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Raiffeisen: Kurs auf das Jahr 2000

1945 1960 1980 2000 2020

Am Anfang standen die Not der Bauern und eine geniale Idee, zu helfen. Heute, im Überfluß, sucht Raiffeisen nach neuen Wegen, die Gründungsidee zu verwirklichen.

1945 1960 1980 2000 2020

Am Anfang standen die Not der Bauern und eine geniale Idee, zu helfen. Heute, im Überfluß, sucht Raiffeisen nach neuen Wegen, die Gründungsidee zu verwirklichen.

In seiner Menschlichkeit, Schlichtheit und doch Uberzeugungskraft war Raiffeisen einer der sympathischsten Sozialreformer. Er war kein Utopist, sondern hat aus der zeitlosen Genossenschaftsidee pragmatisch die Konsequenzen in der jeweiligen Situation gezogen. Er war kein Fanatiker und schon gar kein Terrorist, der seine Ideen mit Gewalt, mit Blut und Tränen verfolgt hat. Er war nicht einmal ein spektakulärer Revolutionär, der an die

Stelle von Bestehendem abrupt etwas Neues setzen wollte, er hat seine Ideen vielmehr evolutionär auf historisch Gewachsenem aufgebaut.

Hören wir ihn selbst: „Ich möchte nichts anderes, als dem auf falschen Fährten befindlichen Zeitgeist eine andere Richtung geben.“ Das galt vor 100 Jahren, und es könnte auch heute wiederum gesagt sein.

Die Genossenschaftsidee hat ihre Wurzeln in der alten Erkenntnis, daß man gemeinsam mehr erreichen kann als allein. Sie ist damit so alt wie die Menschheitsgeschichte. Werte wie Selbsthilfe, Solidarität haben in der Entwicklung dieser Idee mannigfache Ausprägungen erfahren und nichts an Zugkraft eingebüßt.

Auf dieser Wirtschaftsphilosophie fußen heute rund um die Welt 330.000 Genossenschaften mit etwa 150 Millionen Mitgliedern. Raiffeisen hat also einen Siegeszug ohnegleichen angetreten, einen Siegeszug ohne Terror und Gewalt, einen Siegeszug auf leisen Sohlen, aber einen Siegeszug, ohne den der ländliche Raum, der Mittelstand und besonders der Bauernstand den Anschluß an die heutige Wohlstandsgesellschaft völlig verloren hätte! Ohne Raiffeisen gäbe es heute keinen Mittelstand und keine sinnvolle Mittelstandspolitik.

In den 100 Jahren der Raiffei-sengeschichte in Österreich gab es gute und schlechte Zeiten, Gründung, Kriege, Zerstörung, Wiederaufbau, Zeiten großer Förderung durch die politischen Kräfte und Zeiten starker Behinderung.

Momentan leben wir eher in einer Sphäre der Diskriminierung, des bewußten und unbewußten Mißverstehens, denken wir nur an die genossenschaftspolitisch unerklärliche Haltung des neuen Kreditwesengesetzes zum Haftsummenzuschlag, oder an die Vorenthaltung der Warenrückvergütung und die mannigfachen Benachteiligungen, wie sie unser Maßnahmenkatalog, den wir erst neu erstellt haben, aufzählt.

Dadurch leben wir aber jetzt in einer Zeit der besonderen inneren Geschlossenheit, des Aufbruches und der Bewährung. Wir spüren oft ebenso großen gesellschaftspolitischen Auftrieb, wie ökonomische Kritik. Das sorgt dafür, daß Genossenschaften nie zum Establishment ausarten.

Es gibt genügend Gegenwind, der manchmal mit starken Böen spürbar wird. Deshalb gilt: „Es ist oft gleichgültig, von wo der Wind weht; es ist viel wichtiger, die Segel richtig zu setzen!“ Und das scheinen wir getan zu haben.

„Ohne Grundsätze ist der Mensch wie ein Schiff ohne Steuer und Kompaß, das von jedem Wind hin- und hergetrieben wird.“ Diesen Ausspruch des eng-

lischen Sozialreformers Samuel Smiles kann man mit Oscar Wilde ergänzen: „Umstände sollten niemals Grundsätze verändern!“ Beides gilt in besonderem Maß für die Raiffeisen-Genossen-schaften! So sind wir im Zeitraum von hundert Jahren vom geistigen, ethischen und sozialen Inhalt der Genossenschaftsidee, auf der unsere Arbeit aufbaut, um keinen Fußbreit abgerückt.

