Eine Versöhnung auf „Herzensebene“

Jom Kippur, der jüdische Versöhnungstag, sollte auch für Christen Anlass zu selbstkritischer Bestandsaufnahme sein. Maximilian Gottschlich, Grenzgänger zwischen Christen- und Judentum, plädiert für eine echte Umkehr. Das Gespräch führten Otto Friedrich und Claus Reitan • Fotos: Mirjam Reither

Er ist Kommunikationswissenschafter. Und nennt sich einen „theologischen Laien“. Aber gar nicht laienhaft will Maximilian Gottschlich die Christen und die Juden endlich versöhnen.

Die Furche: Die Juden begehen dieser Tage Jom Kippur, den Versöhnungstag. Was bedeutet dieser größte jüdische Festtag für Christen?

Maximilian Gottschlich: An diesem Tag legen fromme Juden alles, was sie getan haben, vor den Richterstuhl Gottes. Es ist ein Tag der selbstkritischen Bestandsaufnahme, des Innehaltens. Das wäre auch ein guter Anlass für Christen zu selbstkritischer Auseinandersetzung mit dem Judentum – und wäre eine Gelegenheit, Versöhnung nicht nur im Mund zu führen. Da ist vieles nachzuholen.

Die Furche: Wie beurteilen Sie da das derzeitige Pontifikat?

Gottschlich: Ich habe es als Fügung empfunden, dass nach einem polnischen ein deutscher Papst die Geschicke der Weltkirche lenkt. Das ist eine in den nächsten Jahrhunderten nicht wiederkehrende Chance, die zu wenig wahrgenommen wird. Jetzt wäre es nach der Wegbereitung durch Johannes Paul II. an Benedikt XVI., dieses Versöhnungswerk nachhaltig auf Schiene zu bringen, zumal ja Joseph Ratzinger als ausgewiesener Theologe auch die theologischen Weichenstellungen für ein neues Verständnis des Christentums aus den Wurzeln des Judentums stellen könnte. Aber die Wirklichkeit hinkt diesen Möglichkeiten weitgehend nach.

Die Furche: In den letzten beiden Jahren sind da ganz große Stolpersteine in den Weg gelegt worden – ich nenne nur die Karfreitagsfürbitte, die Frage der Judenmission, den Fall Williamson.

Gottschlich: Es gibt ja nichts Negatives, was nicht auch eine positive Dimension beinhaltet. Diese liegt ja gerade im Fall Williamson darin, dass hier breite Schichten des Kirchenvolkes doch mobilisiert worden sind. Der gemeinsame Aufschrei, dass die Leugnung der Schoa für Christen nicht duldbar ist, hat mich positiv überrascht. Es kommt bei diesen Fragen nicht auf den Klerus oder den theologischen Fachdiskurs an, sondern es kommt auf die Herzen der Christen an; denn die müssen erweicht werden, solang der Antisemitismus, die antijüdischen Reflexe tief innen in der christlichen Kollektivseele sitzen.

Die Furche: Und die Reaktion auf den Fall Williamson ist etwas …

Gottschlich: … das nachdenkliche Christen erreicht hat. Aber dass man den Papst gegen den Vorwurf des Antisemitismus verteidigen muss, zeigt eigentlich, wie wenig seit der Judenerklärung des II. Vatikanums 1965, in der Realität passiert ist. Es ist zwar programmatisch einiges geschehen, aber die Glaubenspraxis ist weit davon entfernt. Da sehe ich auch ein Versagen der Theologie: Eine grundlegende Neuorientierung an den jüdischen Wurzeln des christlichen Glaubens hat noch nicht stattgefunden.

Die Furche: Wie kann Versöhnung wirklich angegangen werden?

Gottschlich: Voraussetzung für die Versöhnung ist eine neue Kultur der Scham und des Mitgefühls für das unschuldige Leiden der Opfer des christlichen Antijudaismus. Auschwitz ist nicht einfach „passiert“, sondern Ergebnis eines jahrhundertelangen christlichen Antisemitismus. Es bedarf hier – mit Johann Baptist Metz gesprochen – einer neuen Leidempfindlichkeit. Doch diese neue Kultur der Scham fehlt – auch in der Kirche. Scham ist nämlich, wenn ich das mit dem Psychotherapeuten Arno Gruen argumentieren darf, das einzige Mittel, Opfer und Täter miteinander zu versöhnen. Es geht nämlich nicht primär um theologische Diskurse, also etwa die Messias-Frage – ob der Messias schon einmal da war oder erst kommen wird, sondern um etwas viel Grundsätzlicheres: Um die Qualität der emotionalen Beziehungen zum Judentum.

