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Die ersten Zeugen der Auferstehung

1945 1960 1980 2000 2020

Frauen haben als erste den Auferstandenen gesehen. Dies ist die Auffassung vieler Christen und dient Frauen unserer Tage des öfteren als Argument gegen ihre untergeordnete Stellung in der Kirche.

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Frauen haben als erste den Auferstandenen gesehen. Dies ist die Auffassung vieler Christen und dient Frauen unserer Tage des öfteren als Argument gegen ihre untergeordnete Stellung in der Kirche.

Entspricht die heutige Stellung der Frau in der Kirche nicht genau dem Verschweigen oder gar der Unterdrückung der Vorzugsstellung von Frauen als ersten Osterzeugen in mehreren biblischen Texten? Um darauf zu antworten, ist zunächst allgemein auf die Eigenart der Oster-evangelien und auf ihre zum Teil widersprüchlich klingenden Angaben einzugehen.

Vor etwa 200 Jahren lenkte der Orientalist H. S. Reimarus (t 1768) die besondere Aufmerksamkeit auf die widersprüchlichen Angaben in den vier Evangelien von der Entdeckung des leeren Grabes durch Frauen: Wann? Durch wen? Ein oder zwei Engel? Ängstliches Schweigen der Frauen oder freudiges Verkünden? Reimarus schloß aus den wie protokollarische Berichte beurteilten Texten, daß diese nicht als zuverlässige Geschichtsquellen gelten könnten und die Osterbotschaft dämm eine pure Erfindung der Apostel sei, die sich nicht mit dem Tod ihres Meisters abfinden wollten.

Die intensive Erforschung in den nächsten Jahrhunderten zeigte jedoch: Die zwischen 70-95 niedergeschriebenen Texte, die auf alte Vorlagen zurückgehen, sind keine Berichte im Sinn neuerer Geschichtsschreibung, sondern zur Verkündigung und Verteidigung der Osterbotschaft frei gestaltete Texte, eher Gemälden als Fotografien vergleichbar. Mit Recht werden sie als Erzählungen („Geschichten") charakterisiert, die um „die Geschichte" des Anfangs der Predigt von Jesu Auferstehung kreisen. Ihr Anliegen ist es, die alte Oster-verkündigung „Christus ist auferstanden" (vergleiche 1 Thess 4,14; Lk 24,34; 1 Kor 15,3-5) in der Sprache ihrer Zeit letztlich als ein nicht von Frauen erfundenes „Geschwätz", sondern als von Gott stammende Botschaft auszuweisen.

Das ist auchder Sinn der Verkündigung durch Engel = Boten Gottes. Aus diesen Erzählungen kann daher ebenso wenig wie aus alten Bildern direkt auf den Hergang der Ereignisse nach dem Karfreitag geschlossen werden. Jeder Bibelwissenschaftler muß diese Grenzen seiner Forschungen eingestehen. Er kann aus den biblischen Quellen nicht mit letzter Sicherheit folgern, daß das Grab Jesu leer war, wie dies unbelehrbare Konservative tun; er kann aber ebenso wenig daraus schließen, daß es nicht leer war, wie manche (unter anderem Eugen Drewermann) apodiktisch behaupten. Die meisten Exegeten rechnen damit, daß das Grab Jesu „wahrscheinlich" leer war, sehen aber wie die Evangelisten - anders als die neuzeitliche Apologetik - darin keinen Beweis für Jesu Auferstehung.

Der Leib des Auferstandenen ist nämlich aus der Sicht heutiger Anthropologie nicht an das biochemische Substrat des Leichnams im Grab gebunden. Einem leeren Grab kommt daher allenfalls eine Zeichenfunktion zu: Der Gekreuzigte ist nicht mehr im „Grab", insofern damit die damals mit dem Grab in eins gesetzte Unterwelt (das Reich des Todes) gemeint ist. Auferstehung Jesu meint ja nicht die bloße Wiederbelebung seines Leichnams, sondern die endgültige Überwindung des Todes und die Erlangung einer ganz neuen leiblichen Existenzweise (vergleiche 1 Kor 15,44f).

