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Von Europa bis zur Zivilgesellschaft

Kirchen-Stimmen Stichwort Europa von Kardinal Christoph Schönborn Die Europäische Integration stellt - trotz aller ihrer Schwächen - das große Friedenswerk des 20. Jahrhunderts dar. Zum Einigungsprozess, der durch die Osterweiterung eine neue Dynamik erfährt, kann und soll auch die katholische Kirche einen bedeutenden Beitrag leisten. Dazu bedarf es kirchlicher Institutionen, die ihr in Europa eine Stimme geben - ebenso wie die Bereitschaft von Seiten der EU, diese Stimme ernst zu nehmen. Auf rechtlicher Ebene gibt es dafür bereits gute Ansätze, etwa die Kirchenklausel im Amsterdamer Vertrag oder die Verankerung der Religionsfreiheit in allen ihren Dimension in der EU-Grundrechtscharta - als Grundlage für das kirchliche Handeln in und für Europa.

Der Autor ist Erzbischof von Wien.

Stichwort Erweiterung Metropolit Michael Staikos Als Metropolit der orthodoxen Kirche in Östereich freue ich mich, dass eine intensive Bewegung für die EU-Erweiterung sich entwickelt. Diese Entwicklung fördere ich sehr, und meine Kirche bemüht sich, auch dazu ihren Beitrag zu leisten. Wenn ich aber immer wieder höre, dass die Grenzen Europas in Richtung Osteuropa wandern, oder dass Europa wächst, oder dass Europa dort endet, wo die Orthodoxie beginnt, kann es sich dabei nur um die "Europäische Union", jedoch niemals um Europa handeln. Denn Europa ohne den Süden und Osten Europas mit seiner kulturellen, religiösen und konfessionellen Vielfalt kann es nicht geben.

Der Autor ist griechisch-orthodoxer Metropolit von Austria.

Stichwort Demokratie Von Bischof Herwig Sturm Demokratie Demokratie ist eine Lerngemeinschaft mit dem Ziel einer wachsenden Humanisierung der Gesellschaft. Dieses Lernen geschieht aufgrund unterschiedlicher Standpunkte und gegensätzlicher Anschauungen in Form einer Konfliktkultur. Die Differenz, die Parteilichkeit und der Machtwechsel sind wesentliche Elemente der Demokratie. Dieses Kräftespiel ist allerdings sehr sensibel und bedarf darum eines umfassenden Schutzes, der in der Demokratie durch Meinungsfreiheit, Gewissensfreiheit, Machtkontrolle, Schutz von Minderheiten und ein rechtsstaatliches Gefüge gewährleistet wird.

Der Beitrag der Kirche für die Demokratie Ringen um Werte: Die Demokratie ist angewiesen auf sinnstiftende Gemeinschaften, welche die so genannten Grundwerte mit Leben füllen. Die Demokratie stellt den Raum zur Verfügung für den Dialog verschiedener Wertkulturen; die Kirchen sind in unserer Tradition und in unserem Land einer der wesentlichen Träger einer Wertkultur.

Gesprächspartner in Fragen der Ethik: In der sich rasend schnell verändernden Welt sind neue und schwierige ethische Entscheidungen zu treffen; zum Beispiel: Menschenwürde in Hinblick auf Gentechnik und Embryonenforschung; Kirchen sind Spezialisten in Fragen der Ethik.

Das öffentliche Wort: Kirche hat den Auftrag zur öffentlichen Wortverkündigung, sie ist daher besonders aufmerksam im Bereich der öffentlichen Sprache, wie in der Politik und in den Medien; die Kirchen sind ein Ort des Widerstandes gegen Vereinfachung und Populismus.

Weiter Horizont: Der Bogen von der Schöpfung bis zur Vollendung ist der weite Raum, in dem Kirchen denken und handeln; Kirchen mühen sich um Menschenwürde, Nächstenliebe und weltweite Geschwisterlichkeit mit Geduld und Hoffnung.

Der Autor ist Bischof der Evangelischen Kirche A.B. in Österreich Politik-Stimmen Stichwort Sauerteig Von Bruno Aigner Die Kirche (vor allem die katholische) enthält sich heute nach den negativen Erfahrungen der Zwischenkriegszeit der Parteipolitik. Auf der anderen Seite gibt es vor allem in der Sozialdemokratie noch immer Ressentiments gegen eine Kirche, die einmal sogar einen "hartherzigen Bundeskanzler im Priesterrock" gestellt hat. Franz Kardinal König und Bruno Kreisky haben das Verdienst Kirche und Arbeiterbewegung nach 1945 versöhnt zu haben. Die Kirchen tun also gut daran, sich nicht parteipolitisch zu betätigen. Das heißt aber nicht, dass sich ChristInnen angesichts der dramatischen Paradigmenwechsel, mit denen wir konfrontiert sind, nicht einmischen sollen (Stichworte: Globalisierung/Ökonomisierung aller Lebensbereiche/Entsolidarisierung/ Entwicklung der Gentechnik ...). Die Kirchen und ihre Mitglieder kommen da unter zunehmenden Legitimationsdruck. Ein alter Eisenbahner hat das Dilemma am Dialogtisch vor dem Stephansdom anlässlich fünf Jahre Kirchenvolks-Begehren auf den Punkt gebracht: "Der Herrgott ist anders als die Theologen."

