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Wieviel darf ein Christ besitzen?

Jesus und seine Jünger und Jüngerinnen lebten eine zeichenhafte Besitzlosigkeit. Sie sollten den Hörern der Reich-Gottes-Botschaft zeigen, wie wichtig ihnen ihre Verkündigung ist. Sie verließen die Geborgenheit ihres Berufes und ihrer Familien, um sich mit ihrer ganzen Existenz der Nachfolge Jesu auszuliefern. Diese Radikalität kommt in dem Wort des Herrn zum Ausdruck: „Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel ihre Nester; der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann." (Mt 8,20)

Doch es geht auch in der Jesusbewegung nicht darum, jeglichen Besitz zu verwerfen. Manche Texte lassen erkennen, daß diese Besitzlosigkeit nicht stur und rigoros durchgehalten wurde. So ist vom Haus des Petrus auch nach seiner Berufung die Bede (Mk 1,29), ebenso vom Haus des Levi (Mk 2,15); die Jünger hatten laut Mk 6,37 immerhin 200 Denare bei sich (das sind 200 Tageslöhne); Jesus selbst wurde materiell von Frauen unterstützt (Lk 8,3) und die gelegentliche Rede davon, daß er „im Haus" war (Mk 2,1; 3,20; 7,17; 9,28), kann auch auf einen festen Stützpunkt der Jüngergemeinde schließen lassen. Da alle diese Texte jedoch nicht primär an den Besitzverhältnissen interessiert sind, muß man mit allzu sicheren Schlußfolgerungen vorsichtig sein.

Besonders wichtig ist die soziale Frage dem Evangelisten Lukas. Er verfaßt sein FLvangelium für eine relativ wohlhabende christliche Gemeinde und kann deshalb in besonderer Weise als „Evangelist der Reichen" gelten. Wir finden bei ihm viele Textstellen, die im Vergleich mit Matthäus und Markus das Thema „Besitz" viel ausführlicher behandein. Die Jüngergemeinde Jesu wird von Lukas als noch ärmer beschrieben als im älteren Markus-Evangelium. Geradezu provokant hält er seiner Gemeinde den Anspruch Jesu vor Augen: „Keiner von euch kann mein Jünger sein, wenn er nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet" (14,33).

Andererseits zeigt gerade Lukas, wie man auch als Wohlhabender den Herausforderungen der Botschaft Jesu gerecht werden kann. Es gibt einige Texte, in denen nicht der generelle Verzicht auf Besitz gefordert wird, wohl aber großzügiges Teilen mit den Ärmeren: Ganz deutlich wird das etwa in der Perikope, in der die Menschen zu Johannes an den Jordan kommen. Auf ihre Frage, was sie denn tun sollen, um den Willen Gottes zu erfüllen, erhalten sie als Antwort: Wer zwei Gewänder hat, soll eines dem geben, der keines hat und wer zu essen hat, soll es ebenso machen (3,11). Jenen soll der Christ vor allem geben, die nichts zurückerstatten können (6,35). Den Zöllner Zachäus fordert Jesus nicht auf, alles zu verlassen. Es genügt ihm, daß er die Hälfte seines Vermögens den Armen gibt und ungerechte Geldforderungen vierfach zurückerstattet (19,1-10). Für Reiche ist es schwer, aber nicht unmöglich, in das Reich Gottes zu gelangen (18,24).

Die Erzählung von der armen Witwe, die ihren Verhältnissen entsprechend großzügig spendet (21,1 -4), zeigt eine weitere Dimension des Teilens auf. Es geht nicht nur um ein kleines Almosen, das man ohnedies nicht spürt, sondern um das Teilen von Gütern, die man selbst gern hätte.

Die geistliche Solidarität in einer christlichen Gemeinde findet auch in der Gütergemeinschaft der ersten Christen ihren Ausdruck (Apg 2,44; 4,32): „Keiner nannte etwas von dem, was er hatte, sein Eigentum, sondern sie hatten alles gemeinsam." Die Not des christlichen Bruders ist also nicht nur sein Problem, sondern auch das der ganzen Gemeinde. Konkret dürfte diese freiwillige Gütergemeinschaft so ausgesehen haben, daß wohlhabendere Christen bei Bedarf Grundstücke und Häuser verkauften, um mit dem Erlös den sozial Schwachen zu helfen.

Dieses großzügige Teilen war für die biblischen Christen keine Fleißaufgabe, sondern gehörte wesentlich zu ihrem Glauben dazu. Eindrucksvoll kommt das in dem Text Eph 4,28 zum Ausdruck. Hier wird von einem Dieb nicht nur verlangt, sein Brot von nun an wieder ehrlich zu erarbeiten, sondern etwas zu verdienen, „damit er den Notleidenden davon geben kann". Für den Verfasser der Pastoralbriefe (die beiden Schreiben an Timotheus und eines an Titus) war es deshalb selbstverständlich, daß sich die Gemeinde um unversorgte Witwen kümmerte (1 Tim 5,3-16). Die Sorge um die Alten, die Fremden und die Kinder gehörte wesentlich zu den Aufgaben des Christen (1 Tim 3,2.4; 5,10; Hebr 13,2).

Freilich macht sich schon in biblischen Zeiten das Problem des Sozialschmarotzertums bemerkbar. Es gab Familien, die die Verantwortung für ihre alte Großmutter nur allzu gern auf die liebende Fürsorge christlicher Gemeinden abzuschieben versuchten. Dem Mißbrauch christlicher Caritas mußte man schon gegen Ende des ersten Jahrhunderts einen Riegel vorschieben (vergleiche 1 Tim 5,8). Die Christen fühlten sich nicht nur für die eigene Gemeinde materiell mitverantwortlich. Paulus widmet im zweiten Korintherbrief eine relativ lange Textpassage (die Kapitel 8 und 9) einem Spendenaufruf für die Jerusalemer Gemeinde, die in finanzielle Schwierigkeiten geraten war. ' Auch Paulus geht im übrigen davon aus, daß der Christ über einen eigenen Besitz verfügt (8,11). Ihm ist wichtig, daß großzügig und zugleich freudig und ohne irgendwelchen Zwang gegeben wird (8,3; 9,7).

Wieviel ein Christ besitzen darf, wird nirgends in der Bibel genau gesagt. Als Leitidee wird angegeben: „Wenn wir Nahrung und Kleidung haben, soll uns das genügen" (1 Tim 6,8; vgl. Hebr 13,5). Da das griechische Wort für „Kleidung" eigentlich alles beinhaltet, was uns bedeckt, werden wir darin - auch im Hinblick auf die anderen klimatischen Verhältnisse bei uns - auch ein Dach über dem Kopf mitangesprochen sehen dürfen. Auf jeden Fall soll der Christ sich auf das Notwendige beschränken. Mit dem Hinweis, daß Frauen auf Gold, Perlen und kostbare Kleider verzichten sollen (1 Tirri 2,9), wird jeglichem Luxus eine Absage erteilt.

Der Autor ist

Pfarrer in Wien (Am Schöpfwerk).

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