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"Wir sind keine naiven ,Gutmenschen'"

Paul Schulmeister, Mitinitiator der "Initiative Christen und Muslime", und anas schakfeh, Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft, im Gespräch.

Die Furche: Was will die neue Initiative von Christen und Muslimen?

Paul Schulmeister: Auslöser war der Karikaturenstreit in Dänemark. Der hat durch die Heftigkeit der Reaktionen gezeigt, dass hier eine Situation der Gesprächslosigkeit und der Polarisierung vorliegt, in der man etwas tun muss. Auch wenn hierzulande die Situation friedlich ist, sind Christen aufgerufen, gemeinsam mit den Muslimen in unserer gemeinsamen Heimat Österreich dafür zu sorgen, dass Respekt voreinander, vor der Pressefreiheit ebenso wie vor dem religiösen Bekenntnis genauso wichtig genommen wird wie die Absage an die Gewalt. Daher ist es notwendig, zusammen in eine Gesprächssituation zu treten, in der wir eine Personengruppe, die von Vertrauen getragen ist, bilden, um in Konfliktfällen ähnlicher Art rasch handlungsfähig zu werden, wenn ein Konflikt am Horizont erscheint Maßnahmen anzuregen, mit der Politik zu sprechen, damit der innere Friede in Österreich gewahrt wird.

Anas Schakfeh: Ich stehe diesem Anliegen sehr sehr positiv gegenüber und war sehr froh darüber, dass Sie und die Katholische Aktion die Initiative ergriffen haben. Es geht in Österreich nicht um Kultur-oder Religionskampf. Wir haben da oder dort kleine, oft lokal begrenzte Probleme, aber das ist nicht die Gesamtatmosphäre in Österreich. Denn die ist friedlich und wir wollen sie beibehalten. Das direkte Gespräch, eine gemeinsame Erklärung, wenn etwas zu erklären ist, kann dazu viel beitragen.

Die Furche: Fürchten Sie nicht, dass Ihnen Naivität vorgeworfen wird?

Schulmeister: Es mag in der Öffentlichkeit da und dort eine spöttische Attitüde geben: "Da treten wieder die naiven christlichen Gutmenschen auf und fordern den Dialog der Kulturen ..." Wir sind nicht naiv, sondern sehr realistisch und sagen: In der EU leben mehr als 15 Millionen Muslime, oft schon in der dritten, vierten Generation. Das heißt, ich kann diese Gruppe nicht irgendwohin wünschen, sondern muss lernen, mit der Unterschiedlichkeit der Traditionen, des jeweiligen Glaubensbekenntnisses friedlich zusammenzuleben. Unserer Initiative geht es nicht darum, oberlehrerhaft die Welt zu verbessern, sondern es geht uns um das friedliche Zusammenleben in Österreich: Da gibt es auch unter Christen große Mängel an Wissen über den Islam, da gibt es viele Vorurteile, da muss man etwas tun - durch Information, durch Begegnungen, die Vertrauen schaffen.

Schakfeh: Ja, es geht darum, uns gegenseitig besser kennen zu lernen. Und es geht um die Interessensvertretung von Kräften der Zivilgesellschaft, die auch eine Weltanschauung vertreten wie etwa die Katholische Aktion oder unsere Vereine. Diese Kräfte sollen hier eine besondere Rolle spielen und authentisch informieren. Denn Fehlinformationen tragen bei, dass Misstrauen entsteht. Ziel ist, voneinander mehr zu wissen: Wir werden dabei viele Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede feststellen. Aber trotz dieser können wir reibungslos miteinander - nicht nebeneinander! - leben.

Schulmeister: Das ist so wichtig in der Zeit nach 9/11 und den Komplikationen kriegerischer Art: Keiner wird leugnen, dass es im Nahen und Mittleren Osten schreckliche Ungerechtigkeiten und Extremismus gibt, den man ganz klar ablehnen muss. Aber: Wir reden hier über Europa und über Österreich. Christen leben in dieser Gesellschaft - aber sie haben einen Kompass. Und da frage ich: Ist es naives Gutmenschentum, wenn man einen Satz, wie ihn der Dichter Novalis geprägt hat, für richtig findet, nämlich: "Die Liebe ist der Endzweck der Weltgeschichte, das Amen des Universums." Wenn man es als Christ richtig findet, dass uns die Liebe bewegen sollte, den anderen zu verstehen und nicht zu verurteilen, wenn das Teil des Glaubens ist, dann sollten Christen danach handeln und sich nicht beirren lassen, wenn sie als Naivlinge abgestempelt werden.

