Gerechtigkeit ist der Boden

In welchen Bereichen der Wirtschaftsethik gibt es Übereinstimmung von Kirche und Ökonomie? Und geht das überhaupt? Verbindendes ist vorhanden. An Polarisierendem mangelt es aber auch nicht.

Die Kirche ist der älteste "Global Player", den es gibt, und steht den Wirtschaftstreibenden dennoch manchmal kritisch gegenüber. "Die Kirche selbst ist eine wirtschaftstreibende Institution, deshalb ist eine Polarisierung zwischen Religion und Ökonomie für mich nicht nachvollziehbar", sagt Markus Schlagnitweit, Direktor der Katholischen Sozialakademie Österreichs, bei einer Paneldiskussion im Rahmen der Verleihung des "WER-Preises" im Haus der Industrie am vergangenen Freitag.

Verfolgen demnach Wirtschaft und Kirche dieselben Ziele? Ganz so ist es nicht. Wenn christliche Organisationen wie die Sozialakademie sich für ein bedingungsloses Grundeinkommen einsetzen, ist bei vielen Wirtschaftslobbyisten die Grenze des gegenseitigen Verstehens erreicht. "Wir brauchen keine revolutionäre Umstellung unseres Sozialsystems, was die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens darstellen würde", sagt Markus Beyrer, Generalsekretär der Industriellenvereinigung. Für Beyrers Empfinden hat Österreich ein gutes soziales Netz, das lediglich Lücken aufweist, die es zu schließen gilt. Veit Schmid-Schmidsfelden, Geschäftsführer des Automobilzulieferbetriebes Rupert Fertinger GmbH, sieht dies ähnlich und weist auf den deutschen Ökonomen Max Weber hin, der sinngemäß meinte: "Der Mensch soll sich in die Arbeit einbringen, denn die Nutzung der einem jeden Menschen gegebenen Begabungen und Möglichkeiten ist ein Auftrag für die Gesellschaft."

Keine Gegensätze

Schmid-Schmidsfelden sieht keine Gegensätze zwischen Kirche und Wirtschaft, im Gegenteil: "Ich bin als Unternehmer natürlich in der kirchlichen Gemeinde aktiv und versuche mich einzubringen, wo es mir möglich ist."

Ingeborg Gerda Gabriel, Professorin für Sozialethik an der Katholisch Theologischen Fakultät der Universität Wien, hebt in der Diskussion über "Gewinn und Gerechtigkeit", die Furche-Chefredakteur Rudolf Mitlöhner leitete, den gemeinsamen Boden, auf dem Wirtschaft und Religion stehen, hervor: Gerechtigkeit! Nicht nur der Kirche gehe es laut Gabriel um ethisch korrektes Handeln. Wenn Wirtschaftstreibende über die Steuerbelastung diskutieren, will auch jeder gerecht behandelt werden. Die Sozialethikerin sieht vor allem im Bereich der Verteilung der Güter, der zunehmenden Armut am Rand der Gesellschaft und bei Themen wie der Obdachlosigkeit Handlungsbedarf: "Wieso ziehen Kirche und Industriellenvereinigung gerade jetzt, wo der Winter kommt, nicht an einem Strang und helfen den Obdachlosen?", fragt Gabriel.

Polarisierung abbauen

Gibt es mehr Gegensätze als vermutet? Im Bereich der Armut wehrt sich Generalsekretär Beyrer gegen eine Polarisierung. Die Industriellenvereinigung habe sich in den Verhandlungen innerhalb der Welthandelsorganisation für Themen stark gemacht, die sich nicht nur mit Handel befassen, sondern beispielsweise mit Handel und Umwelt oder mit Handel und sozialen Standards. Auch das Begehen des "steuerfreien Tages" (Tag ab dem ein Betrieb die Steuern des laufenden Jahres abbezahlt hat, und fiktiv nicht mehr für den Staat arbeitet; Anm.) bedeute laut Beyrer nicht, dass sich die Wirtschaft aus der gesellschaftlichen Verantwortung stehlen will. Es geht vielmehr um die Verhältnismäßigkeit von Abgaben, eine Marschrichtung gen Null sei nicht angestrebt, aber "ein Christ muss auch rechnen dürfen".

"Sicherlich darf ein Christ auch rechnen, doch gerade die Kirche muss Fragen aufwerfen, die helfen, die Wirtschaft gerechter umzubauen", sagt Gabriel, die für eine globale soziale Marktwirtschaft eintritt, deren Vorreiter die EU und insbesondere Österreich mit seiner Tradition des sozialen Dialoges und Ausgleiches sein könnte.

Doch nicht nur die Themenwahl einer wirtschaftsethischen Diskussion zwischen Kirche und Wirtschaft bietet genügend Stoff für einen Diskurs, auch die Wortwahl bringt die Teilnehmer in Stellung: Schmid-Schmidsfelden missfällt vor allem die Verwendung von Wörtern wie Mammon oder Skandal, diese wären nicht zielführend. Das sieht Schlagnitweit anders, der derartige Ausdrücke sehr wohl als zulässig erachtet, wenn sie der Wahrheit entsprechen, doch dürfe man keine pauschalen Schuldzuweisungen mit ihnen betreiben. Er fügt jedoch seinen Wunsch an, den Ausdruck Revolution, der mit blutigem Umsturz konnotiert sei, zu vermeiden, und schließt: "Das Üben von Kritik gehört zu den Kern-Verkündigungen der Kirche, bedeutet aber nicht per se Gegnerschaft. Christen müssen die Welt kritisch betrachten und sich fragen, ob alles bereits so ist, wie es sein soll."

Und die Diskussion muss komplexer geführt werden. Phrasenhafte Leeraussagen wie "Weniger Staat, mehr Privat" reichen nicht aus, sagt Gabriel.

Diese Seite entstand in Kooperation mit der Industriellenvereinigung.

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