Alle Erzählungen von der Entdek-kung des leeren Grabes stimmen darin überein, daß es namentlich bekannte Frauen waren, die zuerst darauf aufmerksam wurden und den Aposteln davon berichteten. Von ihnen wird zwar niemals erzählt, daß sie zu einer besonderen Nachfolge als „Jüngerinnen" berufen wurden, doch bildeten sie neben den Zwölf beziehungsweise den 72 Jungem einen festen Kreis um Jesus. Unter ihnen steht Maria von Magdala immer an erster Stelle, ebenso wie in den Apostellisten Simon Petrus. Diese Angaben haben insofern hohe Bedeutung, als die Frauen - meist als Dreiergruppe - auch als Zeugen des Todes Jesu (Mk 15,40 par) und seines Begräbnisses (Mk 15,47) angeführt werden.

Der Notiz, daß sie „von fem zusahen" (mehr erlaubte das damalige Gesetz nicht), wie Jesus gekreuzigt wurde, kommt angesichts der Flucht aller Jünger (Mk 14,50) ein besonderer Wert zu. (Lukas und Johannes haben diese Angaben aus österlicher Sicht abgewandelt, indem sie zusammenschauend erzählen, daß auch „seine Bekannten" von ferne zuschauten [Lk 23,49], ja daß Jesu Mutter und der geliebte Jünger „bei dem Kreuz" [Joh 19,25f] standen.) Daß Frauen zudem „sahen", wo Jesus begraben wurde, unterstreicht ihre bedeutende Stellung. (In der christlichen Kunst wurden sie oft als diejenigen dargestellt, die sich an Jesu Begräbnis beteiligten.) Daß die von Männern geschriebenen Evangelien diese für alle Jünger beschämenden Nachrichten nicht verschwiegen haben, deutet auf ihre Verankerung in der Geschichte von Jesu Tod und Begräbnis hin.

Historisch gesehen ist es auch durchaus glaubwürdig, daß diese Frauen nach dem Sabbat, an dem die Totenklage verboten war, wiederum zum Grab gingen, um ihre Anhänglichkeit an den Meister zu zeigen, dem sie aus Galiläa gefolgt waren. Was aber am Grab geschah, kann historisch den vorliegenden Texten nicht ohne weiteres entnommen werden. Das Motiv der Salbung (nur Mk und Lk) läßt sich nämlich kaum mi; den Angaben über eine Versiegelung und Bewachung des Grabes durch Soldaten (Mt) vereinbaren; es fehlt deshalb nicht zufällig im Matthäusevangelium wie auch im Johannesevangelium, nach dem Jesus schon beim Begräbnis mit 100 Pfund Myrrhe und Aloe gesalbt wurde.

Nur Matthäus erzählt also eine Versiegelung und Bewachung des Grabes, dessen Öffnung durch einen Engel, verbunden mit einem Erdbeben, sowie die Flucht der bestürzten Wächter und deren Bestechung. Solche Schilderungen dienen ziemlich sicher der erzählerischen Widerlegung des damals sich verbreitenden Gerüchts, die Jünger hätten den Leichnam Jesu gestohlen. (Für eine derartige Erzählweise gibt es in zeitgenössischen jüdischen Texten viele Belege.)

Die Angaben über die Erscheinung eines himmlischen Boten im Grab (Mk) beziehungsweise vor dem Grab (Mt) oder zweier „Männer in leuchtendem Gewand" (Lk 24,4), das heißt zweier Engel (Lk 24,23; Joh 20,12), weichen ebenso von einander ab, wie die von diesen Engeln ausgerichteten Worte, deren gemeinsamer Kern jedoch die den Lesern bekannte Osterbotschaft „Er ist auferstanden" bildet. Es handelt sich hier eindeutig nicht um protokollarische Berichterstattung, wie auch die unterschiedlichen Zeitangaben „als die Sonne aufgegangen war" (Mk 16,2) beziehungsweise „als es noch dunkel war" (Joh 20,1) belegen.

Wer die im damaligen Schrifttum, besonders in der sogenannten apokalyptischen Literatur, bekannte Vorstellung von einem auftretenden Engel als Deuteengel (angelus interpres), das heißt als Sprecher Gottes berücksichtigt, erkennt unschwer: In der den ersten Lesern vertrauten Sprache wird hier versichert, daß die von den Frauen an die Jünger übermittelte Osterbotschaft von Gott stammt und keine menschliche Erfindung ist, wie die Gegner unterstellten.

