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Ein Evangelium ohne vorsätzliche Judenfeindschaft

1945 1960 1980 2000 2020

Das Johannesevangelium gilt als spätestes und judenfeindlichstes Evangelium. Neuere Forschungen zeigen aber, dass dem nicht so ist. Vielmehr wären judenfeindliche Übersetzungen zu korrigieren.

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Das Johannesevangelium gilt als spätestes und judenfeindlichstes Evangelium. Neuere Forschungen zeigen aber, dass dem nicht so ist. Vielmehr wären judenfeindliche Übersetzungen zu korrigieren.

Pauschal wird den Juden, so scheint es, im Johannesevangelium die Fähigkeit zur Gotteserkenntnis abgesprochen (Joh 5,37; Einheitsübersetzung 2016): "Auch der Vater selbst, der mich gesandt hat, hat über mich Zeugnis abgelegt. Ihr habt weder seine Stimme je gehört noch seine Gestalt gesehen." Der Neutestamentler Rudolf Bultmann schreibt hierzu in seinem einflussreichen Kommentar zum Johannesevangelium: "[] den Juden ist Gott gänzlich verborgen; sie haben keinen Zugang zu ihm [ ]. Die prätendierte Gotteserkenntnis der Juden ist also Lüge [ ]; nicht etwa bloßer Irrtum, der auf Mangel an Informationen beruht, sondern Schuld, denn sie ist Verschlossenheit gegen Gott."

Deutlich kommt hier eine große Distanz zwischen Judentum und Christentum zum Ausdruck. Aus solchen Passagen folgert man, das Johannesevangelium sei entstanden, als die junge Christenheit bereits deutlich vom Judentum zu unterscheiden war. Es gilt als spätestes und judenfeindlichstes Evangelium.

Judenchristliches Johannesevangelium

Um so überraschender scheint es, dass in der alten Kirche mit dem Johannesevangelium eine judenchristliche Identität verteidigt wurde, gerade dieses Evangelium diente dazu, den endgültigen Bruch zwischen Christentum und Judentum in Kleinasien hinauszuzögern. Polykrates von Ephesus verteidigte sich Ende des zweiten Jahrhunderts gegen römische Übergriffe. In Rom hatte man entschieden, die ursprüngliche christliche Osterpraxis zu ändern. Das christliche Osterfest war schließlich aus dem jüdischen Pesach entstanden, die ersten Christen waren Juden und feierten das Pesach-Fest. Die Anklänge an das jüdische Pesach sind noch heute in der Liturgie des Osterfestes nicht zu übersehen. Wie auch die Juden, die dieser Tage ihr Pesach feiern und des Auszugs aus dem ägyptischen Sklavenhaus gedenken, rufen auch die Christen zu Ostern mit den liturgischen Lesungen die Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei in Erinnerung.

Damit waren natürlich anfänglich jüdisches und christliches "Pesach" verwechselbar -bis hinein in die verwendeten Begriffe. Im Griechischen wird "Pascha" sowohl zur Bezeichnung des jüdischen wie des christlichen Festes verwendet. Da auch für die Ermittlung des Termins der beiden Feste gleiche Bedingungen galten, fielen diese Feste in den ersten Jahrzehnten der Christenheit auf denselben Termin. Verwechslungsgefahr bestand: Juden feiern Pesach und gedenken des Auszugs aus Ägypten, Christen feiern Pesach und deuten den Auszug aus Ägypten auf die Auferstehung Jesu. Diese Verwechslungsgefahr soll durch einen Eingriff in den Festkalender der römischen Kirche beseitigt werden. Man entfernte sich wohl um die Mitte des zweiten Jahrhunderts bewusst von den jüdischen Feiern, indem das Osterfest als zusätzliches Kriterium auf einen Sonntag fallen muss. In der Wissenschaft spricht man vom so genannten "dominikalen Osterfest", dem Osterfest also, das auf den als Dominica oder Sonntag bezeichneten Tag fällt.

Für dieses dominikale Osterfest kann man sich auf die synoptischen Evangelien- also Matthäus, Markus und Lukas -berufen. Das in diesen drei Evangelien beschriebene Letzte Abendmahl Jesu ist ein Pesach-Mahl. Die Pesach-Lämmer sind bereits geschlachtet und erst am Pesach-Tag selbst wird Jesus nach der Chronologie dieser Evangelien gekreuzigt. Am "ersten Tag" wird Jesus von den Toten auferweckt und eben das ist die Grundlage dafür, auf dieser Chronologie aufbauend, das dominikale Osterfest einzuführen.