Während sich der Theologe Joseph Kardinal Ratzinger anlässlich der Aufregung um das Vatikanische Dokument "Dominus Iesus" gegen "die Ideologie des Dialogs, die anstelle der Missionierung ... getreten sei", wandte, sind immer mehr ChristInnen gefordert, nicht nur innerhalb der Kirche für mehr Demokratie einzutreten, sondern als wichtiger Teil einer immer stärker werdenden Zivilgesellschaft am Dialog unserer Zeit teilzunehmen und "Sauerteig der menschlichen Gesellschaft" zu sein, wie es in "Gaudium et spes" im Rahmen des 2. Vatikanischen Konzils heißt.

Der Autor ist Mitarbeiter des Nationalratspräsidenten u. stv. SPÖ-Vorsitzenden Heinz Fischer Stichwort Überzeugung Von Heinrich Neisser Der Ruf nach dem politischen Engagement christlicher Menschen besitzt nach wie vor besondere Aktualität. Der fortschreitenden Banalisierung politischer Auseinandersetzungen kann nur entgegengetreten werden, wenn Persönlichkeiten aus der Kraft ihrer Überzeugung heraus im öffentlichen Raum sichtbar und hörbar werden. Dem dient nicht nur die politische Karriere im üblichen Sinn, die heute nach wie vor ohne politische Partei nicht stattfinden kann.

Die Herausforderungen christlichen Engagements finden sich im besonderem Maße in der Zivilgesellschaft. Aus dieser heraus werden in Zukunft die Fragen unserer Gesellschaft gestellt werden müssen. Christliches Engagement in Politik und Gesellschaft soll ein Kontrapunkt zu den üblichen Verhaltensweisen öffentlicher Entscheidungsträger sein. Das bedeutet beispielsweise: Sichtbarmachen des Grundsätzlichen anstelle von opportunistischem Taktieren; Bemühen um eine Sprachkultur, die der Verrohung und Trivialität politischer Semantik entgegenwirkt; Eintreten für Wahrheit und Aufrichtigkeit, ohne die langfristig ein demokratisches Gemeinwesen nicht bestehen kann; gelebte Toleranz, die mehr ist als wohlwollende Gleichgültigkeit gegenüber den Anderen. ChristInnen, die diesen Auftrag ernst nehmen, könnten viel zum Wandel der politischen Kultur beitragen.

Der Autor, 1994-99 2. Nationalratspräsident, ist Präsident der Politischen Akademie der ÖVP.

Stichwort Einmischung Von Karl Öllinger Die Grünen sind einerseits für eine strikte Trennung von Staat und Kirche. Andererseits wünschen wir uns trotzdem das Engagement von ChristInnen nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch über Parteien vermittelt. Die Zivilgesellschaft ist gut und recht, aber die Parteien sind nach wie vor gerade in der österreichischen Wirklichkeit die Träger politischer Macht. Darum möchte ich den ChristInnen den Zugang zu den Parteien nicht versperren und sie "nur" in der Zivilgesellschaft agieren lassen. Dennoch hat die Kirche kein Recht, einen Besitzanspruch auf die Gesellschaft oder auf ihre Institutionen zu erheben. Darüber hinaus wünsche ich mir eine lebendige Kirche, das heißt eine Einmischung von ChristInnen auch in die Kirchen. Gerade weil sich die Grünen eine lebendige Gesellschaft und eine lebendige politische Landschaft wünschen, wünschen wir uns auch eine lebendige Kirche. Und von Seiten der ChristInnen erwarten wir, dass sie in die manchmal aufgeregten parteilichen und gesellschaftlichen Debatten über wesentliche Zukunftsfragen so etwas wie einen menschlichen und ethischen Grundton hörbar einbringen.

Der Autor ist Nationalratsabgeordneter und Sozialsprecher der Grünen.

Zum Thema Berührungspunkte gibt es viele zwischen den in den Kirchen und den in der Politik Handelnden. Nachfolgend Statements aus Kirchen und Politik, die einiges davon skizzieren. Die Autoren waren Teilnehmer an öffentlichen Diskussionen im Rahmen der Ringvorlesung an der Theologischen Fakultät Wien. Die furche bat die sie um Stichworte zum weiten Themenfeld Christinnen/Christen und Politik. ofri

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