Mit welchem Recht konnte aber erzählt werden, daß die Osterbotschaft letztlich von Gott stammt? Mitunter wurde und wird behauptet: Für die zum Grab zurückgekehrten, Jesus auch jetzt noch zugetanen Frauen hätten „die Steine" sozusagen angefangen zu sprechen und ihnen die Einsicht vermittelt, daß der verehrte Gekreuzigte nicht für immer tot sei; Maria von Magdala habe sich so intensiv an Jesus zurückerinnert, daß sie ihn wie eine Visionärin leibhaftig vor sich sah (so neuerdings etwa E. Drewermann). Solche Erklärungen stehen aber in direktem Widerspruch zur Grundintention der biblischen Texte. Die Evangelien wollen nämlich gerade eine rein psychologische Erklärung zurückweisen und betonen, daß hinter den Aussagen der Frauen eindeutig ein Wirken Gottes steht.

Möglich ist, daß diese Aussageweise ihr Fundament nur in den von den Aposteln bezeugten Erscheinungen des Auferstandenen hat. Näher liegt es jedoch, mit einzigartigen Ostererfahrungen der Frauen umJesuszu rechnen. Dies schließt nicht aus, daß Gott dabei an die Veranlagung der Frauen, an ihre innige vorösterliche Verbindung mit Jesus und ihre menschliche Hoffnung anknüpfte. Der Leser der Bibel steht hier vor der Entscheidung, die Aussagen der Frauen als ihnen von Gott geschenkte Offenbarung ernst zu nehmen oder sie als menschliche Einbildung abzu-tun.

Auffallenderweise finden sich in zwei Evangelien zusätzlich noch Angaben darüber, daß den Frauen beziehungsweise Maria von Magdala am Grab der Auferstandene selbst erschien. Stutzig macht dabei, daß in der matthäischen Erzählung Christus den Frauen fast dieselben Worte ausrichtet (28,10) wie vorher der Engel (28,7), der seine Worte indessen geradezu majestätisch beschließt: „Seht, ich habe es euch gesagt". Im Johannesevangelium wiederholt der Auferstandene gegenüber Maria zunächst ebenfalls die Worte der beiden Engel: „Frau, was weinst du?" (20,15); erst danach gibt er sich der Klagenden durch den Anruf „Maria" zu erkennen (20,16). Wie ist dieser Befund zu erklären?

Manche Exegeten rechnen'mit der Möglichkeit, daß die Angaben über eine Erscheinung des Auferstandenen vor Frauen nachträglich aus der alten Überlieferung dermarkinischen Grabesgeschichte beziehungsweise deren Vorlage erzählerisch entwik-kelt wurde; der Auferstandene selbst sei also den Frauen am Ostermorgen nicht erschienen, wie auch Lk 24,23 betont. Andere rechnen damit, daß es schon sehr früh zwei unterschiedliche Überlieferungen gab: eine von einer Engelerscheinung, eine andere von einer Christuserscheinung am Grab. Beide seien von Matthäus und Johannes später miteinander verbunden worden; Markus hingegen habe eine Christuserscheinung vor den Frauen vermutlich einfach verschwiegen oder sogar verdrängt, so wie sie auch in der alten Aufzählung von 1 Kor 15,5-7 nicht aufscheint.

Als Grund dafür mag gelten, daß Frauen damals nicht als rechtskräftige Zeugen galten und ihre Erwähnung zudem die Osterbotschaft dem Vorwurf ausgesetzt hätte, ein „Geschwätz" von Frauen zu sein (vergleiche Lk 24,11). Auf der Linie dieser Erklärungen liegt auch die Hypothese - mehr als Hypothesen können die Exegeten diesbezüglich nicht vorweisen -, schon in der Vorlage des Markus sei die älteste Nachricht von der Ostererscheinung Jesu (Christo-phanie) vor Frauen aus apologetischen Motiven zu einer Engelerscheinung (Angelophanie) „degradiert" worden.

Was hat nun zu gelten? Die unterschiedlichen Erzählungen zeigen zunächst negativ, daß viele neugierige Fragen unbeantwortet bleiben müssen. Sie weisen uns aber positiv daraufhin, daß die Osterbotschaft alles andere als ein innerweltliches Geschehen betrifft; sie ist so außergewöhnlich, daß sie uns, wie es auch von den Frauen erzählt wird, zunächst in Schrecken versetzen und die Sprache verschlagen kann (vergleiche Mk 16,8). Es geht nämlich nicht bloß, wie schon angedeutet, um ein außergewöhnliches medizinisches Ereignis, sondern um die Erhöhung des Gekreuzigten zur bleibenden Teilhabe am göttlichen Leben und an der Machtfülle Gottes („mir ist alle Macht gegeben"; „sitzend zur Rechten des Vaters"). Wie diese mit den bildhaften Begriffen „Auferstehung" oder „Auferweckung" ausgedrückte Wirklichkeit unsere menschliche Vorstellungskraft übersteigt, so auch ihre Kundgabe an die Apostel und - soweit der Bibliker das sagen kann - an die Frauen.

