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Weihnachten ist kein "Sonnwend"-Fest

Weihnachten als "Gipfel" der Hellenisierung des Christentums ist ein Mythos: Das Christfest stellt keine "Umdeutung" eines heidnischen Festes dar. Nicht das Furor auslösende islamkritische Zitat machte die Regensburger Rede Benedikts XVI. vom 12.9.2006 so brisant, sondern die einmal mehr mit Verve vorgetragene These des Papstes vom "nötigen Aufeinander-Zugehen zwischen biblischem Glauben und griechischem Fragen": Ist christlicher Glaube nur durch die Brille eines "kritisch gereinigten griechischen Erbes" zu verstehen? Im Dossier kommen Befürworter wie Gegner solcher "Hellenisierungsthese" bzw. "Enthellenisierungsverdammung" zu Wort. Redaktion: Otto Friedrich

Warum soll man überhaupt an einer Verbindung von Christentum und Hellenismus zweifeln? Die Integration ist doch, wenn man auch nur in die Baugeschichte blickt, von eher etwas unbeholfenen Anfängen zur Perfektion geführt worden: Während der Dom von Syrakus noch die Säulen des Athene-Tempels, der vorher an dieser Stelle stand, gleichsam als Fremdkörper integriert, werden seit der Renaissance ganze Kirchen stilistisch den alten Tempeln nachempfunden. Die Kirche integriert so die Antike - das ist zumindest das architektonische Programm der Renaissance (vgl. Bild auf Seite 28).

Erst seit der Renaissance

Und Weihnachten, das Fest, das Christen in diesen Tagen feiern, kann geradezu als der Gipfel der Hellenisierung des Christentums in der Antike gesehen werden. Die Nachbildung eines heidnischen Sonnwendfestes, eines Geburtsfestes des unbesiegten Sonnengottes, durch ein christliches Geburtsfest des Erlösers entspricht dem vermeintlichen Wissen um die Inkulturation von Religion. In der Ablösung vom Judentum und der Hinwendung zur zeitgenössischen Kultur sei damit dem Christentum - im Wortsinn - ein Licht aufgegangen. Nicht mehr der jüdische Mondmonat mit seinen Schwankungen, der noch heute das Osterfest in seiner Lage im Kalender beeinflusst, sondern das Zentralgestirn des Sonnensystems bestimmt den Festtermin.

Auf diesem Hintergrund gewinnt auch die weihnachtliche Lesung aus dem Propheten Jesaja (Jes 9,1) eine ganz andere Bedeutung: "Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell." Die Integration des Sonnenkultes ist ein Geistesblitz, die Anknüpfung an die hellenistische Kultur der Zeit gelungen.

Hier muss man aus einer nüchternen wissenschaftlichen Perspektive gleich auf mehreren Ebenen warnen: Zuerst einmal ist bereits auf der sprachlichen Ebene darauf hinzuweisen, dass es sich beim "Hellenismus", wenn man den Begriff in seiner biblischen Bedeutung betrachtet, um ein Synonym für "Heidentum" handeln würde, auch wenn es sich in der Grundbedeutung des Wortes zuerst einmal um "Griechen" handelt. Mit anderen Worten, eine mögliche Deu- tung der Rede von einer Integration des Hellenismus wäre die Behauptung einer Synthese von Christentum und Heidentum. Aus der Kirche der Märtyrer ist also, so möchte man etwas provokant formulieren, die Kirche der Mitläufer geworden. Dies allein sollte bei der Annahme einer "Inkulturation" des Christentums im vierten Jahrhundert zu großer Vorsicht mahnen.

Diese angebliche Inkulturation durch die Einführung des Weihnachtsfestes als Parallele zu einem heidnischen Sonnwendfest ist wohl eher ein moderner Mythos als eine altkirchliche Entwicklung. Ein Blick in die Texte der Kirchenväter zeigt, dass gerade im vierten und fünften Jahrhundert die Grenze zwischen Christentum und Heidentum sehr strikt gezogen wurde.

Keine Nähe zu den Heiden

Zu einer Zeit, als man angeblich die Menschen durch die Einführung eines Sonnwendfestes am 25. Dezember "dort abholte, wo sie waren", mahnt Papst Leo der Große in seinen Weihnachtspredigten, dass man nicht einmal den Anschein einer Nähe zwischen Christentum und Heidentum erwecken dürfe. Das heißt doch letztlich nichts anderes, als dass die Integration des Sonnenkultes so gut verlaufen wäre, dass nicht einmal die Gläubigen in Rom, die diesen Papst predigen hörten, merkten, was am 25. Dezember vor sich ging. Kaum zu glauben, und doch eine verbreitete wissenschaftliche Hypothese.

Um es noch einmal anders zu formulieren: Die Behauptung, dass zu Weihnachten ein Parallelfest zu einem heidnischen Sonnwendfest eingeführt wurde, um die "Inkulturation" der neubekehrten heidnischen Massen zu erleichtern, heißt nichts anderes, als die gesamte Kirche des vierten Jahrhunderts als schizophren zu bezeichnen. Dieselben Bischöfe, die zu Weihnachten unter Hinweis auf die Sonnensymbolik das Geburtsfest Jesu feiern, wettern an den Kalenden des Jänner in ihren Kirchen: Dem frivolen Feiern der Heiden an diesem Tag, ihrem Völlern und Fressen sei durch Fasten zu begegnen. Dies ist wohl wirklich eine etwas merkwürdige Situation.

