Kirchenväter als unverdächtige "Testleser"

"Es wäre dringlich, die antike Auslegung der neutestamentlichen Texte genauer zu studieren, um moderne Irrwege nicht einfach in die Antike zu projizieren."

Knut Backhaus, Professor für Neues Testament an der katholischen Fakultät der Uni München, bemerkt in einem vor Kurzem veröffentlichten Beitrag in der Zeitschrift für Theologie und Kirche (114,2017, 260-288) über die historische Kritik als Methode der neutestamentlichen Forschung: "So entsteht der Eindruck, das Zentralproblem der neutestamentlichen Wissenschaft sei die neutestamentliche Wissenschaft." Der Verfasser dieses Beitrags kann dieser Bemerkung nur zustimmen und ein Beispiel aus dem eigenen Forschungsfeld beisteuern.

Das Johannesevangelium und seine Darstellung der Juden hat eine verheerende Wirkungsgeschichte. Auf diese Wirkungsgeschichte weist die historische Kritik des Textes hin und, so der Anspruch der neutestamentlichen Forschung, vermag mittels dieser Kritik auf den historischen Ort der Auseinandersetzung zwischen Jesus und "den Juden" hinzuweisen. Dies soll eine Aktualisierung der Texte im Rahmen von antijüdischen oder antisemitischen Polemiken verhindern. Tatsächlich wurde gerade das Johannesevangelium sehr häufig in derartigen Kontexten verwendet.

Die Darstellung von Vertretern des Judentums als "Teufel", die gerade in der nationalsozialistischen Propaganda weite Verbreitung erfuhr, ist moralisch verwerflich. Um so mehr muss es einen Christen zur Verzweiflung treiben, dass die Inspiration für diese Darstellung dem Johannesevangelium entspringt. Der entsprechende Vers findet sich im achten Kapitel des Johannesevangeliums. In der Lutherbibel 2017 lautet dieser Vers (Joh 8,44): Ihr habt den Teufel zum Vater, und nach eures Vaters Begierden wollt ihr tun. Der ist ein Mörder von Anfang an und steht nicht in der Wahrheit, denn die Wahrheit ist nicht in ihm. Wenn er die Lüge redet, so redet er aus dem Eigenen; denn er ist ein Lügner und der Vater der Lüge.

Angesichts dieser Formulierung ist es sehr schwer, das Johannesevangelium als "Frohbotschaft" zu verstehen. Es nimmt -zumindest auf den ersten Blick -nicht wunder, dass Raymond Brown, ein herausragender katholischer Exeget, der sich jahrzehntelang mit dem Johannesevangelium befasst hat, am Ende seines Forscherlebens zu dem Ergebnis kommt, dass der Verfasser des Textes in vorsätzlicher Weise aggressiv und feindlich gegenüber dem Judentum formuliere. Aus literaturwissenschaftlicher Sicht ist einzuwenden, dass es sehr problematisch ist, über die Intention eines Autors eine Entscheidung zu treffen, der vor nunmehr fast zwei Jahrtausenden gelebt hat und damit eindeutig einer anderen Kultur zuzuordnen ist.

Spirituelle Auslegung der Schrift

Es ist eine Tatsache, dass zahlreiche Forscher in ihren Publikationen der These zustimmen, dass das Johannesevangelium ein seinem Wesen nach dem Judentum gegenüber feindlicher Text ist. Diesen Konsens der Forschung voraussetzend, ist es befremdlich, dass bedeutende griechische Kirchenväter in ihrer Verwendung dieses Evangeliums die These eines feindseligen Textes als falsch erweisen. Passagen, die heute als deutlich antijüdisch empfunden werden, wurden von diesen Kirchenvätern anders gedeutet.

Dies ist um so überraschender als diese Kirchenväter mit ihren jüdischen Zeitgenossen in einer Weise umgingen, die heute keinesfalls als politisch korrekt empfunden würde. Ein Beispiel wäre Johannes Chrysostomos. Seine gegen Juden bzw. judaisierende Christen in seiner Gemeinde gerichteten Predigten sind heute nur schwer erträglich.