Schließlich darf nicht übersehen werden: Paulus konnte seine Osterer-fahrung vor Damaskus zugleich eine „Erscheinung" (1 Kor 15,8), eine ihm von Gott geschenkte „Offenbarung" (Gal 1,12.150, aber auch eine innere „Erleuchtung" („zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes auf dem Antlitz Christi" 2 Kor4,6) nennen. Die davon sich unterscheidenden, keineswegs identischen drei Schilderungen der Apostelgeschichte (9; 22; 26) sind wie die Osterevangelien als Bilder, das heißt als erzählerische Veranschaulichungen zu betrachten. Liegt es dann nicht nahe, auch in den Erzählungen über die Kundgabe der Osterbotschaft durch einen oder zwei Engel letztlich Versuche zu sehen, die Ostererfahrung der Frauen, die jede menschliche Vorstellungskraft übersteigt, auf solche Weise als einzigartige, von Gott beziehungsweise dem Auferstandenen den Frauen selbst geschenkte Offenbarung zu bewerten?

Die Osterevangelien lassen uns unmißverständlich erkennen, daß den über Jesu Kreuzestod erschrockenen Jüngern die Botschaft „Er ist auferstanden" als von Gott stammende Botschaft zuteil wurde. Sehr wahrscheinlich - mehr kann der Exeget nicht sagen - wurde den Frauen diese Erkenntnis als ersten geschenkt. Das bevollmächtigte sie, als erste die Auferstehung Jesu zu verkünden. Wenn in der Urkirche die Zuverlässigkeit der Osterbotschaft hingegen vorrangig an die Erfahrung der Apostel gebunden wurde, erfolgte dies nicht aus einer Abwertung der Frauen im Umkreis Jesu; es geschah vielmehr aus Rücksichtnahme auf die damaligen Zeitumstände, wo Frauen nicht als rechtskräftige Zeugen galten, und im Hinblick auf die seitens der Gegner vorgebrachten Verdächtigungen.

Umso beachtlicher ist es, daß die Evangelisten Nachrichten über die namentlich bekannten Frauen festgehalten haben, die Jesus von Galiläa bis Golgota und zu seinem Grab nachfolgten, ohne amtlich Jünger zu sein. Durch ihre Treue beschämten sie die berufenen Jünger und wurden zu ersten Verkündern der Osterbotschaft, so daß Maria von Magdala sogar den Hoheitstitel „apostola apostolorum" (Apostolin der Apostel) erhalten konnte. Diese außergewöhnliche Berufung von Frauen hat letztlich ihren Grund in der hohen Achtung Jesu vor den Frauen. Dadurch unterschied er sich von den meisten Männern seiner Zeit.

Für die Kirche unserer Tage ergeben sich aus dieser Hochschätzung und österlichen Berufung von Frauen weitreichende Folgerungen. Die Rücksichtnahme auf das Rechtsempfinden der Umwelt und den Argwohn gegenüber einer von Frauen vorgetragenen Lehre ist in den westlichen Kirchen heute sicher nicht mehr in der Weise geboten wie noch in der Urkirche und den folgenden Generationen. Dies kann heute kein Grund mehr sein, Frauen den Zutritt zu jedem kirchlichen Amt, besonders zum schon in der Bibel und in der frühen Kirche verankerten Diakonat, zu verwehren. Die Bibel bietet dafür auch sonst keinen stichhaltigen Grund. (Das gilt aus exegetischer Sicht auch für die übliche Berufung darauf, daß Frauen in den Abendmahlstexten nicht erwähnt werden.)

Aus pastoraler Sicht ist hingegen das immer noch anders gelagerte Empfinden breiter Volksschichten und der Ostkirchen zu berücksichtigen. Bei allen Vorbehalten und berechtigten Bemühungen ist allerdings aus den Osterevangelien zu lernen: Es geht nicht vorrangig um die Stellung von Männern oder Frauen, sondern um die glaubwürdige Bezeugung des auferstandenen Jesus Christus in unserer Zeit.

Der Autor ist Ordinarius für Neutestamentliche Bibelwissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

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