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Spurensuche nach Jesus & Co

Die Anfänge des Christentums üben auch heute noch große Faszination aus. Wie die Lehren des jüdischen Rabbi Jesus in die schriftliche Form der Evangelien kamen, liegt - trotz intensiver Forschung - in Bezug auf viele Aspekte weiter im Dunkel: ein riesiges Feld von Entdeckungen und Spekulationen, bei dem gesunder Menschenverstand wie wissenschaftliches Handwerkszeug im Blick bleiben sollten.

Nur eine ganz simple Suchanfrage in einer Internetsuchmaschine zum Stichwort "Jesus Christus" führte schnurstracks zu einer Homepage, auf der einige Bucherscheinungen zum Thema aufgelistet waren: "War Jesus Caesar?" lautete der erste Buchtitel, im dazugehörigen Werk wird, so die Kurzbeschreibung, nachgewiesen, dass Jesus Christus ident war mit dem - laut landläufiger Geschichtsmeinung - 44 vor Christus ermordeten Diktator. Als nächstes bot die Liste "Das Ur-Evangelium" an, in dem ein Herbert Ziegler und ein Elmar R. Gruber die "wahren Worte Jesu" nach 2000 Jahren akribisch rekonstruiert haben wollen. Dann folgte Andreas Faber-Kaisers "Jesus starb in Kaschmir", demzufolge der Stifter des Christentums - anstatt zu sterben und aufzuerstehen - von den Kreuzigungswunden genas und den Lebensabend in Kaschmir verbrachte. Man wundert sich nicht mehr, dass ein anderer Autor Ähnliches ahnte und dies unter dem Titel "Jesus lebte in Indien" niederschrieb.

Als Nummer fünf in der zitierten Jesusbuch-Liste wurde der Bestseller "Verschlusssache Jesus" angeführt, der eine Kirchenverschwörung aufdeckt: Die in Qumran am Toten Meer gefundenen Schriftrollen werden zurückgehalten, weil darin Dinge geschrieben stehen, die den etablierten Religionsinstitutionen der Christen ordentlich gegen den Strich gehen. Als nächstes fand sich das Buch "Die Johannesverschwörung", wo enthüllt wird, dass Jesus eigentlich Johannes zum Nachfolger erkoren hatte, doch Petrus und seine Fraktion hätten diesen mundtot gemacht. Schließlich hatten dann noch Richard Andrews und Paul Schellenberger in Frankreich "Das letzte Grab Christi" entdeckt und ihre Erkenntnisse unter nämlichem Buchtitel publiziert.

Das hier geschilderte Panoptikum an Erscheinungen des Buchmarktes ist beileibe nichts Außergewöhnliches, die Seltsamkeiten wurden von durchaus respektablen Verlagen publiziert, und man darf annehmen, dass sie auch gelesen werden: Anders ist es nicht zu erklären, dass aus allen ideologischen und spirituellen Richtungen eine Unzahl von Büchern, Filmen et cetera, die sich mit Jesus und den Anfängen des Christentums beschäftigen, auf den Markt kommt. Auch wenn man nicht alles davon über einen Leisten schlagen sollte, so fällt doch auf, dass viele dieser Diskussionsbeiträge Fälschungen oder Verschwörungen auf der Spur sind: Die einen unterstellen den etablierten Kirchen, den "wahren Jesus" verschwiegen zu haben, die anderen beschuldigen die etablierte Bibelwissenschaft, sie würde das Göttliche der biblischen Berichte leugnen und so Jesu Botschaft entstellen.

Wie sind diese Phänomene und Auseinandersetzungen zu deuten?

* Der Boom an Publikationen rund um die Wiege und die Quellen des Christentums kann - auch wenn vieles davon als dubios oder unsinnig einzustufen ist - als Zeichen des ungebrochenen Interesses an dieser Religon und ihrer Stiftergestalt interpretiert werden: Über Jesus und seine Sache ist auch im säkularisierten Westen keineswegs Gras gewachsen.

* Dass in diesem Zusammenhang alle möglichen phantasievollen bis phantastischen Theorien blühen, hat mit der aktuellen Wissenschaftsskepsis zu tun: Erkenntnisse, die mühselig mit geschichts-, literatur- und naturwissenschaftlichen Methoden gewonnen wurden, sind zur Zeit nicht en vogue oder stehen generell im Verdacht, im Dienste zweifelhafter Mächtiger zu stehen.

* Umgekehrt stellt der Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in eine verständliche Sprache oft ebenfalls ein Problem dar. Die Ergebnisse der Forschung sind in der Regel weniger spektakulär als gern geglaubte abenteuerliche Theorien; außerdem erweisen sich die Zusammenhänge oft als komplex und können schwer in einfache Schlagworte, auf die Kommunikation im Medienzeitalter vielfach reduziert ist, gefasst werden.

* Schließlich geht es bei der Spurensuche rund um Jesus und die Anfänge des Christentums um die Spannung zwischen Forschungserkenntnissen und Glaubensfragen: "Über Leben und Lehre Jesu sind wir aber praktisch nur durch das Neue Testament informiert", schreiben der Wiener Judaist Ferdinand Dexinger und der Journalist Jos Rosenthal im eben neu aufgelegten Buch "Als die Heiden Christen wurden": "Da die Evangelien Dokumente des Glaubens sind, liegt es nicht in ihrer Absicht, über verschiedene historisch zwar interessante, aber für den Glauben belanglose Details zu berichten. Keine historische Rekonstruktion des Lebens Jesu und der frühen Geschichte des Christentums kann daher ohne Hypothesenbildung auskommen." Und das seit kurzem auf Deutsch übersetzte englische Standardwerk "Das große Handbuch zur Bibel", eine populärwissenschaftliche Fundgrube, plädiert ebenfalls für ein fruchtbares Auskosten solcher Spannung zwischen Glauben und wissenschaftlichen Methoden - wie etwa der Textkritik: "Wir dürfen die Evangelien weder als magische Bücher verstehen, die vom Himmel gefallen sind, noch sollten wir erwarten, dass sie sich unseren modernen Vorstellungen von Berichten und Schreiben fügen. Kritik muss nicht negativ sein; viel eher helfen uns diese kritischen Methoden, den Reichtum und die Tiefe der Evangelien besser zu verstehen, wie Gott nämlich die ersten Christen inspiriert hat, die Geschichte von Jesus zu ihrer Zeit zu erzählen, so wie wir es heute ebenfalls tun wollen."

ALS DIE HEIDEN CHRISTEN WURDEN. Zur Geschichte des frühen Christentums. Von Ferdinand Dexinger und Jos Rosenthal.Neuausgabe. Lahn Verlag (Topos plus Taschenbücher) 2001, 174 Seiten, 34 Farbabb., TB, e 14,30

DAS GROSSE HANDBUCH ZUR BIBEL. Hg. von Pat und David Alexander, Aus dem Englischen von Wolfgang Günter. R. Brockhaus Verlag/Verlag Katholisches Bibelwerk/Tyrolia Verlag, Wuppertal/Stuttgart/Innsbruck 2001. 816 Seiten, zahlr. Farbabb., geb. e 46,10

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