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Neue Positionen gesucht

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Die Katholisch-Theologische Fakultät der Wiener Universität widmet eine Ringvorlesung den Beziehungen und Spannungen zwischen Theologie und Politik.

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Die Katholisch-Theologische Fakultät der Wiener Universität widmet eine Ringvorlesung den Beziehungen und Spannungen zwischen Theologie und Politik.

In vielen Bereichen müssten sich die Kirchen neu positionieren; gesellschaftlichen Bedarf dafür gebe es. So umreißt die Organisatorin der Ringvorlesung "Theologie und Politik", die Sozialethikerin Ingeborg Gabriel, den Hintergrund für die laufende Veranstaltungsreihe an der Wiener Universität. Über das gesamte Wintersemester sind an der Katholisch-Theologischen Fakultät Vorträge zum Verhältnis dieser beiden Bereiche geplant. Anlass sei gewesen, so Gabriel, "dass die politischen Themen uns alle über das letzte halbe Jahr beschäftigt haben". Ähnlich formuliert es die Mitorganisatorin und Assistentin am Institut für Sozialethik, Christa Schnabl: "Es ist der Versuch, das Thema aufzugreifen, das im letzten halben Jahr wieder erdrutschartige Brisanz bekommen hat." Die Fakultät will sich der Politik dabei aus der Perspektive der verschiedenen Disziplinen nähern.

Dass eine derartige Auseinandersetzung, wie sie durch den Vorlesungsreigen gemacht wird, an der Zeit sei, habe auch das Aufeinandertreffen von Politikern und Kirchenvertretern kürzlich im Parlament gezeigt, meint Gabriel: "Es geht darum, Themen neu anzusehen und die Positionen der Kirchen dazu zu formulieren," ist die Theologieprofessorin überzeugt. Der Vorlesungsreigen könne dazu Anstöße liefern.

Eingerahmt wird das Programm von zwei Podiumsdiskussionen: eine theologisch und eine politisch besetzte. Bei der ersten - der theologischen - stellten sich drei Kirchenmänner vor einem bis auf den letzten Stehplatz gefüllten Hörsaal dem Thema. Der Wiener Kardinal Christoph Schönborn, der evangelische Bischof Herwig Sturm und der griechisch-orthodoxe Metropolit Michail Staikos erörterten "Positionen und Suchbewegungen". Dieses Motto kann laut Gabriel auf alle Veranstaltungen, die folgen werden, ausgedehnt werden: "Es geht darum, Positionen aus dem christlichen Glauben zu artikulieren, und uns zugleich gemeinsam auf die Suche zu machen, auf die Suche nach dem Beitrag der Theologie und der Kirchen zum Gelingen des Zusammenlebens in unserer Gesellschaft, auf die Suche nach den âZeichen der Zeit', die zu erforschen und im Lichte des Evangeliums zu deuten uns aufgetragen ist." Es bedürfe heute "über die tagespolitischen Themen hinaus neuer Orientierungen jenseits von links und rechts", meinte die Theologin und ausgebildete Wirtschaftswissenschaftlerin im Rahmen der Eröffnungsveranstaltung. Sie sieht die Einmischung von Christen und ihren Kirchen praktisch gefordert: Einerseits prophetisch-mahnend mit "klaren Worten der Kritik" und andererseits "bestärkend für alle jene Unternehmungen, die uns einer Welt näher bringen, in der der Mensch dem Menschen Bruder und Schwester und nicht Wolf ist".

Ins selbe Horn haben auch die Diskutanten des ersten Dienstagabends gestoßen. Für Herwig Sturm ist die Inkarnation Gottes in diese Welt Auftrag zur Einmischung: "Gott hat sich eingemischt, die Kirchen dürfen sich nicht heraus halten." Schönborn nannte als eines der Beispiele "kirchlichen Lobbyings" die "Kirchenklausel" im EU-Vertrag von Amsterdam. Mit Hilfe von österreichischen, deutschen und italienischen Politikern sei es dort gelungen, eine Erklärung zu den Kirchen in die Schlussakte des Gipfels hinein zu reklamieren. Spuren christlicher Einmischung seien auch in der von der EU ausgearbeiteten Grundrechtscharta enthalten. Vor allem im Bereich der Menschenrechte "können die christlichen Kirchen nicht deutlich genug sein", sagte der Wiener Erzbischof.