Kreuzigung am Rüsttag von Pesach

Gerade weil mit Gründonnerstag liturgisch die Fußwaschung verbunden ist, fällt heute oftmals nicht mehr auf, dass diese nur im Johannesevangelium bezeugt wird. Das letzte Mahl Jesu, von dem im dreizehnten Kapitel des Johannesevangeliums berichtet wird, kann jedoch keinesfalls ein Pesach-Mahl gewesen sein. Schließlich wird bei der Einleitung in das letzte Mahl Jesu im Johannesevangelium ausdrücklich hervorgehoben, dass es "vor dem Pesach" stattgefunden habe (Joh 13,1). Das im Johannesevangelium beschriebene Mahl wird also einen Tag vor dem Pesach-Mahl gegessen worden sein.

Auch wird Jesus nach dem Johannesevangelium am "Rüsttag des Pesach-Festes" (Joh 19,23) gekreuzigt. Dieser Rüsttag ist der Tag des ersten Frühlingsvollmondes nach der Tag-und-Nacht-Gleiche des Frühlings, an diesem werden die Pesach-Lämmer geschlachtet. Nach dem jüdischen Kalender, dessen Monate von den Mondphasen abhängig sind, handelt es sich bei diesem Tag um den 14. Nisan.

An diesem Tag begannen die kleinasiatischen Gemeinden mit ihrem christlichen Pesach. Sie folgten damit weiterhin der jüdischen Festpraxis. Der römische Bischof Victor forderte nun in einem Brief die kleinasiatischen Gemeinden auf, von ihrer Festpraxis abzurücken. Die liturgische Nähe dieser Gemeinden zum Judentum war dem römischen Bischof offenkundig ein Dorn im Auge, war es doch wohl zur Zeit Victors bereits rund ein halbes Jahrhundert her, dass die römische Kirche den liturgischen Bruch mit dem Judentum vollzogen hatte. Eben diesen Bruch wollte der römische Bischof Victor auch für Kleinasien durchsetzen. Hiergegen setzte sich Polykrates, der Bischof von Ephesus, zur Wehr, indem er auf das Johannesevangelium und die mit diesem Evangelium verbundenen Traditionen in seiner Kirche verwies.

Für Jesus sind die Juden erwähltes Volk

Damit lässt sich der auf den ersten Blick erstaunliche Umstand bemerken, dass das vermeintlich "judenfeindlichste Evangelium" dazu dient, eine judenchristliche Praxis zu rechtfertigen. Der Eindruck eines angeblich "vorsätzlich judenfeindlichen" Evangeliums relativiert sich, wenn man berücksichtigt, dass griechische Kirchenväter, die keinesfalls als Philosemiten bezeichnet werden können, das Johannesevangelium weit weniger judenfeindlich verstanden haben, als die neutestamentliche Forschung der Neuzeit.

Das judenfeindliche Verständnis des Johannesevangeliums ruht oftmals auf durchaus problematischen Übersetzungsentscheidungen auf, welche längst hätten korrigiert werden müssen. Dies gilt auch für den eingangs zitierten problematischen Vers. Aus philologischen Gründen sollte so übertragen werden: "Und der Vater, der mich gesandt hat, hat von mir Zeugnis gegeben. Ihr habt euch niemals seine Stimme zu Herzen genommen noch sein Wesen verstanden."

Es geht gerade nicht darum, dass Jesus den Juden die Gotteserkenntnis absprechen würde, für Jesus sind die Juden das erwählte Volk, mit den Vertretern des Judentums diskutiert er über Inhalt und Bedeutung der "Schrift" - und die "Schrift" ist hier das, was im Christentum dann "Altes Testament" genannt wird. Gerade das an einer ganzen Reihe von Stellen traditionell judenfeindlich übersetzte Johannesevangelium sollte also gerade rund um Ostern eine Mahnung sein, die jüdischen Wurzeln des Christentums nicht zu vergessen.

Ursprünglich diente dieses Evangelium zur Verteidigung einer judenchristlichen Identität. Die neutestamentliche Wissenschaft sieht es heute weitgehend als späten und judenfeindlichen Text und steht somit vor der Aufgabe, ihre eigenen judenfeindlichen Traditionen, die exemplarisch im oben angeführten Zitat aus dem einflussreichen Kommentar Rudolf Bultmanns deutlich werden, zu überwinden.

Der Verfasser leitet zwei FWF-Projekte an der Uni Wien ,die in die Editio Critica Maior des Neuen Testaments eingebunden sind. Ziel dieses multinationalen Forschungsvorhabens ist eine verbesserte wissenschaftliche Erschließung des Neuen Testaments.

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