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Benedikt XVI. irritiert das Judentum

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Ein jüngst publizierter aufsatz des emeritierten Papstes scheint hinter die aussagen des II. Vatikanums über die Juden zurückzugehen.

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Ein jüngst publizierter aufsatz des emeritierten Papstes scheint hinter die aussagen des II. Vatikanums über die Juden zurückzugehen.

Ist der katholisch-jüdische Dialog in Gefahr?", fragt der Deutsche Koordinierungsrat der Christlich-Jüdischen Gesellschaften und bemerkt, dass "Irritation und Verunsicherung" um sich greifen. Anlass ist die Veröffentlichung des ursprünglich nicht für die Öffentlichkeit bestimmten Aufsatzes Gnade und Berufung ohne Reue. Anmerkungen zum Traktat "De Iudaeis" von Joseph Ratzinger, bis 2013 Papst Benedikt XVI., in der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift Communio. Das eine ist der Inhalt des 19-seitigen Beitrages, das andere ist dessen Veröffentlichung. Sie erfolgte auf Initiative von Kardinal Kurt Koch, dem vatikanischen Verantwortlichen für den katholisch-jüdischen Dialog. Koch ist "überzeugt, dass der vorliegende Beitrag das jüdisch-katholische Gespräch bereichern wird".

Ausgehend vom Dokument der Vatikanischen Kommission für die religiösen Beziehungen mit dem Judentum aus 2015, "Denn unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt (Röm 11,9)", fasst der frühere Papst die nachkonziliare neue Sicht auf das Judentum in zwei Thesen zusammen: 1. Abzulehnen ist die "Substitutionstheorie", [] dass Israel nach der Ablehnung Jesu Christi aufgehört habe, Träger der Verheißungen Gottes zu sein. 2. Richtig sei vielmehr die Rede vom nie gekündigten Bund, die [ ] im Anschluss an Röm 9-11 entwickelt wurde.

Christlicher wie jüdischer Widerspruch

Für Ratzinger, der als Papst mit den Worten von Henri Lubac betonte: Ein Antisemit ist auch ein Antichrist, sind beide Thesen im Grunde richtig [ ], aber doch in vielem ungenau und müssen kritisch weiter bedacht werden. Seine weiteren Ausführungen legen aber nahe, dass diese so nicht mehr gelten können. Der Salzburger Fundamentaltheologe Gregor Maria Hoff erkennt in dem Aufsatz die "alte 'Substitutionstheorie'", wonach "das Christentum das Judentum ersetzt" habe. Und der Schweizer Jesuiten-Provinzial Christian Rutishauser sieht darin kaum einen "Beitrag für den Dialog mit dem Judentum", auch weil nirgends versucht wird, "das Judentum als Glaubensgemeinschaft nach Christus zu verstehen, zu wertschätzen oder aus der jüdischen Tradition zu lernen". Der Beitrag erscheint ihm "wie eine Begründung für die von ihm 2009 eigenhändig neu formulierte Karfreitags-Fürbitte für den außerordentlichen tridentinischen Ritus".

Doch vorrangig sind die jüdischen Stellungnahmen zu beachten. Die erste Reaktion kam vom deutschen Rabbiner und FURCHEAutor Walter Homolka. Er wirft Benedikt vor, dass ihm "das lebendige Judentum von heute nichts" bedeute. "Aus der Gemeinsamkeit der Schrift erwächst keine substanzielle Nähe zwischen Juden und Christen." Zugespitzt meint er: "Wer die Rolle des Judentums so beschreibt, baut mit am Fundament für neuen Antisemitismus auf christlicher Grundlage."

"Sind wir nun wieder die treulosen, perfiden Juden?" Diese Frage des Schweizer, in Israel lebenden Rabbiners David Bollag ist an Kardinal Koch gerichtet. "Bereut er etwa die Aussagen seiner Kommission? Will er ihnen gar widersprechen (lassen)?" Denn Benedikt widerspricht nach Bollag den Hauptaussagen des offiziellen Dokumentes der Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum. "Will der Vatikan den jüdischchristlichen Dialog wieder gefährden?"

