Markus war in Qumran

Werbung
Werbung
Werbung

Die Evangelien sind älter, als die "liberalen" Wissenschafter zugeben wollen. Ihr Kampf gegen diese Tatsache wird einmal im Kuriositätenkabinett der neutestamentlichen Textgeschichte landen.

Noch immer geht sie um, die Angst mancher Theologen und Papyrusforscher vor einem Fragment des Markusevangeliums in einer Höhle von Qumran. Seltsame Motive werden denen unterstellt, die es es für echt halten, sie werden in fundamentalistische Ecken verwiesen und als unwissenschaftliche Dunkelmänner beschimpft, die überall liberale Verschwörungen gegen die Glaubwürdigkeit der Evangelien und ihre frühe Entstehung wittern.

Natürlich gibt es auf allen Seiten begeisterungsfähige "Mitfahrer": Als 1972 erstmals von dem hoch anerkannten spanischen Papyrologen José O'Callaghan die Identifizierung des Qumran-Fragments 7Q5 mit Markus 6,52-53 vorgeschlagen wurde, feierten viele christliche Kreise das als handfesten Beleg für eine frühe Datierung der Evangelien - denn da alle Qumranfragmente vor 68 n.Chr. geschrieben wurden, dem Datum der Eroberung Qumrans durch die Römer, hieß das, Markus schrieb sein Evangelium noch einige Zeit vor diesem Datum, also vor der Zerstörung Jerusalems und des Tempels. Und da Jesus in den Evangelien die Zerstörung Jerusalems und des Tempels voraussagt, folgte daraus, dass wenigstens diese Voraussage aufgeschrieben wurde, ehe das Ereignis eintrat.

Ein beliebtes Argument der "liberalen" Bibelforschung, die Evangelisten hätten solche Jesusworte nach dem Geschehen erfunden, um Jesus als Propheten hochzustilisieren, war damit zumindest für Markus hinfällig geworden. Verständlich also, dass viele sich freuten und einige im Überschwang der Freude gleich die gesamte neuere Bibelkritik widerlegt sahen.

Wissenschaftliche Argumente

Auf der anderen Seite haben aber auch die "liberalen" Wissenschaftler mit ihren Thesen dankbare Trittbrettfahrer gefunden: Man muss nur zu Weihnachten und Ostern in den beliebten Nachrichtenmagazinen und manchen Zeitungen nachlesen, in denen mit zuverlässiger Regelmäßigkeit die Naivität der Menschen auf den Kirchenbänken bespöttelt wird, die noch immer glauben, dass Jesus in Betlehem geboren wurde und leiblich von den Toten auferstand, obwohl sich doch so viele Neutestamentler zitieren lassen, die das längst "widerlegt" haben.

Kurz: Es führt nicht weit, wenn man sich hier gegenseitig Tendenzen und Vereinfachungen vorhält. Entscheidend sind immer noch die wissenschaftlichen Argumente. Und da fällt sofort auf, dass die Vertreter der Identifizierung von 7Q5 mit Mk 6,52-53 nicht irgendwelche Laien sind, sondern ausgewiesene Fachleute auf verschiedenen Gebieten der Altertumswissenschaften, zu denen natürlich auch die Papyrologie gehört. Wir haben es hier also nicht, wie gelegentlich gern behauptet wird, mit einem Streit zwischen "Amateuren" (den Markus-Vertretern) und "Experten" (den Markus-Gegnern zu tun) zu tun, sondern um eine auch über die Markus-Frage hinausreichende, grundsätzliche Frage nach der Datierung und Identifizierung antiker Handschriften und nach dem wissenschaftlichen Handwerkszeug, mit dem dabei gearbeitet wird. Solche Kontroversen über das Handwerkszeug, die Methoden und die Erkenntniswege sind aus vielen Wissenschaftsgebieten bekannt, und keineswegs nur aus den Geisteswissenschaften.

