Juden im Neuen Testament

Unbestritten ist, dass das Neue Testament ein ungenaues, möglicherweise gar verzerrtes Bild des frühen Judentums wiedergibt.Die judenkritischen Äußerungen darin können dennoch nicht als "Antijudaismus" beschrieben werden.

Wenn sich die Exegese in den Dienst der jüdisch-christlichen Verständigung stellt, richtet sie ihre Kritik nicht selten gegen das Neue Testament selbst. Die Einwände sind unterschiedlicher Art.

Historische Fragen

Zum Teil geht es um historische Fragen. Nicht selten wird kritisiert, das Neue Testament gebe ein nur ungenaues, möglicherweise gar verzerrtes Bild des frühen Judentums wieder. So sei das neutestamentliche Pharisäer-Bild eine Karikatur, erklärbar nicht aus historischen Fakten, sondern aus dem Wollen der ersten Christen, sich von einem seit der Tempelzerstörung erstarkten Pharisäismus abzusetzen, dem wichtigsten Konsolidierungsfaktor des sich neu konstituierenden Judentums. Diese und andere Fälle sind unbestreitbar. Sie aufzudecken, gehört zur historisch-kritischen Aufgabe der Exegese.

Die Konfrontation zwischen dem neutestamentlichen Image und dem historischen Bild der Pharisäer dient nicht nur einer Entmythologisierung überkommener Ideologie und der Vorbeugung gegen antijüdische Klischees, sondern auch einer Konzentration jüdisch-christlicher Kontroversen auf das Wesentliche, die Glaubensfrage.

In historischer Betrachtung haben die neutestamentlichen Schriften keinerlei Privileg in der Beschreibung des antiken Judentums, sie sind wertvoll, aber sie werden genauso kritisch befragt wie etwa die - in dieser Hinsicht viel reicheren - Schriften des Flavius Josephus.

Die Anfragen an das Neue Testament betreffen auch die Hermeneutik. So sehr auf der einen Seite geschätzt wird, dass von den "heiligen Schriften" (Röm 1,2) die Rede ist, vom inspirierten Gotteswort im Wort der Heiligen Schrift, so sehr wird auf der anderen Seite die konkrete Lektüre des Alten Testaments im Neuen Testament kritisiert, weil sie den - heute mit Hilfe der Exegese jedenfalls annähernd zu erarbeitenden - Ursprungssinn häufig verfälsche und an der jüdischen Schriftauslegung kein gutes Haar lasse. Hier muss allerdings differenziert werden. Zum einen schleicht sich bisweilen das Urteil ein, die jüdische, speziell dann die rabbinische Exegese des "Alten Testaments" sei irgendwie authentischer als die urchristliche.

In Wahrheit sind beide Varianten der Schriftauslegung Phänomene aktiver Rezeption mit teils gleichen, teils unterschiedlichen hermeneutischen Prämissen.

Vorwurf des Antijudaismus

Im Kern der Sachkritik am Neuen Testament steht der Vorwurf des Antijudaismus. Er ist besonders sorgfältig zu beachten, weil antijüdische Aggressionen, seitdem die Kirche die Machtmittel hatte, immer wieder nicht nur ihr Denken, sondern auch ihr Handeln bestimmt haben. Er ist aber auch schillernd, weil recht unterschiedliche Vorstellungen, was Antijudaismus sei, die Diskussion beherrschen.

Folgt man den gängigen Lexika, so lässt sich als Antijudaismus am ehesten eine ideologisch oder theologisch begründete Feindschaft und Diskriminierung der Juden als Juden, das heißt als ethnische bzw. religiöse Gruppe verstehen Als solcher ist er verwerflich - nicht nur aus Allgemein menschlichen, sondern auch aus spezifisch christlichen Gründen, weil er sowohl der Bergpredigt als auch der Glaubenseinsicht in die bleibende Erwählung Israels zuwiderliefe.

Wollte man unter dieser Rücksicht von einem urchristlichen Antijudaismus sprechen, müsste man allerdings mehrerlei in Rechnung stellen:

Juden(christen) gegen Juden

Erstens: Die härtesten Worte finden sich gerade in Texten, deren Autoren Judenchristen sind, die ihr Judentum nicht verleugnen, engste Verbindungen zum zeitgenössischen Judentum haben und gerade deshalb polemisieren. Matthäus und Johannes, zuweilen auch Paulus liefern die Beispiele.

Mit dem Vorwurf des Antijudaismus an ihre Adresse wird es überdies schwierig, weil gerade sie auch die positivsten Aussagen über das Judentum haben (Mt 15,24: "Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt"; Joh 4,22: ,Das Heil kommt von den Juden"; Röm 11,26: "Ganz Israel wird gerettet werden"). Das hat hermeneutische Konsequenzen: Man wird keine neutestamentliche Theologie finden, die als solche antijüdisch wäre.

