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Von Gemeinnutz und Eigensinn

1945 1960 1980 2000 2020

Von Neuorientierung reden Politiker zwar oft, ihren Worten folgen aber nur allzu selten Taten. Also ergreifen Betroffene selbst die Initiative ...

1945 1960 1980 2000 2020

Von Neuorientierung reden Politiker zwar oft, ihren Worten folgen aber nur allzu selten Taten. Also ergreifen Betroffene selbst die Initiative ...

So hetzte man Nachbar gegen Nachbar, tötete allen Gemeingeist und baute Ordnung und Recht auf schäbigen Eigennutz, den saftlosesten aller menschlichen Fehler. Keiner traute dem anderen, denn alle waren durch die geistliche und weltliche Regierung zu Aufpassern Und Angebern gemacht, so daß die Tüchtigsten sich scheu abschlössen und dem Volk die beste Kraft verloren ging, wo sie sich nicht seiner Entwicklung feindlich gegenüberstellte.”

Zwischen 1839 und 1869 erfüllte sich ein kurzes, aber reiches lieben. Franz Michael Felder aus Schopper-nau im Bregenzerwald ist Pionier der heutigen Bewegung rund um Eigensinn, Gemeinnutzdenken, Direktvermarktung, Selbstversorgung, nachhaltiger Entwicklung. Sein sozialreforme-risches Konzept baut auf Engagement und Selbsthilfe.

I )ie letzten Monate haben es wieder bewiesen. Bergbauernbetriebe in den Alpen mit unter fünf I Iektar kommen EU-bedingt unter Druck. Keine Hilfe kommt von Landwirtschaftskammer und Landwirtschaftsminister. Das Absterben dieser schindenden und geschundenen Spezies ist programmiert.

Die letzten Jahre haben es bewiesen. Die Vorreiter und Pioniere, die pfiffigen Bäuerinnen und Bauern der ersten Versuche von „Bio” und „Direktvermarktung” haben in der ersten Phase weder ideologische noch finanzielle Hilfe von Bauernpolitikern, Gemeindepolitikern, Landeshauptleuten, Raiffeisen & Co. erhalten.

Diese ersten Pionierjahre ab etwa 1978, teilweise bis zu Beginn der neunziger Jahre, waren • durch amtliche und halbamtliche Diskriminierung gekennzeichnet. Das I-os der „grünen” Spinner und Grünzeugfresser erhielt erst ab 1995 eine entscheidende Wandlung. Die Trendwende ist eingetreten. Trotzdem gilt weiterhin: Die schönen Sprüche der Bauernzeitungen und Schönwetter-bauern-Politiker stehen verkehrt proportional zu den Realitäten.

Also müssen wir uns ein „Neues Leben” konzipieren, müssen rundum in den Dörfern, Tälern und Städten eine neue Widerstandstätigkeit entwickeln. Erste Erfolge geben den Pionieren der ersten Stunde recht. Was der kleine Franz Michel Felder, der Bauer und Sozialreformer und Schriftsteller programmatisch und fast visionär erdacht und entwickelt hat, beginnt 130 Jahre später Früchte zu tragen.

Im Jahre 1886 hat er eine landwirtschaftliche Produktions- und Handelsgenossenschaft gegründet. Geschickt, zäh und konsequent gelang es, die Lohn- und Preisgebarung der örtlichen Monopolisten („Käsegrafen” genannt) zu brechen.

Er vermittelte neue Absatzmärkte für hochwertige Stickereiprodukte bis nach Norddeutschland, Frauen sollten als eigene Unternehmergruppe gegen die Ostschweizer Bevormundung auftreten, durch eine neu konzipierte holzverarbeitende Industrie sollte der umweit- und gesundheitsgefährdende Handel unterbunden werden. Gegen Schadensfälle beim Vieh gründete Felder im Hinterbregenzerwald eine Vieh-Versicherungs-Gesellschaft.

Alle diese Maßnahmen flankierte Felder durch bildungsreformatorische Aktionen. Er brachte Zeitungen ins Tal, setzte eine tägliche Fuß-Post ein und richtete im Winter 1866/67 in Schoppernau eine der ersten Volksbibliotheken der Monarchie ein. Schließlich gründete er im Herbst 1866 die „Vorarlberger Partei der Gleichberechtigung”. Es war dies die erste Partei in der Monarchie, die sich ausschließlich dem Wohl der arbeitenden Bevölkerung widmen wollte.

Fast genau 120 Jahre später wurde die „Kopra” als „Konsumenten-Produzenten-Arbeitsgruppe” in Vorarlberg gegründet. Mehr als 80 Bauern, hauptsächlich aus dem Großen Walsertal, aber auch aus dem Montafon und aus dem Felder-Geburtsort Schoppernau, beliefern mehr als 1.400 Mitglieder, also Haushalte, in ganz Vorarlberg mit hochwertigen Produkten. Die „Kopra”-Bauern haben sich freiwillig den strengsten in Österreich geltenden Bio-Bichtlinien verpflichtet. Für die produzierenden Bauern gilt als Kriterium bei der Preisberechnung ein angemessener Stundenlohn.