Zu unserem Standort:

Unsere Prinzipien müssen unabhängig vom Zeitgeist und unabhängig von den gegenwärtigen Sünden sein. Wir legen den Finger auf die Wunden der heutigen Zeit, auf die Budgetpolitik, die unseren Selbstbestimmungsspielraum' einengt und uns in Korruption und Bürokratie zu ersticken droht, auf die Sozialpolitik, die Wohltat in Bevormundung, Plage und in Nivellierung auf niedrigerem Niveau ausarten läßt, auf die Agrarpolitik, die ein neues Proletariat schafft und statt verantwortlichen Bauern fixbesoldete, abhängige Landschaftsgärtner akzeptiert. Welch selbstzerstörerische Pervertierung eherner Grundwerte und Weisheiten!

Als wesentliche Prinzipien der heutigen Raiffeisengenossenschaften sehe ich:

• Im Mittelpunkt der Zielsetzung steht der Förderungsauftrag.

• Im Mittelpunkt der Instrumente hiezu steht die Selbsthilfe.

• Im Mittelpunkt der Tätigkeit ^die absolute Korrektheit.

• Im Mittelpunkt der Orientierung bleibt das langfristige Konzept statt kurzfristigem Opportunismus.

• Im Mittelpunkt der Zielgruppen der Mittelstand.

• Im Mittelpunkt der Idee der Kampf gegen die Anonymität und die Herstellung der Freiheit von Zwang und Not.

Als Organisationsprinzipien anerkennen wir nach wie vor

• die Liberalität des Mitgliedes in der Genossenschaft und die Liberalität der Genossenschaft im Rahmen des nötwendigen Verbundes, aber auch

• bei aller Wahrung des föderalen, dezentralen Aufbaues die Priorität des Gemeinsinns gegenüber dem schrankenlosen Egoismus.

Zum Förderauftrag:

An der Schwelle der postindustriellen oder — um es anders zu nennen — neo-ökölogisehen Gesellschaft, hineingestellt in einen rasanten Umwandlungsprozeß, bleibt der Förderungsauftrag gleich, seine Durchführung hat sich aber den gewandelten Aspekten der heutigen Wirtschafts- und Gesellschaftsstruktur anzupassen.

Die Vermenschlichung und Demokratisierung des Geschäftes, die Ausprägung partnerschaftlichen Gedankengutes in der Wirtschaft gleicherweise im städtischen wie ländlichen Raum, sowie den Gesichtspunkt der Förderung der Mitglieder und Kunden tagtäglich neu zu verwirklichen (siehe Seite 11), das ist und bleibt die große aktuelle Aufgabe.

Rein materielles Denken muß

der Achtung vor immateriellen Werten und einem ganzheitlichen ökologischen Denken Platz machen. Zum immateriellen Denken in den Raif f eisen-Genossenschaf-ten gehört nicht nur der Förderungsauftrag für die Mitglieder, die Raiffeisenbewegung in ihrer Gesamtheit manifestiert die Versorgungssicherung der österreichischen Bevölkerung, die regionale Arbeitsplatzsicherung, die Erhaltung der wirtschaftlichen Infrastruktur.

Sie ist auch dort tätig, wo es keine anderen Organisationen der Mühe wert finden, Unternehmungen zu betreiben und Dienstleistungen zu erbringen.

Jede Zeit hat ihre Not. Heute findet sich diese Not sichtbar bei Ethik und Moral, bei außer Streit gestellten Werten und Zielen. Zerstörerische Kritik und Infra-

gestellung von Bewährtem in Staat, Religion und Wirtschaft bringt nur Verwirrung und Chaos. Bauen wir lieber auf Erreichtem auf, statt es zu vernichten. Reformieren wir unser Genossenschaftswesen nach den Erfordernissen der Zeit, aber stellen wir es niemals in Frage.

Wehren wir uns gegen Verleumder, die auch von uns selbst bekämpfte Mißstände im Genossenschaftsbereich anprangern, in Wirklichkeit aber unsere Macht-und Bedeutungslosigkeit wollen. Reichen wir die Hand all jenen, die eine Verbesserung, aber nicht jenen, die eine Beseitigung der Raiffeisengenossenschaften wollen!