Damit ist aber das Problem einzelner Stellen nicht behoben. Weil die einschlägigen Aussagen unübersehbar ihre Rolle im Trennungsprozess von Kirche und Synagoge spielen, kann man sich nicht ohne weiteres mit der Auskunft beruhigen, es handle sich um rein innerjüdische Debatten im Stile etwa der Qumran-Polemiken.

Bei Jesus ist seine Kritik an der Heuchelei der Pharisäer und Schriftgelehrten gerade deshalb so scharf, weil gerade sie es besser wissen müssten.

Umstrittene Interpretationen

Zweitens: Ein Großteil der Anklagen beruht auf exegetischen Interpretationen, die zwar lange Zeit stark verbreitet waren, aber (heute) umstritten sind. Beispiele: Wären "die Juden" im Vierten Evangelium und besonders in der johanneischen Passionsgeschichte tatsächlich pauschal als Repräsentanten des ungläubigen Kosmos und nach Joh 8,44 als Teufelssöhne hingestellt, wäre zweifellos Grund zur Kritik an Antijudaismus gegeben.

Aber Johannes schreibt viel differenzierter. In Joh 8 kritisiert Jesus diejenigen, die ihn töten werden; in der Passionsgeschichte wird aus dem Kontext klar, dass die Hohenpriester und Schriftgelehrten - zusammen mit Pilatus - die Protagonisten des Prozesses gegen Jesus gewesen sind; in beiden Fällen betont aber das Johannesevangelium, dass es Juden sind, die als Juden handeln, weil sie meinen, Gott einen Dienst zu leisten (Joh 16,2), und damit zum ureigenen Volk Jesu gehören, für das er stirbt (11,45-53).

Die so genannte Selbstverfluchung: "Sein Blut komme über uns und unsere Kinder" (Mt 27,25) ist bei Matthäus nicht das Manifest eines unstillbaren Judenhasses, sondern in der erzählten Welt des Evangeliums eine ungewollte Prophetie der vom Evangelisten - wie aus anderen Gründen von Flavius Josephus - als Strafgericht Gottes gedeuteten Zerstörung Jerusalems - und damit paradox auf die Rettung Israels durch das Gericht hindurch bezogen würde.

Zum ursprünglichen Kontext

Drittens: Die Last der antijüdischen Exegesen wird man nicht schon dadurch los, dass man historisch-kritisch zu interpretieren beginnt. Vielmehr gilt es, die Bedingungen ins Auge zu fassen, unter denen jene Auslegung möglich geworden ist. Dies scheint vor allem der Verlust des Judenchristentums in den Reihen der Kirche gewesen zu sein. Damit ist ein wichtiger hermeneutischer Schlüssel genannt: die fraglichen Texte in ihrem ursprünglichen, jüdisch-judenchristlichen Kontext zu interpretieren.

Jüdischer Antijudaismus?

Im Ganzen hat sich das Stichwort "Antijudaismus" zwar bewährt, eine theologische Problematisierung im Interesse einer schriftgemäßen jüdisch-christlichen Verständigung zu fördern. Aber weil der Begriff des Antijudaismus - was angesichts der Geschichte kaum vermeidbar scheint - in hohem Maße interessegeleitet eingesetzt worden ist (sei es, um das Neue Testament zu entschuldigen, sei es, um es anzuklagen), hat er viel zur Verwirrung beigetragen.

Als Beschreibung dessen, was im Neuen Testament kritisch über Juden, über jüdische Bräuche oder jüdische Gruppen oder über einzelne Juden gesagt ist, taugt er letztlich nicht, weil man gezwungen wäre, von einem jüdischen, nämlich judenchristlichen Antijudaismus zu sprechen und weil die Basis auch der Kritik ein radikaler Pro-Judaismus ist, wie ihn Jesu stellvertretender Sühnetod für die Vielen ein für allemal dem Christentum vorgibt. Deshalb kann die Debatte aber nicht aufhören, sondern muss fortgesetzt werden.

Der Autor lehrt Biblische Theologie an der Universität Wuppertal und ist Referent der "St. Georgener Gespräche 2003". Redaktionell gekürzter Abschnitt aus "... die Wurzel trägt dich' - Methodische und hermeneutische Konsequenzen des jüdisch-christlichen Dialoges in der neutestamentlichen Exegese" des Autors in Band 200 der theologischen Reihe "Quaestiones disputatae" (Buchtipp).

BUCHTIPP: METHODISCHE ERNEUERUNG DER THEOLOGIE Konsequenzen der wiederentdeckten jüdisch-christlichen Gemeinsamkeiten

Hg. von Peter Hünermann und Thomas Söding, Quaestiones disputatae, Bd. 200 Verlag Herder, Freiburg 2003

240 Seiten, kt., e 25,60

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