Die Furche: Sie propagieren also eine Versöhnung auf „Herzensebene“?

Gottschlich: Natürlich. Wenn das nicht gelingt, dann bleibt es bei der unheilvollen Verdrängung von Auschwitz. Auch der wiederholte Aufruf des Papstes zu einer neuen Spiritualität kann nur dann gelingen, wenn man es schafft, sich vom Schatten der Schoa, der schwer auf der christlichen Kollektivseele lastet, zu befreien. Es geht dabei zunächst nicht um die Juden: Nicht die Juden brauchen die Versöhnung, sondern die Christen, deren Kollektivseele an diesen Wunden leidet. Das ist eine psychohygienische Notwendigkeit. Wie denn soll der künftige Christ ein Mystiker sein, ohne dass man den jüdischen Anteil am Christentum, den man bisher verdrängt hat, re-integriert? Wie sollen die Christen mit dieser Schuld leben, wenn sie nicht bearbeitet wird? Und da geschieht einfach nichts – oder viel zu wenig. Wenn Versöhnung nicht aus dem Herzen kommt, dann bleibt sie leeres Gerede. Da können sich noch so viele Kommissionen und christlich-jüdische Dialog-Gemeinschaften bilden – es wird sich nichts ändern.

Die Furche: Ist dieses Konzept des Mitleidens mit den Menschen gerade aus der Erfahrung der Schoa heraus in der katholischen Kirche überhaupt noch ein Thema?

Gottschlich: Nein. Es ist ja auch in der Gesellschaft kein Thema. In der Mediengesellschaft sind an die Stelle von echten Gefühlen bloß austauschbare Gefühls-Posen getreten. Wo die Fähigkeit zum Mitgefühl verloren geht, dort führt der Weg in die Unmenschlichkeit. Im Übrigen ist die Fähigkeit zum Mitgefühl, die gelebte Barmherzigkeit, das Einzige, worin der Mensch in die Nachahmung Gottes eintreten kann. Die Barmherzigkeit Gottes, die gerade zu Jom-Kippur von den frommen Juden erfleht wird, ist auch ein Anspruch an den Menschen. Beide, Juden und Christen, sind diesem Anspruch besonders verpflichtet. Es fällt uns aber immer schwerer, dieser Barmherzigkeit Gottes nachzueifern. Das heißt auch: Man kann Gott nicht mit dem „Rücken zu Auschwitz“ anbeten. So hat es Johann Baptist Metz formuliert. Daher muss eine Spiritualität des 21. Jahrhunderts eine Spiritualität „nach“ Auschwitz, also eine Spiritualität der Versöhnung sein.

Die Furche: Warum aber sollten die Juden an der Versöhnung mit den Christen interessiert sein?

Gottschlich: Die Juden argumentieren zu Recht, dass der Antisemitismus Angelegenheit der Christen ist. Genauso muss auch Versöhnung dauerhaft von den Christen ausgehen. Nur so kann auch den Opfern späte Gerechtigkeit widerfahren. Aber das geht nur dann, wenn die Christen diese Kultur der Scham entwickeln. Das heißt aber auch, dass die Kirche ihre Beziehung zu den Juden nicht missionarisch, sondern „familiär“ definieren muss: Dialog kann nur gelingen, wenn darauf verzichtet wird, den anderen unter den eigenen Wahrheitsanspruch zwingen zu wollen. Dazu kommt: Versöhnung ist die Voraussetzung dafür, dass beide Religionen ihre Verantwortung für die Welt wahrnehmen – die Verantwortung der „Arbeit an der Erlösung des Menschen“, wie dies der jüdische Religionsphilosoph Gerschom Scholem formuliert hat.

Die Furche: Wichtige Vertreter der katholischen Kirche dringen aber explizit darauf, dass die Kirche ihren Missionsanspruch auch gegenüber dem Judentum aufrechterhält!

Gottschlich: Was, bitte, ist am frommen Judentum zu missionieren? Ein rabbinischer Kommentar zum Satz Jesu: „ Niemand kommt zum Vater außer durch mich“ lautet: „… es sei denn, er ist schon beim Vater.“ Sind die Juden nicht schon beim Vater …?

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