Betont wurde bei der Eröffnungsdiskussion des Vorlesungszyklus die wichtige Rolle der Politiker und die Notwendigkeit, sie auch zu unterstützen. Schönborn: "Wir brauchen wieder eine Aufwertung der Politiker. Abwertung und Lächerlichmachen ist gefährlich für ein Land." Der Politik solle "ihre Würde wiedergegeben" werden. Sturm zollte den Politikern Respekt dafür, dass sie für ihre Entscheidungen "ihren Kopf hinhalten".

Ökumene wichtig Die gemeinsame Anwesenheit der Vertreter der drei großen christlichen Traditionen wertete Gabriel als "sichtbares Zeichen der Hoffnung für die Ökumene in Österreich". Dem entspreche, dass das geplante Sozialwort der Kirchen ein ökumenisches Dokument sein werde. Auf dieses Vorhaben kam auch der orthodoxe Metropolit zu sprechen: Für Staikos ist es "etwas Einmaliges". Gleichzeitig verwies er aber darauf, dass in Österreich die Präsenz von 250.000 orthodoxen Christen noch immer nicht ins Bewusstsein gedrungen sei. So habe es kein Treffen von Orthodoxen mit den drei EU-Weisen gegeben, was ein "entstelltes Bild" der religiösen Situation zur Folge habe.

Am 16. Jänner 2001 - dem Abschlussabend der von den Instituten für Sozialethik und Pastoraltheologie organisierten Vorlesungen - werden sich Politiker der Frage "Was erwartet sich die Politik von den ChristInnen?" stellen. Eine Antwort darauf soll von Nationalratspräsident Heinz Fischer, dem früheren Zweiten Präsidenten, Heinrich Neisser, der die Bundesregierung auch im EU-Konvent für den Entwurf der Grundrechtscharta vertreten hat, und dem Grünen Klubchef Alexander Van der Bellen gefunden werden.

Die einzelnen Vorlesungen finden jeweils am Dienstag statt. Gabriel selbst, die den ersten Vortrag hält, behandelt das Thema "Erinnerung und Versöhnung". Im Gespräch erklärt sie dazu, dass der biblisch-theologische Begriff der Versöhnung "in den letzten zwei, drei Jahren im politischen Bereich eine Karriere erlebt hat". Dabei gehe es in erster Linie um die Frage: "Wie geht man mit historischen Erinnerungen um?" Neben den Ereignissen in Europa vor 50 Jahren fielen in diesen Bereich auch Problematiken neuer Demokratien in Mittel- und Osteuropa sowie Südamerika. Dort stelle sich die Frage: "Was tut man eigentlich mit Menschen, die in das System involviert waren - sei es als Politiker, Polizisten, Spitzel oder einfach nur als Mitläufer?". Neben der Vorlesung von Gabriel widmen sich noch zwei der insgesamt neun Abende dem Interaktionsverhältnis von Theologie, Philosophie und Politik: Der Wiener Dogmatiker Bertram Stubenrauch wird am 31. Oktober die gesellschaftliche Relevanz des Mysteriums der Trinität untersuchen; der Fundamentaltheologe Johann Reikerstorfer spricht am 21. November über "Reich-Gottes-Vision und Gerechtigkeitsdiskurs".

Weitere Themen der Ringvorlesung sind die Frage der Vereinnahmung von Religion durch die Politik sowie die Globalisierung. Unter anderem widmet sich der langjährige deutsche CDU-Spitzenpolitiker Heiner Geißler am 14. November der wirtschaftlichen Seite der Globalisierung. Im Dezember stehen die Befreiungstheologie und damit das Verhältnis von Theologie und Politik in außereuropäischen Kulturen (5. Dezember) sowie die Frage "Wieviel Religion muss ein Staat besitzen?" auf dem Programm. Den letzten Vorlesungsabend bestreitet am 9. Jänner der Spiritualitätsexperte Josef Weismayer über den weltlichen Bezug christlicher Frömmigkeit. Sein Vortrag soll zeigen, "dass Spiritualität per definitionem politisch ist, insofern es ihr um den Menschen geht," führt Gabriel aus.

Hinweis: Die Vorlesungen finden jeweils dienstags, 18.30 bis 20.00 Uhr im Hörsaal 47 der Universität Wien, 1010 Wien, Dr. Karl-Luegerring 1, statt. Informationen unter Tel. 01/4277-31001 oder im Internet: www.univie.ac.at/ethik-kath/ Seiten/Aktuell.html

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