Durch diese neue und überaus konsequente Form von Produktveredelung, neuer genossenschaftlicher Kooperation, neuer Partnerschaften mit qualitätsbewußten Konsumenten und regionaler Direktvermarktung errangen Bauern wie Konsumenten ~****-***™-™”™™™™” neue Freiheiten, gelangten sie zu hoher Identität und zu einem bisher nicht vorhandenen Selbstbewußtsein. Der wirtschaftliche Erfolg kann sich sehen lassen. Einige Bauernbetriebe wurden wieder zu Vollerwerbsbetrieben.

Vergleichbare Beispiele sind die „KAG” (Konsumenten-Arbeitsgruppe) in St. Gallen in der Schweiz, ÖKÖ-Grischun im Kanton Graubünden, Teilbereiche in der Modellregion Hindelang/Bayern, das „Ötztaler Bauernfrühstück”, die Aktionen im Kärntner Lesachtal (1995 als „Landschaft des Jahres” ausgezeichnet).

Fast generell kann gelten: Die wichtigsten Pioniere kommen nicht aus offiziellen Strukturen, aus Gemeindeverwaltung, Kammer und Politik. Sie kommen aus der neuen Schicht umweltbewußter, engagierter, nachhaltig-vorausschauender Menschen. Dieselben Aktivisten sind vielfach in Bürgerinitiativen beteiligt, bei Anti-Transitaktionen, bei Aktionen zur Erhaltung des Lebensraumes. Gemeinden können Partner sein, können Infrastruktur beistellen, können und sollen über neue Begionalentwicklungsmo-delle Drehscheibe sein.

Die schöne Freiheit kommt nicht von „oben”, weder aus Wien noch aus Brüssel. Aber die Mittel dazu müssen sich die Aktivisten anteilig aus Brüssel, Wien und den jeweiligen Landesregierungen holen. Beispielhaft in der Konzeption ist das EU-Gemeinschaftsprojekt mit dem Namen „Lea-der” (Programm für ländliche Begio-nalentwicklung”). Knapp 30 regionale „Leader”-Gruppen sind derzeit in Österreich im Aufbau. Wer sich nicht wehrt, der verliert. In der Begional-entwicklung, in neuen Partnerschaften zwischen Landwirtschaft und Tourismus, Landwirtschaft und Konsumenten, in der Dorferneuerung, in der Belebung der eigenen Kultur (Volkskultur), in der programmatischen und eigenständigen Begionalentwicklung liegen große Chancen.

Einige ländliche Begionen sind inzwischen Pioniere in der Entwicklung von nachhaltigen, also von ökologischen Lebens- und Wirtschaftsweisen. Das bedeutet die notwendige Einbindung in Gruppen und Gemeinschaften. Eine dieser basisdemokratischen Strukturen ist die Gemeinde. Basis für nachhaltige Entwicklung sind in der

Begel aber Regionen, Kulturräume, Talschaften. Junge Bäuerinnen und Bauern haben in Tirol vor ungefähr 20 Jahren im „bergbäuerlichen Manifest” programmatisch erklärt, es wäre nicht das Eigentum an erste Stelle zu setzen, sondern die bestmögliche Verwaltung des Lehens, das die jetzige Generation für die Kinder und Kindeskinder übertragen bekommen habe.

Die Trendwende ist inzwischen vollzogen. Dank „BSE” und Gen-Manipulationsängsten ist es schneller gegangen als erwartet. Keine andere soziale sowie agrikulturelle Bewegung dieses Jahrhunderts hat auch nur annähernd so nachhaltige Erfolge wie die Umweltbewegung. In diesem Sinne hat der deutsche Journalist Franz Alt jüngst in der Zeitschrift „Natur” den Slogan geprägt: „Lust auf Zukunft statt Frust in der Gegenwart!”

Ähnlich hat Manuel Schneider von derÖKO-Stiftung „Schweissfurth” die neue Öko-Kultur als die „Kunst des Wartens und der Vorfreude” und als „Plädoyer für mehr Gemütlichkeit beim Züchten und Essen” postuliert.

In der gesamten Begional- und Strukturpolitik - das hat auch die EU zumindest über einige Feigenblatt-Aktionen erkannt - werden künftig Programme, „die auf Investitionen in umweltverträgliche Produktionstechniken, auf die Erhaltung der Landschaft und des natürlichen Erbes, sowie auf die Vermarktung von Produkten aus biologischem Anbau” (gemäß einigen Formulierungen der EU-Projekte „Leader” und „Interreg”) setzen, Vorrang bekommen.

Das sind: Hoffnungen wider die Be-signation, Chancen in Gemeinde und Land für Morgen und übermorgen, lustvolle Visionen, Aufrufe zu Mündigkeit, Eigensinn, Eigenständigkeit und Aktion.

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