Karfreitag - © Foto: Pixabay
Religion

„Ich sage: Politik kommt und geht. Die Kirche bleibt.“

1945 1960 1980 2000 2020

Warum der Karfreitag für alle Christen – nicht nur für Evangelische – wichtig ist, erläutert Michael Bünker im FURCHE- Gespräch. Der lutherische Bischof äußert sich auch zur politischen Lage und kritisiert die aktuelle Regierungspolitik in zentralen Punkten. Und er bilanziert seine Amtszeit.

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Warum der Karfreitag für alle Christen – nicht nur für Evangelische – wichtig ist, erläutert Michael Bünker im FURCHE- Gespräch. Der lutherische Bischof äußert sich auch zur politischen Lage und kritisiert die aktuelle Regierungspolitik in zentralen Punkten. Und er bilanziert seine Amtszeit.

Ende des Sommers wird Michael Bünker sein Amt an den Nachfolger, der im Mai gewählt werden wird, übergeben. Am 26. April begeht der lutherische Bischof seinen 65. Geburtstag. Zuletzt war der oberste Evangelische des Landes mit der Abschaffung des Karfreitags als Feiertag für die Protestanten konfrontiert.

Ende des Sommers wird Michael Bünker sein Amt an den Nachfolger, der im Mai gewählt werden wird, übergeben. Am 26. April begeht der lutherische Bischof seinen 65. Geburtstag. Zuletzt war der oberste Evangelische des Landes mit der Abschaffung des Karfreitags als Feiertag für die Protestanten konfrontiert.

DIE FURCHE: Sie stehen am Ende Ihrer Amtsperiode: Ist die Abschaffung des Karfreitags als staatlicher Feiertag für die Evangelischen Ihre größte politische Niederlage?
Michael Bünker:
Diese Regelung wurde von niemandem gesucht, die Sache ist uns durch die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs in den Schoß oder auf den Kopf gefallen. Die jetzt beschlossene Lösung findet nicht die Zustimmung der evangelischen Kirche, insbesondere die Tatsache, dass jetzt Evangelische, wenn sie am Karfreitagvormittag den Gottesdienst besuchen wollen, sich einen Urlaubstag nehmen müssen.

DIE FURCHE: Aber ist das für Sie persönlich nicht doch eine Niederlage?
Bünker: Eine Niederlage wäre es gewesen, wenn wir etwas hätten gewinnen können. Unsere Vorschläge waren der Karfreitag als Feiertag für alle, was ja in vielen europäischen Ländern, auch katholischen wie Spanien und Portugal, der Fall ist. Interessant ist, dass im selben Augenblick, wo der Feiertag in Österreich abgeschafft wird, er in Ungarn eingeführt wird. Die einzige Alternative, vor die gestellt wurde, war der halbe Feiertag. Das hätte für Evangelische einen massiven Eingriff in ihr gottesdienstliches Leben bedeutet, denn die Gottesdienste sind ja am Vormittag des Karfreitags. Es war wichtig, das zu verhindern. Aber auch mit der jetzigen Urlaubslösung können wir nicht einverstanden sein.

DIE FURCHE: Warum ist gerade der Karfreitag für evangelische Christen so wichtig?
Bünker: Weil der Ostersonntag, der Sieg des Lebens, die Auferstehung aus dem Tod nur von dort her seine ganze Bedeutung erhält und es mit der Radikalität des Todes Jesu, dieser grauenhaften Hinrichtung am Karfreitag, verbindet. Es geht darum, nicht vom Sieg des Lebens zu sprechen und die Augen vor dem Leid in dieser Welt zu verschließen, sondern im Gegenteil: Der Karfreitag verlangt von uns, dass wir die Osterbotschaft mit bewusstem Blick auf das ungerechte Leiden in dieser Welt ausrichten. Für Christen ist der Blick auf den Karfreitag wichtig, weil er den Weg Gottes bis ans Kreuz zeigt, dass er einer ist, der sich mit den Leidenden identifiziert. Das ist die reformatorische Theologie des Kreuzes, wie sie sich bei Martin Luther findet. Von daher hat der Karfreitag für Evangelische noch einmal eine besondere Bedeutung mit dem Blick auf den Ostersonntag, der für alle Christinnen und Christen der höchste Feiertag ist. Kein Ostern ohne Karfreitag. Der Auferstandene wird an seinen Wundmalen erkannt.

