen Kirche zusammenprallte, wie sie Benedikt XVI.trennscharf herausarbeitete.

Seit 2007 hat Benedikt XVI. mit seiner Jesus-Trilogie den auferstandenen Christus ins Zentrum gerückt. Ihm war das Bild der Wissenschaft vom "historischen Jesus“ zu mager. Sein Jesusbild will über die Lücken hinwegführen, die die historisch-kritische Forschung öffnete.

Divergierende Jesusbilder

"Die divergierenden Ergebnisse der Leben-Jesu-Forschung schufen eher Idealbilder der jeweiligen Autoren ... Jesu selbst hat sich nur umso weiter von uns entfernt ...“ Joseph Ratzinger geht es darum, den ganzen Prozess der Schriftwerdung "von Jesus Christus her“ zu betrachten. Nur der Glaube mache aus Jesus diesen "Schlüssel des Ganzen“ für Altes und für Neues Testament. Aus purer historischer Methode könne er nicht hervorkommen.

Juden und Christen haben mit der Heiligen Schrift ein gemeinsames Fundament, unterscheiden sich aber in ihren Leseweisen. Die gemeinsame Schrift bedeute noch keine substanzielle Nähe.

Und Ratzingers Wahrnehmung der jüdischen Theologie? In seiner "Einführung in das Christentum“ von 1968 behandelt er die Verantwortung der Menschen für diese Welt; sie würden am Ende "nach ihren Werken“ gerichtet. Er zieht eine klare Parallele zum Judentum: "Es dürfte nützlich sein, hier an Ausführungen des großen jüdischen Theologen Leo Baeck zu erinnern, denen der Christ nicht zustimmen wird, aber an deren Ernst er auch nicht achtlos vorübergehen kann“. Ihm ist der universale ethische Anspruch des Judentums klar: "Baeck zeigt, wie sich dieser Universalismus immer deutlicher in der jüdischen Überlieferung kristallisiert, um schließlich klar hervorzutreten in dem ‚klassischen‘ Wort: ‚Auch die Frommen, die nicht Israeliten sind, haben an der ewigen Seligkeit teil‘.“ Dieses Beispiel zeigt: Ratzinger kennt die jüdische Position, aber teilt sie nicht: "Es ist nicht unsere Aufgabe, im Einzelnen zu bedenken, wie diese Aussage mit dem vollen Gewicht der Lehre von der Gnade zusammen bestehen kann … Vielleicht wird man letztlich auch gar nicht über ein Paradox hinauskommen, dessen Logik sich vollends nur der Erfahrung eines Lebens aus dem Glauben erschließen wird.“

Das Judentum konnte bei Joseph Ratzinger auf die Wertschätzung "als Familie Jesu“ zählen. Das war ein Vermächtnis seines Vorgängers, dem er treu bleiben wollte. Die Akzente seiner Botschaft waren aber andere. Seine Aufgabe als Pontifex verstand er so, die katholische Lehre zu verkünden, wie er sie für wahr hält. Heute kann ich sagen: Ich habe großen Respekt vor Joseph Ratzingers Glauben. Manche Juden mögen mehr erhofft haben. Ich bin ihm dankbar für seine ehrliche Nähe in der Verschiedenheit der Positionen. Für seinen Lebensabend wünsche ich ihm Gottes Segen.

Der Autor, Rabbiner, leitet das Abraham-Geiger-Kolleg in Berlin

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