Die Markusdebatte ist im Bewusstsein der Öffentlichkeit wohl auch deswegen hitziger als anderer Wissenschaftsstreit, weil die Konsequenzen so weitreichend und zugleich so leicht nachvollziehbar sind.

Die Überschrift dieses Beitrags, den die Redaktion der Furche vorschlug, zeigt noch eine weitere Richtung auf: "Markus war in Qumran" - davon geht schon seit längerer Zeit der israelische Qumran-Experte Schemaryahu Talmon aus: Selbst wenn man das Fragment 7Q5 nicht gefunden hätte, müsste man annehmen, dass es Markus in Qumran gab. Warum? Talmon, der wie viele andere Forscher längst davon überzeugt ist, dass Markus vor 68 n.Chr. schrieb, hält sich an den historischen Zusammenhang. Es gab zu dieser Zeit weder ein Neues Testament - die Sammlung und diese Bezeichnung für sie bildeten sich erst ab dem zweiten Jahrhundert heraus - noch die literarische Gattung "Evangelium".

Wenn im ersten Vers des Markus das griechische Wort "euangelion" gebraucht wird, meint das noch nicht den heutigen Gattungsbegriff, sondern wörtlich die "gute Nachricht" vom Handeln, Sterben und Auferstehen des Gottessohnes. Mit anderen Worten: Wer heute davon spricht, man habe ein Evangelien-Fragment oder gar "das Neue Testament" in Qumran befunden (bzw. nicht gefunden), formuliert etwas, was den damaligen Lesern so noch gar nicht in den Sinn kommen konnte. Für die Juden dieser Zeit, unter ihnen auch die Essener von Qumran, war die Schrift des Markus ein jüdischer, messianischeschatologischer Text, das heißt, eine Schrift, die von einer Messiasgestalt und dem Ende der Zeiten spricht, von einem Juden über einen Juden für Juden verfasst, selbstverständlich, wie in der Frühzeit üblich, als Schriftrolle. Und, so jedenfalls Talmon und andere, diese Art neuer jüdischer Literatur wurde gerade in Qumran gesammelt und gelesen.

Immerhin waren auch die Qumran-Essener messianisch-endzeitlich orientiert. Sie hatten ein ureigenes Interesse daran, vom Denken, von der Botschaft einer möglicherweise rivalisierenden jüdischen Bewegung so schnell wie möglich zu erfahren. Markus in Qumran? Man könnte nunmehr sagen: Aber ja, selbstverständlich - wenn nicht hier, wo dann?

Jüdische Forscher auch dafür

Wenn auch jüdische, israelische Forscher mit Markus in Qumran keine Probleme haben und sogar die These formulieren können, dass es ihn dort gegeben haben muss, selbst wenn wir heute kein Fragment mehr hätten, dann sind wesentliche Vorbehalte bereits ausgeräumt. Umso gelassener können wir fragen, wie sicher denn nun die Identifizierung des Fragments 7Q5, also des nicht nur angenommenen, sondern tatsächlichen Markus von Qumran, nach heutigem Kenntnisstand ist. Es verblüfft, dass immer noch und immer wieder die selben, alten Einwände vorgebracht werden.

So soll das Fragment zu klein für eine sichere Identifizierung sein. Das ist nachweislich Unsinn. Gleich große und kleinere Fragmente, mit weniger Buchstaben und weniger auffälligen Worten oder Wortverbindungen, mit oder ohne Beschriftung auf der Rückseite, sind von Altertumswissenschaftern unbestritten identifiziert worden. Einundzwanzig Buchstaben (der 21. wurde vor einiger Zeit in einer Mikroskopuntersuchung nachgewiesen) auf fünf Zeilen, darunter die Hälfte der Buchstaben unbeschädigt.

