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Wahrer Mensch vom wahren Gott

Warum Jesus Christus als der zweite Adam mehr ist als ein Prophet.

Mit untenstehendem Beitrag soll die durch den in der Weihnachtsausgabe (Nr. 51-52/S. 12 f.) erschienenen Artikel "Geburt des zweiten Adam" von Paul Weß ausgelöste Debatte über das christliche Verständnis von Jesus vorläufig abgeschlossen werden. Neben sehr vielen zustimmenden Zuschriften hat der Text auch eine Flut an kritischen und ablehnenden Reaktionen hervorgerufen (siehe dazu die Leserbriefseiten der Ausgaben 1 bis 4 dieses Jahres sowie die Artikel "Gottes Selbstoffenbarung", Nr. 1/S. 5, und "Entwurf im Spiegel", Nr. 3/S. 10; alles auch unter www.furche.at). Der entscheidende Kritikpunkt lautete, Paul Weß habe mit seinen Ausführungen der Göttlichkeit Jesu Christi und damit dem zentralen christlichen Glaubensgeheimnis den Boden entzogen. Exemplarisch setzt sich Weß im folgenden mit den Argumenten zweier seiner Kritikerinnen auseinander, um so noch einmal abrundend seine Position zu verdeutlichen.red.

Zuerst möchte ich allen danken, die sich mit Artikeln oder Leserbriefen an der Diskussion um das biblische Christusbild beteiligt haben. Auch ich bin fehlbar und stehe in der Kirche unter dem Anspruch der Einmütigkeit. Im Dekret über die Religionsfreiheit des Zweiten Vatikanums heißt es, dass die Wahrheit nicht anders Anspruch erhebt "als kraft der Wahrheit selbst" (Art. 1). Das sollte auch hier gelten. Dass Peter Hünermann ganz unabhängig von dieser Diskussion ähnliche Gedanken vorgelegt hat wie ich ("Theologie, die an der Zeit ist", Nr. 2/S. 6), dürfte kein Zufall sein; es ist eben "an der Zeit", darüber zu sprechen - und zwar nicht nur unter "Fachleuten", weil es den "Glaubenssinn" aller Gläubigen (vgl. 1 Joh 2,20.27) betrifft.

Universaler Neuanfang

Susanne Heine (Nr. 3/S. 10) fragt mich nach dem Unterschied zwischen Jesus und Martin Luther King, Mutter Teresa oder Dietrich Bonhoeffer. Meine Antwort lautet einfach: Die drei Letztgenannten hatten Jesus als "Anführer" ihres Glaubens, dem sie nachgefolgt sind, Jesus hatte niemanden vor oder neben sich, der im selben Geist der Gottes-und Nächstenliebe lebte wie er. Er hat - genauer: Gott hat durch ihn - eine neue, universale und personale Gestalt von Mit-Menschlichkeit erschlossen. Er ist daher ein neuer Anfang für die Menschheit geworden, eben der zweite Adam, das Haupt, in dem Gott die "Fülle der Zeiten heraufführt und alles vereint" (Eph 1,10). Im Bild gesprochen: Er hat als Erster eine neue Route gebahnt und den Gipfel erreicht; darin bleibt er immer einzigartig. Er ist damit nicht ein moralischer Mensch wie jeder und jede andere (allerdings ist für mich dieser Begriff keineswegs so negativ besetzt wie anscheinend bei Heine), sondern er hat durch seine Praxis, ohne zu "moralisieren", neue Maßstäbe der Moral gesetzt.

Auch in meinem Verständnis sind Nichtgläubige fähig, sich moralisch zu erneuern, und darin ethisch mit Gläubigen gleich. Aber die Gläubigen haben ohne eigenes Verdienst aus ihrem Grundvertrauen auf Gott mehr Chancen, Nächstenliebe in ihrer Verschränkung mit Gottesliebe zu realisieren (ähnlich wie glücklich Liebende sich leichter für andere einsetzen können als vereinsamte und unglückliche Menschen, ohne deshalb ethisch besser zu sein). Sogar der Atheist Paolo Flores dArcais sagt im Hinblick auf die Schwierigkeit der Hingabe: "Der Stolperstein für den Atheisten ist die Unfähigkeit zur Nächstenliebe" (Paolo Flores dArcais/Joseph Ratzinger, Gibt es Gott? Berlin 2006, 106).

Vollkommenes Abbild Gottes

Für Heine besteht die "Bedeutsamkeit" der Gestalt Christi in ihm "als der allem vorausgesetzten Einheit und als einer eschatologischen Verheißung vollendeter Zukunft". Aber von wem wird diese Einheit "allem vorausgesetzt", und wer gibt die Verheißung, die in Christus Gestalt bekommen hat? Es ist Gott, den dieser Christus Vater nennt und den er als den Größeren bezeichnet, der ihn auferweckt hat und dem er sich am Ende unterwirft. Gott erlöst uns durch Jesus, den von ihm Gesalbten (Christus). Dieser ist im biblischen Glauben nicht "wahrer Gott und wahrer Mensch", sondern "wahrer Mensch vom wahren Gott".

