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Eine störrische Zeit

Säkularismus - Gespenst oder Partner des Christentums? "Ein Gespenst geht um in Europa ..." so könnte, in Anlehnung an Marx und Engels, heute ein "Säkularistisches Manifest" beginnen. Allenthalben beklagen manche, Europa sei dem "Säkularismus" verfallen und dränge die Religion an den Rand. Das vorliegende Dossier bringt dazu vier - religiöse - Stimmen, um der Diskussion zu einem Thema Vorschub zu leisten, das Europa beschäftigen sollte. redaktion: Otto Friedrich

Wenn man in diesen Adventtagen durch die Städte und Ortschaften streicht, fallen einem von überall her Lichter und Weihnachtsmusik zu. Es ist wieder die alljährliche hohe, hitzige Zeit angebrochen. Im Fieber des Jahresendes dampfen die Köpfe derer, die hinter den Ständen sitzen und aufs Geschäft hoffen, und die Köpfe derjenigen, die den neuen Botschaften längst schon folgen und von Stand zu Stand als Konsumenten ziehen: Kommt ihr Leute, kommt und kaufet ein!

Entwendetes Erbe

Selten genug ist der Mehrheit der Konsumenten im elektrischen Dämmerlicht der Parks und Höfe oder in der Taghelle der Kauftempel bewusst, dass man auf ein Fest zugeht, das tief christlichen Charakter trägt. Die Marktpropaganda hat längst neue Formeln unters Volk geworfen. Aus dem Fest der Geburt Jesu ist ein weiches, duftiges Fest irgendeiner unbestimmten Liebe geworden, ein Fest der Kinder, ein Fest für Kinder. Besungen wird der Weihnachtsbaum, der Weihnachtsmann, die bergige Landschaft der kommenden Geschenke, das Backgut dieser Zeit, der Wohlduft der langen Abende - mit einem Wort: Man hat sich in einem endlosen Wiegenlied des Jahresendes eingelullt und versinkt in eine selige Welt, in der sich die Spuren von gestern, als das Fest noch christlich war, langsam verlieren.

Kann es da verwundern, wenn in diesen Tagen kritische christliche Stimmen zu hören sind? Häufig klagen sie über die Säkularisierung, d.h. über die Verweltlichung eines Festes, das ehemals dem christlichen Monopol unterstand. Sie klagen darüber, dass und wie man das Christentum enterbt hat und in der so genannten Vorweihnachtszeit (die keine Adventzeit mehr ist) eine Erb-Aufteilung veranstaltet wird, als wäre das Christentum bereits tot. Sie klagen darüber, dass im Sog des Säkularismus auch ein ganz übler Relativismus aufgebrochen ist, der alle religiösen Ansprüche glatt hobelt und sie neu montiert, je nach psychischem, sozialem oder ökonomischem Belieben. Sie klagen, wie man klagt, wenn man totgeschwiegen und totgesungen wird und doch noch das Leben behaupten will gegen den inszenierten Augenschein. Doch auf Gott wartet kaum noch jemand in diesen Tagen. Ein anderer hat seine Stelle besetzt. Santa Claus is back in town.

Doch was ist da wirklich geschehen?

Das Missverständnis

In dieser Klage versteckt sich mehr als nur das Lamento über eine störrische Zeit, in der das Christentum keinen Platz mehr findet, gerade auch dann nicht, wenn eines seiner zentralen Feste begangen und lückenlos umgewertet wird. In dieser Klage versteckt sich vielleicht auch ein Missverständnis über die eigene Herkunft des Christentums. Denn in der banalen Wahrheit, die immer noch weithin fremd klingt, nämlich dass das Christentum oh-ne das Judentum (das einstige und das heutige) weder existierte noch mehr wäre als irgendein heidnisches Spektakel, in dieser banalen Wahrheit taucht eine fundamentale Einsicht auf, und diese lässt sowohl die Selbsteinschätzung des Christentums als auch seine Einschätzung solcher Vorgänge wie der des vorweihnachtlichen Säkularismus umstürzen.

Denn dem Judentum und dem Christentum war gemeinsam, dass sie in ihrer Frühzeit die damals kaum vorhandenen Ansätze von Säkularität radikalisiert hatten. Im 6. Jahrhundert vor der Zeitenwende räumt die Priesterschaft Israels mit dem Taumel einer göttlichen Welt auf: Die Lichter, die am Himmel leuchten, sind bloße Lichter, die nur zur Welt gehören, nicht zu Gott und daher gewiss keine Götter sind. Und die Menschen sind bloße Menschen, hinfällig und groß, grotesk und erbarmenswert, genial und hinterhältig; sie sind Menschen, nicht Helden, nicht Götter, wie die Heiden sie verehrten.