Das ist, gemessen an anderen Funden, nicht wenig, sondern viel. Ein wichtiger Buchstabe in der zweiten Zeile soll kein "N" (Ny) sein, sondern ein "I" (Iota) mit nachfolgendem "A" (Alpha). Mikroskopuntersuchungen und auch jüngste, computergestützte Vergleichsanalysen lassen nun wirklich auch dem Unwilligsten keine Möglichkeit des Zweifels: Dieser Buchstabe, an dem so viel hängt, ist ein "N", wie er zum Markus-Text gehört. Alles andere ist freie Fantasie oder Behauptung wider besseres Wissen, die auch durch stete Wiederholung nicht besser wird.

Man kann die Zusammenfassung der Ergebnisse in einer vor wenigen Monaten erschienenen Studie des Altorientalisten und Papyrologen Karl JaroÇs in der Fachzeitschrift Aegyptus in Ruhe nachlesen. Auch das Fehlen der drei Wörter "auf das Land" (Markus 6,53) sei zu viel des Guten, behaupten die Kritiker. Ein Altphilologe begreift sofort, dass es sich umgekehrt verhält: Sie fehlen hier nicht, sondern sie wurden in späteren Handschriften hinzugefügt, als man, nach den römischen Zerstörungen, von einem bewohnten Landstrich, der so hieß wie der See, nichts mehr wusste. Die ungeschickte, geradezu tölpelhafte Art der in den ursprünglichen Text eingefügten Ergänzung ist ein verräterisches Indiz, und die vielen Verbesserungsversuche in der Textgeschichte des Verses zeigen uns, dass das eigentlich schon immer aufgefallen war. Das Qumranfragment bietet den ursprünglichen Text.

Die Liste ließe sich verlängern, aber es sollte schon jetzt deutlich genug sein, dass die Kritik am Markus-Fragment und die zahlreichen verzweifelten, ausnahmslos gescheiterten Versuche, 7Q5 anders zu identifizieren, aus der Grundthese geboren sind, dass es Markus vor 68 n.Chr. in Qumran nun einmal einfach nicht gegeben haben "darf", und nicht aus nüchterner, sauberer Arbeit am Papyrus und der Geschichte des Textes.

Der eben erwähnte neue Fachaufsatz von JaroÇs zeigt im übrigen sehr schön, wie die Computeranalyse aller denkmöglichen Rekonstruierungen der Buchstaben auf dem Papyrus 7Q5 nur eine einzige Möglichkeit übrig lässt: Eben Mk 6,52-53. So wird der Kampf gegen diese Identifizierung irgendwann einmal in das Kuriositätenkabinett der neutestamentlichen Textgeschichte aufgenommen werden. Bis es so weit ist, werden wir weiter geduldig auf die gedanklichen und handwerklichen Fehler ihrer Gegner hinweisen.

Der Autor ist Professor für Umwelt und Zeitgeschichte des Neuen Testaments an der protestantischen Staatsunabhängigen Theologischen Hochschule Basel und verantwortlich für die Schadensanalyse der Schriftrollen bei der Israelischen Antikenbehörde Jerusalem.

Zum Thema

Die Papyrologendebatte

Weniger als vier Zentimeter hoch ist der in Qumran gefundene Papyrus 7Q5, der seit Jahren den Anlass zu einer Kontroverse über die Datierung des Markusevangeliums bietet (Abbildung rechts: 7Q5 etwa in Originalgröße).

Vor allem der - anglikanische - Historiker und Theologe Carsten P. Thiede, der an den Qumranpapyri auch lasermikroskopische Untersuchungen durchführte, identifiziert 7Q5 als Teil des Markusevangeliums. In mehreren Büchern (zuletzt auf deutsch: "Die Messias-Sucher", Kreuz Verlag, Stuttgart 2002) machte Thiede seine Theorie weltweit bekannt.

Viele Papyrologen widersprechen Thiedes Ansichten heftig und zweifeln seine Methodik und Argumentation an. Der Wiener Papyrologe Hans Förster diskutiert in diesem Sinn am 11. November in Wien mit Thiede (vgl. nächste Seite). Die Furche bringt aus diesem Anlass vorab die Argumente beider Kontrahenten. ofri

FURCHE-Navigator Vorschau
Werbung
Werbung
Werbung