Das angeblich durch ausgelassenes Feiern gekennzeichnete Sonnwendfest der Heiden soll zur Einführung des Weihnachtsfestes geführt haben, während die Kalenden-Predigt des Augustinus eine reine Bußpredigt ist. Wie ein Refrain zieht sich durch diese Predigt ein Zitat aus Psalm 106,47: "Hilf uns Herr, unser Gott, und bring uns zusammen aus den Heiden." Über mehrere Jahrhunderte hinweg waren die Kalenden des Jänner gebotene Fasttage, um dem ausgelassenen Treiben der Heiden mit einem entsprechenden Kontrapunkt zu begegnen. Kirche war im vierten und fünften Jahrhundert Kontrastgesellschaft, von einem Kuschelkurs mit dem Heidentum kann keine Rede sein.

Keine "Kontinuität"

Was ist aber tatsächlich geschehen? Der Blick auf Architektur und Kunst zeigt, wie sehr ein Programm mit ähnlichen Ausdrucksformen Gegensätzliches bedeuten kann. Die Kirchen der Renaissance und ihre stilistische Integration von Elementen des antiken Tempelbaus versinnbildlichen bewusst eine geistige Kontinuität des Christentums mit den vorchristlichen Denkern und Kulten. Das Programm des Domes in Syrakus ist ein anderes. Die Integration der Säulen des Athene-Tempels dient nicht der Fortsetzung des heidnischen Kultes durch einen anderen, es ist vielmehr die bewusste und direkte Konfrontation des Christentums mit dem Heidentum, es ist der Beweis, dass der Psalmist im Recht ist, wenn er über die heidnischen Götter spricht (Ps 115,4): "Ihre Götzen aber sind Silber und Gold, von Menschenhänden gemacht."

Obwohl der Tempel der Athene durch diesen Kirchenbau entweiht wird, geschieht nichts, die Göttin ist gegenüber diesem Bau machtlos. Das Programm der Kirche in Syrakus, deren Errichtung im 7. Jahrhundert aus dem vorchristlichen Tempel ein christliches Heiligtum machte, ist die Ablehnung des heidnischen Tempels. Erst die Renaissance sollte im Kirchenbau die Verklärung des Hellenismus bringen.

Was ist zu Weihnachten geschehen? Aus der Sonnensymbolik, die gerade von den Vätern des vierten und fünften Jahrhunderts an diesem Tag gerne und ausführlich verwendet wurde, schlossen Theologen und Historiker auf eine Parallele zu einem Sonnwendfest. Man muss hinzufügen, dass die Beliebtheit und weite Verbreitung des heidnischen Sonnwendfestes in der historischen Forschung mit den Predigten der Kirchenväter und der dort zu findenden Sonnensymbolik begründet wurde. Die außerchristlichen Belege dieses Festes sind, um es vorsichtig zu formulieren, höchst dürftig. Das beliebte heidnische Sonnwendfest ist also eher ein Forschungsmythos als eine historische Tatsache.

In der Begeisterung für die "Inkulturation" dieses Sonnenfestes übersah die Forschung, dass es für diese Sonnensymbolik biblische Wurzeln gibt. Von vielen Predigern dieser Zeit wird an Weihnachten das Wort des Propheten Maleachi zitiert (Mal 3,20): "Euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet, soll aufgehen die Sonne der Gerechtigkeit und Heil unter ihren Flügeln." Christus, so die altkirchlichen Prediger, sei die "wahre Sonne der Gerechtigkeit".

Jüdisch-biblische Wurzeln

Die christliche Sonnensymbolik beeinflusst den Termin, die Kunst zeigt jedoch eindeutig die biblischen Wurzeln des Festes. Dargestellt werden auf altkirchlichen Reliefdarstellungen, die in eben der Zeit entstanden, in der angeblich ein heidnisches Fest durch Weihnachten "getauft" wurde, die biblischen Ereignisse der Geburt Christi (Bild S. 25). Wenn ein himmlisches Gestirn überhaupt auszumachen ist, dann ist es immer der Stern von Betlehem. Die Sonne spielt in diesen Darstellungen keine Rolle.

So bleibt als Fazit einer angeblichen Öffnung des Christentums für die zeitgenössische Kultur des vierten Jahrhunderts durch die Einführung des Weihnachtsfestes, dass die moderne Forschung hierbei die Wurzeln des Festes in dem Buch übersehen hat, das Juden und Christen gemeinsam verwenden: Das Buch, das man wohl besser als das Erste Testament und nicht als das Alte Testament bezeichnet.

Das Weihnachtsfest, das durch die Wahl des Termins eine vorhandene Distanz zwischen Christentum und Judentum zum Ausdruck bringt, zeigt in der symbolischen Begründung des Termins jedoch die gemeinsamen Wurzeln.

Der Autor arbeitet als vom Wissenschaftsfonds FWF geförderter Gastwissenschaftler in der Papyrussammlung der Österreichischen Nationalbibliothek an koptischen Texten.

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