Papyri und andere Sensationen

Vor einiger Zeit behaupteten Papyrologen, Text-Beweise dafür zu haben, dass Jesus verheiratet war. Doch kritische Analysen der Vorgänge lassen mehr Fragen offen, als sie zu beantworten vorgeben.

Im Herbst des Jahres 2012 erregte ein koptischer Papyrus Aufsehen: Auf dem fragmentarischen Objekt stand als Teil des erhaltenen Texts zu lesen: "Und Jesus sprach zu ihnen: Meine Frau …“ Ein verheirateter Jesus? Dann hätte Dan Brown mit "Sakrileg“ nicht nur einen Thriller geschrieben, sondern wäre näher an der historischen Wahrheit gewesen als die Kirche? Akademische Spielverderber, so schien es, hatten damals mit ihrer Skepsis verhindert, dass die renommierte Zeitschrift Harvard Theological Review die Edition des Textes publizierte. Es könnte ja eine Fälschung sein, so hieß es aus Kreisen der Koptologen und Papyrusforscher. Doch jetzt zeigen chemische Analysen, dass das Objekt antik sei. Der Skandal scheint perfekt: Eine "Wissenschaftsmafia“ unterdrückt die spannendsten Objekte!

Aneinander vorbeigeredet

Tatsächlich ist es ein Skandal, dass die verschiedenen Wissenschaften hier aneinander vorbeireden. Natürlich kann eine chemische Analyse nur das erweisen, was da ist: Und wenn - was natürlich zu vermuten ist und auch niemand bestritten hat - für eine geschickte Fälschung ein antiker unbeschriebener oder abgewaschener Papyrus verwendet wurde, dann kommt die chemische Analyse des Materials natürlich zu dem Ergebnis, dass das Objekt alt ist. Und wenn die Tinte eine Zusammensetzung hat, die aus der Antike bekannt ist, dann sieht die Tinte eben aus wie antike Tinte. Neu hergestellter Papyrus ist als solcher erkennbar, deswegen muss man alten Papyrus verwenden. Aber, unbeschriebener Papyrus aus der Antike ist grundsätzlich zur Verfügung - und kein Chemiker ist in der Lage festzustellen, wann ein antiker Papyrus beschrieben wurde. Das kennt man aber auch von Kunstfälschungen: Ein guter Fälscher verwendet eine Leinwand aus der Zeit, in welcher "sein“ Maler gewirkt hat. Wenn man dann noch mit der Farbe aufpasst und nur solche Pigmente verwendet, die zu Lebzeiten des gewählten Meisters bekannt waren, dann hat man, wie die jüngere Vergangenheit zeigt, immer wieder gute Chancen, "neue“ Bilder alter Meister zu verkaufen.

Und damit kommen die anderen beteiligten Wissenschaften zum Zug. In der Kunst sind es die Kunsthistoriker und bei Texten die Textforscher. Sprachliche Analysen kamen zu einem interessanten Ergebnis: Der Text als solcher wirkt wie eine Collage von Sätzen bzw. Satzteilen aus einem längst bekannten koptischen Text. Eine solche bewusste Zusammenstellung verhindert natürlich, dass gegebenenfalls bei den Formulierungen Fehler unterlaufen. Man muss selbst eine lebende Fremdsprache sehr gut sprechen, um grammatisch völlig fehlerfrei zu formulieren. Die Möglichkeiten, antike Sprachen in ähnlicher Perfektion zu lernen, sind natürlich viel geringer. Zitate sind ein probates Mittel, um diesem Problem zu entgehen.

Fragen, die zu stellen sind

Doch, es gibt noch weitere Indizien: Das Papyrusfragment mit Jesu Frau kam aus dem Antiquitätenhandel und war zusammen mit einem zweiten Objekt gekauft worden. Dieses enthält ein kleines Bruchstück des Textes des Johannesevangeliums in koptischer Übersetzung. Es handelt sich um ein paar Zeilen aus dem 6. Kapitel. Hier wird es dann für den Textforscher hoch spannend. Das Koptische kennt eine ganze Reihe von Dialekten. Wenn man an einer kritischen Edition der koptischen Überlieferung des Johannesevangeliums arbeitet, so ist man zwar von der Fülle der Handschriften fast schon erschlagen, doch gleichzeitig ist jedes weitere Stück hoch willkommen. Vor allem, wenn es, wie im vorliegenden Fall, einem extrem seltenen Dialekt zuzuordnen ist. Es gibt bisher nur einen einzigen weiteren Textzeugen des Johannesevangeliums im so genannten Lykopolitanisch. Ein Vergleich der Handschrift zeigt ferner, dass beide Texte, das Fragment mit der Erwähnung der Frau Jesu und das Stück aus dem Johannesevangelium, das mit ihm zusammen erworben wurde, vom selben Schreiber geschrieben wurden. Sollte der koptische Textzeuge eines unverfänglichen biblischen Textes das Alter des angeblich revolutionären Textes bezeugen? Hier beginnt dann auch tatsächlich der Wissenschaftskrimi: Der Text des Johannesevangeliums auf Lykopolitanisch war offensichtlich direkt aus der neuzeitlichen (!) Edition des Textes kopiert worden - mit der Fiktion, dass es sich um einen einspaltigen Text handelt. Die Zeilenenden des Fragments entsprechen jeweils der rechten Hälfte der zweiten Zeile in der Edition. Mir ist kein einziger Fall bekannt, in dem der Zeilenspiegel einer Handschrift genau dem doppelten des Zeilenspiegels einer anderen Handschrift des Johannesevangeliums entsprochen hätte.

Eher eine Fälschung

Das ist eine typisch moderne mechanistische Umsetzung einer modernen Kopie, die darauf schließen lässt, dass das Objekt gefälscht wurde. Falls jedoch das Fragment mit dem Johannesevangelium gefälscht war, dann jedenfalls auch das Fragment mit Jesu Frau.

Als Historiker steht man allerding vor einer ganz anderen Frage: Jesus wird im Neuen Testament als "Rabbi“ angeredet (vgl. z.B. Mt 26,25; Mk 9,5 oder Joh 1,38). Solche waren in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle verheiratet. Es wäre von daher also nicht ausgeschlossen, dass Jesus verheiratet war und Kinder hatte. Das aber lässt sich mit solchen Objekten wie dem Sensations-Papyrus weder belegen noch widerlegen.

* Der Autor leitet an der Uni Wien ein FWF-Projekt über koptische Papyri (Johannesevangelium)

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