DIE FURCHE: Eigentlich müssten auch andere christliche Konfessionen Interesse daran haben, dass der Karfreitag in seiner Bedeutung von der Gesellschaft anerkannt wird.
Bünker: Das ist ja im Inhalt auch der Fall: Der Karfreitag ist von größerer theologischer und liturgischer Bedeutung als andere Feiertage. Die Frage ist, wie man mit dem Gesamtgefüge der österreichischen Feiertagsregelung umgeht unter den neuen Bedingungen der Religionspluralität und der zunehmenden Säkularisierung.

DIE FURCHE: Es ist auch eine Frage des Minderheitenschutzes: Die Einführung des Karfreitags als Feiertag für die Evangelischen war ein Akt der endgültigen Anerkennung der Evangelischen in Österreich.
Bünker: Nach 1945 ging es darum, welche religiösen Feiertage es wieder geben solle, nachdem die Nazis alle abgeschafft hatten. Die politische Diskussion war, ob das Konkordat von 1933 noch gilt, man hat sich darauf geeinigt: Es gilt. Als dann in den 1950er-Jahren der 8. Dezember wieder eingeführt werden sollte, sind evangelische Abgeordnete im Parlament initiativ geworden, etwa die SPÖ-Politiker Bruno Pittermann und Karl Spielbüchler, die gesagt haben: Es braucht etwas zum Ausgleich für die Minderheit der Protestanten. Pittermann sagte einmal, die Einführung des Karfreitags als Feiertag für Evangelische sei ein letzter Schritt hin zur Anerkennung. Dass die Evangelischen eine Minderheit sind, ist Folge der Geschichte der Gegenformation mit einer weitgehenden Rekatholisierung des Landes. Diesen Materialgrund der positiven Diskriminierung der Evangelischen hat der Europäische Gerichtshof überhaupt nicht berücksichtigt. Das ist bedauerlich. Es ist nicht alles, was man einer Minderheit zuerkennt, eine Diskriminierung, sondern eine Anerkennung der besonderen Situation dieser Gruppe.

Der Karfreitag verlangt von uns, dass wir die Osterbotschaft mit bewusstem Blick auf das ungerechte Leiden in dieser Welt ausrichten.

DIE FURCHE: Das Gericht hat also wesentliche Argumente nicht berücksichtigt. Aber hätte nicht die Politik in Österreich eine andere Lösung finden können?
Bünker: Wahrscheinlich nicht unter dem Zeitdruck, den man sich selbst auferlegt hat. Ich glaube nicht, dass es dringend geboten war, das Erkenntnis des EuGH sofort umzusetzen. Es wäre nichts geschehen, wenn in diesem Jahr der Karfreitag als Feiertag für alle gekommen wäre, der 8. Dezember ist in diesem Jahr ja ein Sonntag, sodass die Wirtschaft aufs Jahr gesehen nichts verloren hätte. Man hätte also in Ruhe mit allen Beteiligten eine zukunftssichere Lösung erarbeiten können.

DIE FURCHE: Aber wie steht es um die Solidarität anderer gesellschaftlicher Gruppen mit den Evangelischen?
Bünker: Der Satz des Bundeskanzlers, dass sich für 96 Prozent gar nichts ändert, ist bei Evangelischen ganz schlecht angekommen, weil er die Minderheit noch einmal definiert und stark sichtbar macht. Was das für andere religiöse Minderheiten bedeutet, das wissen wir noch nicht. In Gesellschaften, die unter Veränderungsdruck stehen, versucht man bestimmte Minderheiten auch zu identifizieren – siehe Asylwerber. Und im Unterschied dazu eine Mehrheitsmeinung zu etablieren, halte ich demokratiepolitisch für bedenklich. Weil es um diese grundsätzliche Frage der Minderheiten geht, braucht es mehr Solidarität.

DIE FURCHE: Aber Sie haben nicht einmal eine starke Solidarität der katholischen Kirche bekommen.
Bünker: Dazu ist mir natürlich bewusst: Wenn man im Gefüge der 13 Feiertage einen Stein zum Wackeln bringt, einen Feiertag abtauscht oder zur Verfügung stellt: Wo endet das? Es steht ja auch die Äußerung des Präsidenten der Industriellenvereinigung Georg Kapsch im Raum, am besten alle Feiertage zu privatisieren.