Zu den langfristigen Konzepten gehört die Auseinandersetzung mit der Umwelt und mit den ökologischen Aspekten. Das immer lebensnotwendigere ökologische Denken führte zum Beispiel zu unserem Äthanolprojekt im Waldviertel, zur Arbeit im Rahmen der Studiengesellschaft der Zuckerindustrie für die Herstellung von Biosprit aus Zuckerhirse, zur Errichtung von Strohverbrennungsanlagen und Biogasanlagen.

Die Tätigkeit der Raiffeisenor-ganisation im Consulting- und Engineeringbereich und neuerdings die Gründung des Forschungsinstituts für Biotechnologie sind nur weitere Beispiele für frühzeitig gesetzte Schritte in diese Richtung.

Das große Leid der Massengesellschaft ist die Anonymität. Die große Gefahr des — schon längst überforderten - Wohlfahrtsstaates hegt darin, daß die Initiative des einzelnen verlorengeht und sein Wille zur Selbsthilfe erlahmt. .Aus dem daraus erwachsenden „Gesellschaftsfatalismus“ zeigen die Genossenschaften den Weg zu einer freien Entfaltungsmöglichkeit des fähigen und leistungswilligen einzelnen.

Wirtschaftliche Aktivität in der Gemeinschaft einer Genossenschaft bedeutet aber Pflichten, Pflichten durch Selbstverwaltung und Selbstverantwortung der Entscheidungen. Diese Kern-postulate des Genossenschaftsgedankens verlangen dem einzelnen Mitglied, dem Funktionär, dem Mitarbeiter freilich einige Opfer ab, sie geben ihm andererseits hinreichend Rückhalt und Stärke.

Der Autor ist Generaldirektor der Genossenschaftlichen Zentralbank, sein Beitrag ein Auszug aus der Festrede „100 Jahre Raiffeisen in Österreich“ am 26. Juni in der Wiener Hofburg.

Manifest

Raiffeisen

2000

• Raiffeisen unterstützt seine Mitglieder jeweils durch moderne Gestaltung des Förderauftrages und durch Verbesserung bestehender und Schaffung neuer Produkte (einschließlich Betriebswege und vor- und nachgelagerter Aktivitäten wie Marketing, Beratung, Kundenbetreuung etc.) unter Nutzung aller technologischen Möglichkeiten. Dabei wird die Beratung sowohl im Umfang als auch in Intensität und Qualität zum Schwerpunkt.

• Raiffeisen fördert Eigentumsbildung durch alle sinnvollen Anlageformen, menschengerechtes Wohnen durch das Bauspargeschäft und Eigenvorsorge durch das Versicherungsgeschäft durch Mithilfe bei der Planung und der Durchführung.

• Raiffeisen unterstützt die Mitglieder durch umfassende Unternehmensberatung und -betreuung und Förderung von

Gemeinschaftsvorhaben, zum Beispiel bei Forschung und Entwicklung. Raiffeisen will der weitverbreiteten Illusion entgegenwirken, daß es Ökologie zum Nulltarif gibt.

Zuerst muß eine geordnete Ökonomie die Kosten erwirtschaften, die die Pflege der Ökologie verursacht. Hier wurde ein Katalog erarbeitet, der im technischen und im Forschungsbereich ansetzt.

• In der landwirtschaftlichen Produktion erlangt neben der Sicherung der Versorgung der Bevölkerung, die Qualität der Lebensmittel, das gesunde Pro-

dukt, eine immer größere Bedeutung, und bej dieser Entwicklung werden die Lagerhäuser die Landwirte weiterhin tatkräftigst unterstützen.

• Um den Absatz der heimischen landwirtschaftlichen Produktion auf stagnierenden nationalen und internationalen Märkten zu gewährleisten, was nichts anderem als der Erfüllung des Förderungsauftrages gegenüber den Mitgliedern entspricht, müssen die Genossenschaften weiterhin schlagkräftig Absatzorganisationen im In-und Ausland auf- und ausbauen.

• Raiffeisen will mit Hilfe von leistungsfähigen Unternehmungen für Nahrungs- und Genußmittelverarbeitung eine Brücke vom landwirtschaftlichen Rohstoff zur immer bedeutenderen hochverarbeiteten Spezialität sein.

(Auszug aus der Festrede)

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