Die Furche: Naivität ist ein Kritikpunkt. Ein anderer lautet: Da kommen die Vertreter zweier Religionen, zusammen, die mit Demokratie nur bedingt etwas am Hut haben.

Schakfeh: Solche Kritik hören wir auch. Ich glaube aber nicht, dass es am Demokratieverständnis mangelt. Für die Islamische Glaubensgemeinschaft stehen Rechtsstaat und Demokratie außer Streit. Solche Vorwürfe haben vielleicht etwas Wahrheit in sich, aber nicht in Österreich. Aber wir reden hier vom Zusammenleben in diesem Land und nicht über die weltweite Verständigung von Muslimen und Christen, was auch ein Ziel sein soll, aber viel größer ist als unsere Bemühungen und unsere Möglichkeiten. Es geht darum, das Zusammenleben in diesem Land nicht nur friedlich sondern harmonisch bis freundschaftlich zu gestalten - im Sinn der christlicher Nächstenliebe und im Sinn der vom Propheten Muhammad, Friede sei mit ihm, an erster Stelle propagierten guten Nachbarschaft. Und die schließt Andersgläubige, auch Agnostiker und Atheisten, mit ein.

Schulmeister: Drei Punkte sind wichtig: 1.) Hinter die Aufklärung kann und darf in Europa niemand - auch kein Christ - zurück. Das ist ein Wert, den man unbedingt hochhalten muss. 2.) Die Initiative ist zwar innerhalb der Katholischen Aktion Österreich angedacht worden, aber Ziel ist, ein Personenkomitee, nicht eine Veranstaltung der Katholischen Aktion mit der Islamischen Glaubensgemeinschaft zu etablieren. Im Gespräch der beiden Gruppen wurde versucht, einen gemeinsamen Text zu erstellen und ein Personenkomitee als dauerhafte, krisenfeste Einrichtung zu schaffen. Das geht weit über die katholische Kirche hinaus, schließt evangelische wie orthodoxe Christen und auch Glaubenslose, die diese Intention unterstützen, mit ein. 3.) ist diese Initiative ganz und gar nicht ein Verstoß gegen die Aufklärung, sondern im Gegenteil eine recht verstandene Verteidigung dieses Erbes: Es gibt in vielen Weltgegenden eine religiös-fundamentalistische Aufladung (die Christen nehme ich da nicht aus!). Diese halte ich für gefährlich. Das Erbe der Aufklärung drängt mich auch, mit Menschen unterschiedlicher Tradition und unterschiedlichen Glaubensbekenntnisses friedlich zusammenleben zu wollen.

Schakfeh: Es geht hier wirklich nicht darum, die Religion unter Denkmalschutz zu stellen. Ich habe den Karikaturenkonflikt auch nicht dahingehend verstanden. sondern das war eine islamophobe, fremdenfeindliche Aktion rechtsgerichteter Kreise in Dänemark. Das war nicht demokratisch: Hetze gegen eine Minderheit kann nicht demokratisch sein. Niemand will etwas zurückstecken und sich in Richtung voraufklärerische Zeit bewegen! Europa hat eine lange Geschichte, und diese kennt auch die Verfolgung von Menschen, die in einer Katastrophe wie dem Holocaust endete. Diese Katastrophe ist nicht plötzlich entstanden, sondern hat eine Vorgeschichte: Der Jude wurde karikiert, die Bilder vom Juden war immer die des Hässlichen, des Unmenschlichen - und einen Unmenschen kann man liquidieren. Davor warnen wir auch heute.

Schulmeister: Es ist wichtig, dass Sie das ansprechen: Antisemitische Karikaturen sind bei uns strafbar. Leider gibt es in Teilen der islamischen Welt immer noch solche Karikaturen - auch das ist zu verurteilen. Gerade beim Stichwort Holocaust ist wichtig, die Lehren der Geschichte vor Augen zu halten. Daher haben wir auch die Absicht, in weiteren Folge eine Art "Plattform der Religionen" einschließlich der jüdischen Gemeinde - mit der auch schon Kontaktgespräche stattfinden - zu entwickeln. Es gibt in diesem Feld aber schon viele Initiativen, die die breite Öffentlichkeit gar nicht zur Kenntnis nimmt. Es ist schon etwas im Gange. Diesen Weg müssen wir weitergehen.

Das Gespräch moderierte Otto Friedrich.

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