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Jesus, Magdalena und die Kids

Kommerz um Knochenkasten am Karfreitag - und auch der ORF beteiligt sich. Zorniger Einwurf eines Wissenschafters.

Wissenschaft, Politik und Wirtschaft sowie in besonderer Weise natürlich Religion und Glauben bieten einen willkommenen Hintergrund für "Aufdecker". Sie reißen die mühselig aufrechterhaltene Fassade ein und holen die sprichwörtlichen Leichen aus dem Keller.

Die Grab-Schändung

Im konkreten Fall einer vermeintlich sensationellen Aufdeckung, deren Ausstrahlung für Karfreitag vorgesehen ist, geht es zwar nicht um Leichen im Keller, aber immerhin um - inzwischen beerdigte - Skelette in Knochenkästen. Die Skelette Jesu samt Familie - gemeint ist Maria Magdalena und ein gemeinsames Kind namens Judah sowie weitere Angehörige - sollen angeblich in einem Grab gelegen haben, das im März 1980 im Jerusalemer Viertel Talpiot durch Zufall bei Bauarbeiten gefunden wurde. Im Rahmen einer Notgrabung wurden die Ossuare geborgen, die dort aufbewahrten Skelette wurden bestattet. Doch es war noch genügend DNA in den Knochenkästen vorhanden, um eine forensische Analyse durchführen zu können. 27 Jahre hat es gedauert, dieser Karfreitag offenbart auch die filmische Gewissheit: Jesus und Maria Magdalena samt gemeinsamem Nachwuchs seien in diesem Grab beerdigt.

Ein wenig entsetzt möchte man als Wissenschafter die Frage stellen, ob Dan Brown und sein Da Vinci Code ansteckend sind. Nachahmer, die ähnliche Werke verfassten und von den Verlagen in der Hoffnung auf vergleichbare Erfolge auch verlegt wurden, haben sich ja bereits für den Bereich der Romanliteratur gefunden. Jetzt folgt eine Discovery Channel-Dokumentation, die auch von ORF 1 ausgestrahlt wird. Der Regisseur James Cameron hat mit Aliens und Titanic sein Können unter Beweis gestellt.

Jeder weiß: Augenzeugen sind notorisch unzuverlässig. Fakten und Tatsachen, so genannte unumstößliche Beweise, das ist es, woraus ein felsenfester Beweis gemacht ist. Im vorliegenden Fall eben: Knochenkästen und DNA-Analyse. Eine DNA-Analyse ist natürlich besonders faszinierend, schließlich weiß man ja aus den Medien, wie winzige Spuren zur Überführung eines Täters ausreichen. Und gerade hieraus kann man ersehen, wie sehr Beweise gezimmert werden, die in keinem ordentlichen Gerichtsverfahren oder keiner wissenschaftlichen Argumentation verwendet werden dürften. Ganz offensichtlich geht es hier einzig um Quoten und Reichweiten, um Märkte und Einnahmen.

Es ist sicherlich ein tief in das menschliche Gehirn eingegrabenes Muster aus stammesgeschichtlicher Urzeit, dass Menschen dazu neigen, Zusammenhänge zu konstruieren und unvollständige Informationen zu vervollständigen. Die quietschenden Reifen bewegen jeden, der auf einem Zebrastreifen die Straße überquert, dazu, einen Satz zu machen, um dem bremsenden Auto auszuweichen. In der Savanne genügte es, die Tatze eines Raubtieres zu sehen, um den nächsten Baum anzusteuern. Wer dies nicht tat und sich stattdessen vergewisserte, was dort genau für ein Tier steht, ob Löwe, Puma oder Säbelzahntiger, konnte leicht zum Mittagsimbiss werden.

Camerons Tunnelblick

Wissenschaftlich beschäftigt sich die Gestaltpsychologie mit diesem Phänomen, und die Verwendung dieser psychologischen Eigenart des Menschen zur Konstruktion von Zusammenhängen nennt man häufig auch "Data-Mining". Genügend Daten führen dazu, dass der Mensch Strukturen wahrnimmt. Man kann nun Tafeln von "Farbklecksen" dafür verwenden, um aus den wahrgenommenen Strukturen etwas über die Befindlichkeit der Person herauszufinden: Dies bezeichnet man in der Psychologie als Rorschach-Test.

Falls die Dokumentation, die am diesjährigen Karfreitag ausgestrahlt wird, tatsächlich wissenschaftlich ernst gemeint sein sollte, so möchte man - sozusagen als Analyse der psychischen Zustände der Beteiligten - einen schweren und unheilbaren Fall von Wunschdenken, gepaart mit einem gerüttelt Maß an Tunnelblick diagnostizieren.