Heine sieht in der Christusgestalt "ein Bild, in einen Spiegel eingraviert", in dem wir "den Entwurf erkennen, den Gott von seinen Menschen gemacht hat", mit den wesentlichen "Zügen der Menschlichkeit". Ich kann nicht verstehen, worin hier der Unterschied liegen soll zu meinem Verständnis der biblischen Sicht Jesu Christi als des zweiten oder neuen Adam, als vollkommenes Abbild Gottes und als Maßstab des Menschseins. Heine lässt allerdings die Frage offen, wo der Spiegel zu finden ist, in den dieses Bild, dieser Entwurf, eingraviert ist. Ich denke, es kann nur das Gewissen sein, das uns Gott mit unserem Dasein mitgegeben hat, das Herz, in das Gott diese "Christusgestalt" eingeprägt hat (nicht auf Tafeln aus Stein; vgl. Jer 31,33 und 2 Kor 3,3). Jesus hat dieses Bild in sich entdeckt und realisiert sowie in vielen anderen angesprochen.

Maßstab des Menschseins

Nach dem Wortlaut der Bibel "besiegt" Gott den Tod nicht in dem Sinn, dass wir unsterblich werden wie er, sondern "der Tod wird nicht mehr sein" (Offb 21,4), weil wir vom "Baum des Lebens" essen dürfen, der schon im Paradies stand (Gen 2,9; 3,22) und zu dem wir im himmlischen Jerusalem Zugang haben (Offb 22,2.19). Gott wird uns also im Dasein erhalten über den Tod hinaus, wenn wir seine Liebe annehmen.

Die biblische Dreiheit von Gott (= Vater), der durch den Menschensohn und Messias Jesus Christus im Geist (als seinem "Kraftfeld") wirkt, darf nicht infolge einer unbiblischen dogmatischen Christologie, die ein zweites göttliches personales Wesen annimmt, zu einer innergöttlichen "Dreieinigkeit" erklärt werden. Sehr wohl aber ist der eine Gott schon in sich Beziehung, Liebe (1 Joh 4,8.16), und zwar - so verstehe ich Trinitätstheologie - in ihren drei Grundformen: schenkende Liebe (Vater/Mutter-Sein), empfangende Liebe (Sohn/Tochter-Sein) und teilende Liebe (Bruder/Schwester-Sein). Diese drei Weisen der Liebe gibt es auch im Wirken Gottes und abbildhaft in der Schöpfung. Auch Heine interpretiert "göttliche ,Person " als "Wirkungsweise Gottes".

Der "geliebte Sohn"

Sr. Katharina Deifel wirft mir in vielen Punkten mangelndes Wissen und Ungenauigkeiten vor. Ich will hier wenigstens einen aufgreifen: die Bedeutung von "monogenês" in der Bibel. Im Artikel von J. A. Fitzmyer zu diesem Stichwort (Exegetisches Wörterbuch zum Neuen Testament. Hg. H. Balz/G. Schneider, Bd. 2. Stuttgart 1981, 1081-1083) wird unter anderem darauf hingewiesen, dass Isaak in der Bibel als "monogenês" des Abraham bezeichnet wird, obwohl dieser mit Hagar den Ismael gezeugt und von Ketura sechs andere Söhne hatte. Isaak war eben der "Einzigartige", nämlich der Sohn von seiner Frau und der Sohn der Verheißung. Von "einzig" der Zahl nach oder von "einziggeboren" kann hier keine Rede sein.

Im Hebräerbrief (11,17) wird Isaak als der "monogenês" des Abraham bezeichnet, in Anlehnung an Gen 22,2. An dieser Stelle steht im Alten Testament "Geliebter" (vgl. auch "geliebter Sohn" bei der Taufe und bei der Verklärung Jesu - Mk 1,11; 9,7, sowie im Gleichnis von den bösen Winzern - Mk 12,6). Natürlich bedeutet "monogenês" im Sinn von "einzigstammend" auch "einzig", wenn es als Beifügung zu "Sohn" (oder "Tochter") verwendet wird. Aber dies ist in Joh 1,14 nicht der Fall. Hingegen heißt es in Joh 1,13, dass grundsätzlich alle Menschen "aus Gott geboren" sein können; und hier steht wirklich "geboren" (von "gennao"). "Einzigartig" oder "-stammend" heißt nicht "einziggeboren".

Jedenfalls gilt auch für mich: Jesus, der von Gott mit seinem Geist Gesalbte (Christus), ist der zweite Adam und als solcher mehr als ein Prophet, der das Reich Gottes nur ankündigt. Denn durch ihn ist es schon angebrochen und mitten unter uns (Lk 17,21).

Der Autor ist Dozent für Pastoraltheologie an der Kath.-Theol. Fakultät der Universität Innsbruck.

Wer sich für Weß Antwort auf die anderen Kritikpunkte von Sr. Katharina Deifel interessiert, kann sie unter paul.wess@uibk.ac.at anfordern.

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