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Halbe Wahrheiten

Zum Buch "Das Geheimnis des fünften Evangeliums" der Frühchristentumsforscherin Elaine Pagels.

Unter den frühchristlichen Texten, die 1945 in der Nähe der ägyptischen Stadt Nag Hammadi gefunden wurden, befindet sich auch eine gnostische Schrift über das Leben Jesu, die als "Thomasevangelium" bezeichnet wird. Das Thomasevangelium erfreut sich in den letzten Jahren steigender publizistischer Beliebtheit, weil es "geheime Jesusworte" enthalte und eine neue "mystische" Richtung des frühen Christentums offenbare. Darüber äußerte sich auch die amerikanische Frühchristentumsforscherin Elaine Pagels in einem im angelsächsischen Sprachraum viel gelesenen und auch auf Deutsch vorliegenden Buch.

Grundsätzliche Schwächen

Der deutsche Titel "Das Geheimnis des fünften Evangeliums. Warum die Bibel nur die halbe Wahrheit sagt" übersetzt nur sehr ungenau - aber dafür um so reißerischer - die englische Vorlage. Hierauf geht Elaine Pagels, die an der Princeton University lehrt, auch in einer Vorbemerkung ein. Diese muss als Anleitung zum Verständnis des Buches benutzt werden, andernfalls entsteht der Eindruck, dass Titel und Inhalt auseinanderklaffen. Der Titel der englischen Ausgabe - "Beyond Belief: The Secret Gospel of Thomas" - zeigt, dass sich die Autorin auf das Thomasevangelium konzentriert. Der Text ist am Ende des Buches abgedruckt - bezeichnenderweise in der Übersetzung des Berliner Koptischen Arbeitskreises.

Die Übersetzung des in koptischer Sprache überlieferten Textes ist solide, das populärwissenschaftliche Werk selbst weist eine Reihe von grundsätzlichen Schwächen auf. Es ist sicherlich gut, wenn persönliche Erlebnisse die eigene Forschungslaufbahn prägen, gefährlich wird es jedoch, wenn der Eindruck entsteht, dass die wissenschaftlichen Forschungsergebnisse durch die eigenen Erlebnisse beeinflusst sind.

Die Autorin berichtet selbst, dass sie einige Zeit Mitglied einer evangelikalen Gemeinde in Amerika gewesen sei, deren Glaubensvorstellungen ihr jedoch zu eng wurden und die sie deswegen verlassen habe. Sie habe durch die Beschäftigung mit dem Thomasevangelium zu einer größeren Weite des Glaubens gefunden, zu einem Glauben jenseits der Dogmen und damit auch jenseits fester kirchlicher Bindungen. Dies möchte sie dem Leser durch ihr Werk vermitteln. Und so datiert sie - das ist wissenschaftlich durchaus diskutabel - das Thomasevangelium in das erste Jahrhundert.

Nicht mehr akzeptabel ist die Darlegung der historischen Entwicklung. Erst Kaiser Konstantin habe endgültig angefangen, den Häretikern den Garaus zu machen, davor hätten Häretiker und Kirche - wenn man einmal von einigen Fanatikern wie dem Ende des zweiten Jahrhunderts wirkenden Irenäus von Lyon absieht - mehr oder weniger friedlich nebeneinander gelebt. Auffällig ist, dass die Autorin den Begriff der Häretiker immer nur in Anführungszeichen verwendet, um damit anzudeuten, dass diese Gruppierungen für sie als Träger christlicher Tradition letztlich gleichberechtigt neben der großkirchlichen Überlieferung stehen.

Dies mag noch grundsätzlich diskutabel sein. Indiskutabel ist jedoch, dass sie diese Gruppierungen nicht weiter differenziert und dadurch einen völlig falschen Eindruck der historischen Situation vermittelt. Und "die Häretiker" gab es nicht, es gab eine Vielzahl von verschiedenen Strömungen, die sich gegenseitig oftmals sehr hart bekämpften und die nicht alle gleichzeitig wirkten. Gerade deswegen muss natürlich betont werden, dass der Akt der Unterdrückung einer gewissen Richtung des Christentums durch Kaiser Konstantin, den sie als wichtigen Meilenstein der Unterdrückung von "Häretikern" erwähnt, letztlich schon fast als Befreiungsschlag gegenüber einer sektiererischen Entwicklung der Kirche verstanden werden muss.

Bei dieser Unterdrückung handelt es sich um ein innerkirchliches Schisma in Nordafrika, nicht jedoch um die Auseinandersetzung zwischen Gnostikern und Kirche. Auch ihre Feststellung, dass 324 n. Chr. etwa die Hälfte der Christenheit im römischen Reich "häretischen Sekten" angehörte, fällt in dieselbe Kategorie. Die Gruppen, welche die Autorin in diesem Zusammenhang Anfang des 4. Jahrhunderts unter die "häretischen Sekten" zählt, haben zu großen Teilen nichts mit dem Benutzerkreis des Thomasevangeliums zu tun.

Einseitige Geschichts-Sicht

Auf dem Hintergrund dieser sehr einseitigen Sicht der geschichtlichen Entwicklung kann die Autorin dann den Eindruck erwecken, dass die Entwicklung einseitig von einer Freiheit des Geistes zur Knechtschaft des Dogmas geführt hätte. Ausweg ist ihr die Aufwertung des Thomasevangeliums, das angeblich aus diesen Fesseln befreien kann und, wenn man der Sicht der Autorin folgt, erst durch diese Aktion Konstantins unterdrückt wurde.

Eine Beschäftigung mit diesem apokryphen Evangelium auf populärwissenschaftlichem Niveau ist sicherlich reizvoll und interessant. Die Autorin des vorliegenden Buches hat sich bei ihrer Arbeit jedoch zu sehr von ihrer eigenen Biografie beeinflussen lassen.

Das Geheimnis des fünften Evangeliums. Warum die Bibel nur die halbe Wahrheit sagt

Von Elaine Pagels, Verlag C.H. Beck, München 2004, 239 S., geb., e 20,50

Der Autor forscht als apart-Stipendiat der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in der Papyrussammlung der Nationalbibliothek.

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