DIE FURCHE: Und man hat im Hintergrund auch die Frage, ob man da nicht Schleusen öffnet – etwa in Richtung Muslime, die ja die zweitgrößte Religionsgemeinschaft im Lande darstellen.
Bünker: Da ist dann die Frage des Umgangs mit der Religionspluralität im Land, wenn es in Österreich mehr als doppelt so viele Muslime wie Evangelische gibt. Und deren Zahl steigt, nicht stark, aber kontinuierlich …

DIE FURCHE: Gleichzeitig nehmen die Katholiken (wie auch die Evangelischen) ab. Die Zahl der Konfessionslosen, der Orthodoxen und der Muslime nimmt zu – in der Feiertagsordnung bildet sich das aber nicht ab.
Bünker: Man wird sehen, was passiert, wenn in einem Unternehmen, in dem 40 Prozent der Beschäftigten islamischen Glaubens sind, alle am Opferfest ihren Urlaubstag nehmen … Da wird keine weitsichtige Politik gemacht.
DIE FURCHE: Haben Sie den Eindruck, dass zurzeit überhaupt weitsichtige Politik gemacht wird?
Bünker: Es wird zum Teil mit sehr tagesaktuellen und im Augenblick hochemotionalisierten Themen generell eine Politik begüns tigt, die gesellschaftliche Ungleichheit und die liberalen Tendenzen der kapitalistischen Wirtschaft nicht eindämmt.

DIE FURCHE: Evangelische Christen verstehen sich als in der Welt stehend. Aufgrund dieser Weltverantwortung: Wie beurteilen Sie die politische Lage in Österreich?
Bünker: Die wahrgenommene Verantwortung von Christinnen und Christen für das Ganze der Gesellschaft, das heißt: nicht nur für die „Unsrigen“, steht auf dem Prüfstand. Religionen dürfen sich nie nur um die eigenen Anhänger kümmern. Und da meine ich, dass Evangelische ihren „Gottesdienst im Alltag der Welt“, wie es der Apostel Paulus sagt, zu leben haben.

DIE FURCHE: Es gibt evangelische Christen in verschiedenen Parteien, der Infrastrukturminister, der aus der FPÖ kommt, ist ebenso evangelischer Christ wie etwa sozialdemokratische Abgeordnete. Das ist ein weit auseinanderfallender Bereich. Wie geht man als Kirche damit um?
Bünker: Das ist eine Herausforderung. Evangelische Christen haben sich vor ihrem Gewissen und vor Gott zu verantworten, wie sie sich in ihren Einstellungen definieren und politisch orientieren. Jede evangelische Pfarrgemeinde hat offene Türen für Wähler aller Parteien. Was aber Gemeinde und Kirche ausmacht, ist der Auftrag des Evangeliums. Und der steht außer Zweifel. Natürlich ist die Kirche für alle offen, aber sie ist nie für alles offen. Diese Spannung auch miteinander aufzuarbeiten, und wenn es zum Konflikt kommt, diesen in einer guten Weise auszutragen, ist eine Herausforderung.

DIE FURCHE: Aber gerade in der derzeitigen Regierungskonstellation gibt es ein gehöriges Konfliktpotenzial gegenüber kirchlichen Organisationen, etwa der evangelischen Diakonie oder der katholischenCaritas, weil deren Eintreten etwa für Flüchtlinge in diametralem Gegensatz zu dem steht, was die Regierung vertritt. Bünker: Auch das ergibt sich aus dem Auftrag des Evangeliums. Wenn die Diakonie im Einklang mit der evangelischen Kirche in Sachen der geplanten Bundesagentur für Betreuungs­ und Unterstützungsleistungen betont, die Unabhängigkeit derRechtsberatung für Asylwerber muss bleiben, dann steckt dahinter die Überzeugung: Jeder Mensch hat, unabhängig von seinem Rechtsstatus in Österreich, unveräußerliche Würde und Rechte. Das liegt für uns im Kern des Glaubens begründet, und da kann die Diakonie nicht anders. Hier ist die Politik gefragt, wie sie sich zu Werthaltungen stellt, die vom Evangelium bestimmt und gesteuert werden. Da legen nicht wir die Nähe oder Distanz fest, sondern die politischen Richtungen.

DIE FURCHE: Aber was nützt Ihnen das, wenn die Politik sagt: Glaubt halt, dass ihr Rechtsberatung machen wollt, aber wir drehen sie trotzdem ab …
Bünker: Das ist bedauerlich – und die negativen Folgen wird man sehen. Grundsätzlich sage ich: Politik kommt und geht. Die Kirche bleibt.