Der Fall des "Data-Mining" ist offensichtlich. Ein Grab muss aufgrund der Bestattungsform in eine zeitliche Nähe zum Tod Jesu gerückt werden, ein paar - auch biblisch bezeugte - Allerweltsnamen und etwas Fantasie, und schon begegnet man der Familie Jesu. Im Rahmen eines veritablen Tunnelblicks wird alles, was gegen die Deutung der Namen auf den Särgen spricht, ausgeblendet. Vielleicht wird in 2000 Jahren ein Archäologe ein Wiener Telefonbuch finden und die Behauptung aufstellen, dass alle Personen mit dem Nachnamen Maier einer einzigen Familie angehörten.

Ein Grab hat Särge mit den Namen Jesu, dessen Sohn Judah und einer Frau namens Maria. Dies allein sollte höchste Skepsis hervorrufen. Es wäre natürlich ein gefundener Skandal, einen bestatteten Jesus vorweisen zu können. Dass Frau und Kind mit von der Partie sind, wäre dann gleichsam die Krönung. Das haben die Urheber des Streifens auch begriffen, um so mehr wäre allerdings für die Richtigkeit der Behauptung zu erwarten, dass sich irgendein altkirchlicher Beleg für eine derartige Auseinandersetzung findet. Altkirchlich sind keine Nachrichten über einen Nachwuchs Jesu bezeugt. Deswegen darf angenommen werden, dass er kinderlos starb. Auch gibt es keine glaubwürdigen Nachrichten für eine "Partnerin", dies ist vor allem eine romantische Fiktion der Neuzeit.

Nichts als Fiktion

Aus der Tatsache, dass in einem Sarg eine Maria lag, die - nach der griechischen Inschrift - "Mariamene alias Mara" genannt wurde, schließt man, dass es sich um die aus Magdala handelt. Dass sich auf dem Sarg nicht die für diese Maria kennzeichnende Herkunftsbezeichnung - aus Magdala - findet, genügt, um mit Sicherheit auszuschließen, dass in diesem Sarg jemals die Gebeine der Maria aus Magdala lagen. Nur in koptischen Texten aus Ägypten und eben nicht in Texten aus dem Heiligen Land wird Maria aus Magdala teilweise als - Mariamme - bezeichnet. Auch ist die Namensform Mariamene nicht in diesen Texten, die frühestens für die erste Hälfte des zweiten Jahrhunderts für Ägypten belegt sind, bezeugt. Dafür, dass diese "Mariamene" mit "Mariamme" identisch sein soll, fehlt jeder Beweis. Die abweichende Namensform und dieser Anachronismus sprechen dafür, dass es sich unter keinen Umständen um die Maria Magdalena handeln kann.

Der Höhepunkt des Wunschdenkens ist jedoch Jesu Kind. Weil kein Name eines möglichen Kindes Jesu überliefert ist, kann nach der offensichtlichen Logik der Filmemacher nicht einmal widerlegt werden, dass es sich bei "Judah, Jesus' Sohn" um diesen historischen Jesus und seinen Sohn gehandelt hat. Abstrus ist das richtige Wort hierfür.

Provokativer Unsinn

Was bleibt: Ein Grab, in dem Personen mit "Allerweltsnamen" liegen . Die dort beerdigten Menschen werden mit bekannten religiösen Persönlichkeiten identifiziert. Jesus, Maria oder Judah waren äußerst häufig. So begegnet allein im Neuen Testament neben Maria, der Mutter Jesu, und Maria aus Magdala auch noch Maria von Bethanien, die Schwester des Lazarus (Joh 11), Maria, Mutter des Jakobus und Josef (Mt 27,56 u. a.), Maria, Mutter des Johannes Markus (Apg 12,12) und eine Maria in Rom (Röm 16,6).

Pseudowissenschaftlich wird "bewiesen", dass der christliche Glaube an die leibliche Auferstehung Jesu durch ein Skelett im Knochenkasten widerlegt sein soll. Wissenschaftlich eine Katastrophe, methodisch falsch, aber sensationell. Kalkulierte Provokation zur Maximierung der Erträge - und das am Karfreitag!

Dieser Film zeigt einmal mehr, dass ein großes Interesse an Themen besteht, die Religion und Historie verbinden. Dass dieses von seriöser Forschung nicht immer ausreichend bedient wird, kann wohl nur als Defizit bezeichnet werden.

Der Autor ist Kirchenhistoriker in Wien und arbeitet - gefördert vom Wissenschaftsfonds - an koptischen Papyrusurkunden.

Zum ORF-Karfreitags-Programm siehe auch: "In medias res", Seite 17 dieser FURCHE.

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