Und selbst die goldenen Könige fallen der Zeit anheim, da hilft keine Fiktion der Ewigkeit heraus und hinauf in eine erdichtete Göttlichkeit, die ihnen zugeschrieben wurde in Ägypten und in Babylon und in Rom. Als die Christen aus dieser Haltung im Römischen Reich sich ausbreiteten, bekämpfte man sie wie das Urböse, weil sie das religiöse System unterminierten mit ihrer Verweltlichung einer Welt, die in Rom ganz und gar religiös gelesen wurde. Diesem System standen die Christen als damals so genannte Atheisten gegenüber. Und ganz gewiss widerstanden diese Christen gemeinsam mit den Juden, die das lang schon vor ihnen getan hatten, absolutistischen Ansprüchen und Wahrheitsbehauptungen der Philosophen oder der religiösen Staatsmacht.

Hirten von einst sind passé

Im Lauf der Jahrhunderte hat das Christentum in Europa einen religiösen Kosmos aufgebaut - und wurde dadurch zum Erben einer weithin heidnisch dominierten religiösen Welt. Und heute, da die kulturelle und soziale Bildungskraft des Christentums deutlich geschwächt ist in Europa, heute sitzen an seiner Stelle gewaltige neureligiöse Kräfte mit ihren nur wenig abgewandelten archaischen Formen: Gold und Glanz dominiert wie im alten Ägypten; Versprechen von Glück und Paradies, von Sonnenwenden und Lebenswenden werden an allen Ecken gekündet; gebrochener Schicksalsglaube erhebt sich dunkel aus den langen Einkaufsabenden; im wehenden Lametta zuckt himmlische Seligkeit; und ein radikaler Tatglaube, der sich dem Schicksal dann doch nicht ganz ergibt, erfährt durch die Dauerpropaganda seine Legitimation: Kommt ihr Leute, kommt und kaufet ein! Dann geht es euch morgen besser! Die Hirten von einst sind passé. Überwunden hat sie eine neue Werkgerechtigkeit, in der das Gold und das Geld befehlen, unfehlbar, ohne Möglichkeit, ihm zu entkommen.

So also dürfte die neue Religion gebaut sein, eine fiebrige Erscheinung in einer hoch religiösen Welt, die dem Kapital überall zu Füßen liegt.

Man stöhnt fast auf: Wenn es doch nur den Säkularismus gäbe, wenn es doch nur den Relativismus gäbe, der die Geltung dieser absoluten neureligiösen Werte verneinte, dann wären die Menschen, die heute von den neuen religiösen Mächten gejagt werden, wieder etwas freier. Denn vielleicht ist der Säkularismus gar kein drohendes Gespenst, sondern ein heimlicher Partner des Christentums, der wieder zu entdecken wäre. Wenn es ihn wieder gäbe, dann ließen sich die Menschen nicht mit moralischem Unterton vorrechnen, dass sie heuer mehr für Weihnachten ausgeben sollen als im Vorjahr; sie ließen sich nichts einreden und vorlügen, das den Sinn von Festen verdreht bis zur Unkenntlichkeit; sie ließen sich nicht narkotisieren vom Blendwerk des Goldes und seinem absoluten Wert.

Wenn es doch den Säkularismus und den Relativismus gäbe, dann wüsste man gerade in der Hitze der Vorweihnachtszeit, dass Advent ist und nicht dem Kommen der alles entscheidenden Konsumsummen gegen Jahresende entgegen gebangt, sondern auf das Kommen des errettenden Gottes gehofft wird.

Wenn es doch den Säkularismus und den Relativismus gäbe, dann verfiele man nicht dem Schmeichelton einer Musik, die längst funktionalisiert ist aufs Geschäftemachen als dem obersten Vorweihnachtsprinzip.

Wenn es doch den Säkularismus und den Relativismus gäbe, dann wäre klar, dass die vorweihnachtlichen Arrangements Inszenierungen von Menschen sind, gefährlich, wenn sie dem Bann des Geschäfts nicht mehr sich entwinden, tröstlich, wenn sie mitmenschliche Nähe in finsteren Tagen zeigen wollen.

Wenn es doch nur den Säkularismus und den Relativismus gäbe, dann könnte sich vielleicht das Christentum wieder an die Tage erinnern, da es jung war; dann könnte es in der Verweltlichung der Welt und in der Hinfälligkeit der Erkenntnis etwas finden, das zu seinem Glaube gehört: Lasst die Welt Welt sein und den Menschen Mensch, denn nur einer ist der Gott. Allein sein Kommen wird Welt und Menschen Glück bringen.

Der Autor ist Professor für Fundamentaltheologie an der Kath.-Theol. Fakultät der Universität Wien.

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