DIE FURCHE: Kirche ist ein Teil der sogenannten Zivilgesellschaft. Tut die aber genug?
Bünker: Da ist zu schauen, was zurzeit wichtig ist. Das ist die Klimakatastrophe, wo die Politik viel zu wenig tut. Dagegen ist ein Engagement der Zivilgesellschaft nicht leicht zu organisieren. Auch die Desavouierung derer, die sich für Asylsuchende eingesetzt haben, als „Gutmenschen“ oder „Willkommenskultur“ etc., das hat in der Öffentlichkeit weit um sich gegriffen. Aber in der evangelischen Kirche hat das nicht dazu geführt, dass sich weniger um Asylwerber kümmern als früher, sie sind nur angefeindeter als früher. Da bin ich auch persönlich zuversichtlich und denke mir, dass die Solidarität einen längerenAtem hat als politische Tendenzen, die dem widersprechen.

Was aber Gemeinde und Kirche ausmacht, ist der Auftrag des Evangeliums. Und der steht außer Zweifel. Natürlich ist die Kirche für alle offen, aber sie ist nie für alles offen.

DIE FURCHE: Aktuelle Umfragen zeigen aber, dass die Mehrheit der Bevölkerung diese Politik mitträgt.
Bünker: Das macht mich besorgter, mehr als das, was konkret von Tag zu Tag passiert. Hier bestätigt sich eine Entwicklung, die man im Fachjargon „soziale Unterschichtung“ nennt: Man kann Leute in prekären Arbeits­ und Lebensverhältnissen eine Anerkennung zukommen lassen, indem man Gruppen in der Gesellschaft definiert, de
Atem hat als politische Tendenzen, die dem widersprechen.

DIE FURCHE: Aktuelle Umfragen zeigen aber, dass die Mehrheit der Bevölkerung diese Politik mitträgt.
Bünker: Das macht mich besorgter, mehr als das, was konkret von Tag zu Tag passiert. Hier bestätigt sich eine Entwicklung,
nen es noch schlechter geht. Das dürfte derzeit der Fall sein – bei Asylwerbern und Asylberechtigten und wenn man schaut, wie die Sozialhilfe neu geregelt wird ... Das kann bei manchen dazu führen, dass sie sagen: Mir geht es zwar nicht besser, aber ich weiß, dass es dem neben mir schlechter geht. Das ist eine verhängnisvolle Entwicklung.

DIE FURCHE: Ihre Amtszeit endet in wenigen Monaten. Wenn Sie ein Label über diese Zeit legen, wie würde das lauten?
Bünker: Transformation. Meine Amtszeit beginnt im Jahr 2008, am Höhepunkt der Bankenkrise, von der sich Europa und die Welt bis heute nicht erholt haben. Und sie endet 2019, mittendrin war die sogenannte Migrationskrise 2015. Diese Amtszeit war gekennzeichnet von zwei ganz massiven globalen Phänomenen, die Gesellschaften unter Druck setzen. Da war zu erleben, dass auch die vergleichsweise ruhige österreichische Gesellschaft erfasst worden ist. Wir haben eine massive Polarisierung. Insofern endet meine Amtszeit unter weniger guten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, als sie begonnen hat.

DIE FURCHE: Haben Sie das erwartet?
Bünker: Nein.

DIE FURCHE: Aber es gab in Österreich und auch in Ihrer Kirche gleichzeitig Entwicklungen, die den beschriebenen entgegenlaufen. Bei den Evangelischen einigte man sich da vor wenigen Wochen in der Frage der Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften.
Bünker: Dass es letztlich gelungen ist, bei der öffentlichen Segnung homosexueller Paare einen Kompromiss zu finden, ist etwas, zu dem ich sehr gut stehen kann. Aber es war wieder sehr typisch evangelisch, dass die Gemeinden sich engagiert und kontrovers in die Diskussion geworfen haben. Ich hoffe, dass möglichst viele mit dieser Lösung leben können.

DIE FURCHE: Und was war das Highlight Ihrer Amtszeit?
Bünker: Natürlich war das Jahr 2017 herausragend, in dem 500 Jahre Reformation gefeiert wurden. Das war ein besonderes Geschenk. Das wiegt manch anderes ein Stück weit auf.