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Wir haben das Mass verloren

Religiöse Symbole in der Öffentlichkeit. Der Islam in Europa. Wie Gier das Gemeingut vernichtet. Testfall Solidarität: Kardinal Schönborn äußert sich zu den großen gesellschaftlichen Fragen. Das Gespräch führten Otto Friedrich und Claus Reitan

Zu viel ist passiert, als dass sich Kardinal Christoph Schönborn adventliche Beschaulichkeit gönnen könnte: das Kreuz-Urteil in Straßburg, das Minarett-Verbot in der Schweiz, der Kärntner Banken-Skandal, die Asyl-Debatte. Ein FURCHE-Gespräch über öffentlich bewegende Fragen dieser Tage.

Die Furche: Das Urteil des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte in Straßburg gegen Kreuze in Klassenzimmern hat eine Auseinandersetzung über religiöse Symbole im öffentlichen Raum losgetreten. Nun legt auch ein Niederösterreicher beim Verfassungsgericht in Wien Beschwerde gegen Kreuze in Kindergärten ein.

Kardinal Christoph Schönborn: Die Kreuz-Debatte der letzten Wochen hat gezeigt: Die große Frage, der sich die europäische Gesellschaft hier zu stellen hat, lautet: Wie steht sie zu ihrer Geschichte, wie steht sie zum Christentum?

Die Furche: Sie haben sich zum Straßburger Urteil zu Wort gemeldet und sind kritisiert worden, weil die Bischöfe gesagt haben, das Urteil erinnere sie an den Umgang totalitärer Systemen mit der Religion.

Schönborn: Wir Bischöfe haben darauf Bezug genommen, dass der totalitär dominierte Staat im 20. Jahrhundert jegliches religiöse Zeichen aus der Öffentlichkeit verbannen wollte. Das war der präzise Vergleichspunkt. Damit haben wir natürlich nicht gesagt, dass wir heute in einem totalitären System leben. Wir leben, Gott sei Dank, in einer Demokratie. Aber es wäre ein falsches Signal einer demokratischen Gesellschaft, wenn sie öffentliche religiöse Zeichen nicht mehr ertrüge.

Die Furche: Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund das Schweizer Bauverbot für Minarette?

Schönborn: Ich habe die Schweizer Verhältnisse nicht zu kommentieren. In Österreich ist der Islam seit 1912 eine staatlich anerkannte Religionsgemeinschaft und hat deshalb das Recht, seine Religion öffentlich auszuüben. Dazu gehören natürlich auch religiöse Bauwerke.

Die Furche: Beim Schweizer Volksentscheid haben Ängste vor dem Islam eine entscheidende Rolle gespielt. Solche Ängste gibt es auch in Österreich. Liegt in der politischen Diskussion die Definitionsmacht über den Islam zu sehr bei Politikern, die ihn instrumentalisieren – wie etwa FP-Obmann Strache?

Schönborn: Das ist komplexer. Der Islam hat erheblichen Interpretationsbedarf im Kontext der modernen Gesellschaft. Den hat auch das Christentum, nur hat dieses bereits 200 Jahre Aufklärung hinter sich und musste sich einer intensiven öffentlichen Debatte stellen. Das steht in gewisser Weise für den Islam noch aus. Die spannende Frage wird sein, ob die Kräfte im Islam, die bereit sind, diese Auseinandersetzung zu führen, stärker sein werden als jene, die dies ablehnen. Dazu gehört so Grundlegendes wie die Frage der Interpretation des Koran, die Bereitschaft, sich auf die historisch-kritischen Fragen einzulassen, wie es das Christentum für die Bibel machen musste. Oder die Frage nach dem Verhältnis von Religion und Vernunft, die auch der Papst in seiner großen Rede in Regensburg aufgeworfen hat. Das sind Fragen, die der Islam ja bereits im Mittelalter gestellt hat. Ich habe durchaus die Hoffnung, dass es Kräfte im Islam gibt, die bereit sind, diese Auseinandersetzung über die Frage von Religion und Vernunft wieder aufzugreifen.

Die Furche: Sie sehen also Chancen fürs christlich-islamische Gespräch.

Schönborn: Ja, aber das ist ein schwieriger und langer Weg. Und ich vertrete auch die Überzeugung, dass wir Christen die Verpflichtung haben, suchenden den Muslimen auch das Christentum als möglichen Lebensweg anzubieten.

Die Furche: Müssen sich in dieser Debatte nicht auch die Christen selbst über ihre Religion befragen?

Schönborn: Die wachsende Präsenz von Muslimen in unserem Land ist eine Herausforderung für Christen, sich über ihren Glauben bewusster zu werden – und wäre es nur, dass sie auskunftsfähiger über ihren Glauben werden. Das impliziert die Bereitschaft, tatsächlich Zeugnis zu geben von dem, was uns Jesus als den Weg des Lebens gezeigt hat. Wenn wir überzeugt sind, dass dieser Weg wirklich der Weg ist, der Menschen glücklich macht, dann werden wir auf jeden Fall diesen Weg nicht verschweigen – mit allem Respekt vor der persönlichen Freiheit der Muslime.

Die Furche: Christen und Muslime sind Teil der Zivilgesellschaft. Gibt es da Interessen, die beide gemeinsam vertreten sollten?

Schönborn: Natürlich sollten alle Menschen guten Willens zusammenwirken, wenn es etwa darum geht, die Sümpfe in unserem Land trockenzulegen, die zurzeit wieder so sichtbar werden. Das ist in spezieller Weise eine Herausforderung für Menschen, die sich durch ihren Glauben den Geboten Gottes verpflichtet wissen. Das ist sicher eine gemeinsame Basis für Christen und Muslime.