Dass diese griechischen Kirchenväter die heute als antijüdisch empfundenen Passagen nicht so verstanden, liegt an ihrer heute über weite Strecken verpönten Auslegungsmethode, der sogenannten spirituellen Auslegung. Die griechischen Kirchenväter lasen die Evangelien in erster Linie als spirituelle Texte. Damit tritt jedoch der historische Kontext und die Auseinandersetzung zwischen Jesus und "den Juden", von der das Johannesevangelium berichtet, in den Hintergrund.

An die Stelle tritt das Verhältnis des Einzelnen zum Wort Gottes. Es geht also für diese Theologen nicht in erster Linie darum, das Johannesevangelium als Dokument einer historischen Auseinandersetzung zu verstehen, sie lesen es vielmehr als literarischen Text mit spiritueller Bedeutung.

Damit kann der Prediger Johannes Chrysostomos die Mitglieder seiner Gemeinde, die aus der Sicht des Predigers ein unchristliches Verhalten an den Tag legen, mit den Juden des Johannesevangeliums identifizieren, die ebenfalls Jesu Wort nicht hören. Dies mag eine aus der Sicht der modernen Forschung unwissenschaftliche Art, den Text zu lesen, sein. Die von Johannes Chrysostomos angewandte Methode hat jedoch den Vorteil, dass sich die Frage einer Verwendung des Johannesevangeliums in antijüdischer Polemik für Johannes Chrysostomos nachweislich nicht gestellt hat. Dieses Evangelium nimmt in seinen sicherlich anstößigen Predigten gegen die Juden auch keinen herausragenden Platz ein.

Historisierung: antijüdische Lesart

Damit darf als erstes festgehalten werden: Gerade weil Kirchenväter des 3. bis 5. Jahrhunderts wie Origenes, Johannes Chrysostomos oder Kyrill von Alexandria das Johannesevangelium nicht als antijüdischen Text gelesen haben, muss Raymond Browns Schlussfolgerung, dass der Verfasser des Textes vorsätzlich feindlich gegen "die Juden" geschrieben habe, auf das Schärfste zurückgewiesen werden. Die erwähnten Kirchenväter sind unverdächtige "Testleser", die in ihrer Auslegung des Johannesevangeliums zeigen, dass dieses Evangelium in einer Zeit, in der antijüdische Polemik fast schon als Teil christlicher Identität gewertet werden kann, nicht antijüdisch gelesen wurde.

Damit zeigt sich jedoch umgekehrt, dass gerade die Wende zur Historisierung und die Abkehr von einer spirituellen Lektüre das antijüdische Potenzial dieses Evangeliums zu heben in der Lage ist. Dies ist besonders evident, wenn man neutestamentliche Kommentare aus der Hochphase des christlichen Antijudaismus liest. Walter Bauer verweist mehrfach in seinem Kommentar zum Johannesevangelium, der im Jahr 1933 in dritter Auflage veröffentlicht wurde, auf Kirchenväter, die aus seiner Sicht den Text dieses Evangeliums zu judenfreundlich interpretieren.

Walter Bauer war als Mitglied der Bekennenden Kirche ein mutiger Christ, gerade deswegen irritiert die Verirrung seiner Deutung um so mehr. Etwas verwundert fragt man: Hat die Verirrung Methode oder haben wir es mit einem methodischen Irrweg zu tun?

Die aus dieser Beobachtung abzuleitende Forderung ist eigentlich offensichtlich: Es wäre dringlich an der Zeit, die antike Auslegung der neutestamentlichen Texte gerade in derartigen Fragen genauer zu studieren, um moderne Irrwege nicht einfach in die Antike zu projizieren. Die griechischen Kirchenväter haben das Johannesevangelium nicht antijüdisch gelesen. Statt einen "feindseligen Verfasser" zu postulieren, wäre es hilfreicher, unter Rückgriff auf die christliche Tradition Auslegungsformen zu finden, welche dem empfundenen Antijudaismus des Johannesevangeliums seine Schärfe nehmen.

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