Der Wiener Oberrabbiner Arie Folger, ehemals Vorsitzender der Kommission für die rabbinische Erklärung "Zwischen Jerusalem und Rom", versteht die ganze Aufregung nicht. Ein Text eines "bedeutenden, konservativen katholischen Theologen für den internen Gebrauch des Vatikans", wie er in der Jüdische Allgemeinen schreibt, sollte "nicht an Maßstäben des öffentlichen und interreligiösen Diskurses gemessen werden". Dass nach Ratzinger auch Juden nur dank Jesu zum Seelenheil gelangen können stört Folger nicht. "Erwarten wir Juden tatsächlich, dass die Kirche das Judentum als legitimen Umweg um die kirchliche Lehre herum akzeptieren muss?", fragt er und stellt fest: "Wir brauchen die Bestätigung der Kirche nicht, um an die Wahrheit des Judentums zu glauben." Auch die Kirche habe keinen "Anspruch darauf, zu verlangen, dass wir ihren Weg legitimieren". Als "zwei unterschiedliche, selbstständige Konfessionen", die sich "zur Brüderlichkeit miteinander" bekennen, vertuschen wir durch "unsere interreligiöse Arbeit unsere Differenzen nicht". Wenn Folger festhält, "wir wollen trotz grundlegender Differenzen zusammenarbeiten", dann bestätigt er die Erklärung "Zwischen Jerusalem und Rom", die übrigens einen theologischen Dialog nicht für möglich hält.

Als "ahistorischen Revisionismus" bezeichnet Folger die These Ratzingers, die Substitutionstheorie sei nie Teil der kirchlichen Lehre gewesen. Damit werde "das reale Leid ignoriert, das wegen der Doktrin von "Verus Israel" Juden jahrhundertelang angetan wurde." Und er verweist auf die Skulptur der Synagoga an der Fassade des Straßburger Münsters, die "trotz aller philosophischen Bemühungen Benedikts ( ) noch immer die einer armseligen blinden Frau (ist), während Ecclesia gegenüber strahlt. Auch die "Judensäue" deutscher Kathedralen sind nicht plötzlich verschwunden. Dass Benedikt "das jüngste und längste jüdische Exil ( ) ausschließlich aus christlicher Perspektive" versteht, wonach die jüdischen Hoffnungen und Verheißungen unrealistisch, ja überholt seien, verlangt für Folger nach einer Erwiderung: Nach der Schoa "zeigte sich Gottes ewiger Bund erneut", denn in "der Diaspora entstanden wieder Gemeinden, und viele Juden folgten dem Ruf, nach Eretz Yisrael zurückzukehren, wo ein souveräner jüdischer Staat entstand."(Zwischen Jerusalem und Rom)

Unselige Anklänge an die Judenmission

Besonders irritiert Willy Weisz, den jüdischen Vizepräsidenten des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit, die Forderung an die Kirche, im Dialog mit den Juden immer wieder zu zeigen versuchen, dass ihr Bekenntnis zu Jesus als "Messias" schriftgemäß sei. Die Erinnerung an Judenmission ist naheliegend. Wenn die Kirche nach Ratzinger das Alte Testament authentisch auslegt, dann fragt Willy Weisz, auch Vorstandsmitglied des Internationalen Rates der Christen und Juden: "Welchen Wert hat es dann, gemeinsam die Schrift zu studieren, wie dies die Statue "Synagogue and Ecclesia in our time" an der St. Joseph's University in Philadelphia darstellt?" Dort repräsentieren zwei Frauen als Gleiche und Freundinnen die Synagoge und die Kirche.

Für Papst Franziskus, der diese Statue 2015 gesegnet hat, "besteht eine reiche Komplementarität, die uns erlaubt, die Texte der hebräischen Bibel gemeinsam zu lesen und uns gegenseitig zu helfen, die Reichtümer des Wortes Gottes zu ergründen"(Evangelii Gaudium). Sein Freund, der argentinische Rabbiner Abraham Skorka, sagte damals zu Franziskus, auf die Skulptur verweisend: "Die Figuren stellen dich und mich dar, Rabbiner und Papst, lernend voneinander."

| Der Autor ist Präsident des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Verständigung |

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