Die Furche: Wenn Sie von Sümpfen sprechen: Wir erleben den Fast-Zusammenbruch einer Bank, es müssen da immense Geldbeträge hineingesteckt werden.

Schönborn: Der Herr Bundeskanzler hat mir gesagt, die drei Milliarden Euro, die der Staat mindestens zuschießen muss, um diese Bank aufzufangen, hätten bis 2020 genügt, um die notwendigen Schulreformen zu finanzieren. Dieses Geld ist nun einfach weg! Und das ist kriminell. Deshalb ist wirklich zu hoffen, dass die Justiz diese Sümpfe erkundet und dann auch trockenlegt. Hier haben sich Politiker sowie in der Wirtschaft und im Bankwesen Tätige schamlos bedient. Das ist so verbrecherisch, wie leichtfertig Kriege anzuzetteln. Hier werden wohl keine Menschen getötet, aber es wird sehr viel Volksvermögen, sehr viel Gemeingut vernichtet. Und was steckt dahinter: Gier – sonst nichts.

Die Furche: Was ist passiert, dass es so weit kommen konnte?

Schönborn: Ab einer gewissen Größenordnung scheinen die Menschen nicht zuletzt in führenden Positionen das Maß zu verlieren. Das Tragische daran ist, dass dieses Verhalten auch zu einem Grundmuster in der Gesellschaft geworden ist. Offensichtlich hat es sich in unserer Gesellschaft eingebürgert, dass man mit Geld spekuliert, unabhängig davon, ob dem Werte entsprechen oder nicht. Wir haben in unserer Gesellschaft offensichtlich den Boden verloren. Wir werden die Rechnung für diese Verabsolutierung des Finanzmarktes sehr, sehr schmerzlich bezahlen müssen. Wir sind daran, die Rechnung auf die nächsten Generationen abzuwälzen.

Die Furche: Die Finanzspritzen für Banken etc. werden uns noch lange beschäftigen …

Schönborn: Das Geld wird der Politik dramatisch fehlen! Es wird zu Sparpaketen kommen – und die werden diejenigen dramatisch treffen, die schon am unteren Rand der Möglichkeiten sind. Man soll nicht überdramatisieren, aber das vorschnelle Reden von „es geht schon wieder aufwärts“ lässt mich sehr skeptisch werden, wenn ich die Arbeitslosenzahlen höre.

Die Furche: Sie plädieren also dafür, das richtige Maß zu finden und Maß zu halten.

Schönborn: Wir müssen wieder die elementaren Tugenden der Gesellschaft lernen: Anstand, den „Genierer“, dass man gewisse Dinge eben nicht tut. Ohne Anstand kann eine Demokratie nicht funktionieren. Der Staat lebt davon, dass der Bürger tugendhaft ist. Das hat schon Aristoteles in seiner „Politik“ klar gesagt.

Die Furche: Wie steht es dabei um die Solidarität? Ist unsere Gesellschaft noch solidarisch? Angesichts der Debatten um Asyl- und Fremdenrecht hat man da seine Zweifel.

Schönborn: Es gibt enorm viel Solidarität im Land! Es gibt 400.000 Ehrenamtliche – von den Freiwilligen Feuerwehren über das Rote Kreuz bis zur Hospizarbeit. Wie viele Menschen engagieren sich spontan, wenn irgendwo Not ist – denken Sie an die Überschwemmungen vor einigen Jahren. Dieses Land hat ein ganz großes Potenzial an Solidarität. Die „Ich-AG“ ist nicht das Grundmuster unserer Gesellschaft. Was den Solidaritätspegel der Gesellschaft – auch der Jugend – betrifft, bin ich sehr zuversichtlich

Die Furche: Aber es gibt doch die Fälle von Menschen, die schon lange hier leben, nun aber dennoch abgeschoben werden – gilt da aber nicht der gegenteilige Befund?

Schönborn: Ja, wobei ich auch hier erlebe, dass durch lokale, konkrete solidarische Netzwerke viele Härtefällen aufgefangen werden, weil Menschen sich engagieren und sagen: Diese Familie ist jetzt schon so lange hier und gut integriert, wir wollen nicht, dass die abgeschoben werden. Ich appelliere immer an dieses persönliche Engagement. Das macht eine Gesellschaft stark. Nicht auf „die da oben“ warten. Natürlich dürfen wir erwarten, dass die Gesetze in Ordnung sind und keine Verstöße gegen die Menschenrechte enthalten. Aber human ist eine Gesellschaft in dem Maß, wie sie Humanität ganz konkret praktiziert.

Die Furche: Dennoch: Vor Ort und auch bei lokalen Politikern funktioniert das gut, man setzt sich für gut Integrierte ein – aber die gesetzliche und die oberste politische Ebene lässt die Härtefälle dramatisch anwachsen.

Schönborn: Das soll auch öffentlich debattiert werden. Die Caritas oder die Diakonie spielen hier eine wichtige Rolle. Die Caritas hat nicht nur konkrete unmittelbare Hilfe zu leisten, die ganz, ganz wichtig ist. Sie soll sich aber ganz bewusst auch in die Struktur- und die Gesetzgebungsfragen einmischen. Da hat sie meine volle Unterstützung.

Die Furche: Die Caritas kann also in den Asyl- und Aufenthaltsfragen auch mit Ihrem Pouvoir auftreten.

Schönborn: Natürlich. Nicht nur mit meinem. Sondern mit dem aller Bischöfe. Die Caritas ist ein wesentlicher Teil der Kirche!

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