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Neue Produkte und Märkte

Die österreichische Land- wirtschaft hat sich in den ver- gangenen Jahrzehnten zu stark auf einige wenige Produktionsbereiche ausgerichtet und auf den Markt für Massengüter gesetzt. Die Rahmen- bedingungen für die Bauern haben diese Ausrichtung begünstigt und die Vielfalt der Produktionsweise und der Produkte auf dem Markt eingeschränkt.

Die österreichischen Bauern wa- ren sehr erfolgreich in der Steige- rung der Produktion vieler Nah- rungsmittel, sodaß vielfach die Aufnahmefähigkeit des inländi- schen Marktes weit überschritten wurde. Gleichzeitig stieg der Ein- satz von Energie und Chemie in der Landwirtschaft, erfolgte die Straf- fung der Produktionszweige in den landwirtschaftlichen Betrieben und wurden die Fruchtfolgen enger. Fragen der Vermarktung und Ver- arbeitung der Agrarprodukte standen vielfach im Hintergrund.

Diese Entwicklung hat die Bau- ern immer weniger befriedigt und hat bei bescheidenen Ein- kommenszuwächsen der Landwirte zu rasch steigenden Überschußver- wertungskosten geführt.

Seit wenigen Jahren werden in der österreichischen Landwirt- schaft erfolgreich neue Wege in der Produktion, Verarbeitung und Vermarktung von Agrarprodukten beschritten. Besonders ein- drucksvoll ist dabei der Aufbau des Altemativenprogrammes im Acker- bau mit einer betonten Ausrich- tung auf den heimischen Markt, die Stärkung der Initiativen zum na- turnahen und zum biologischen Anbau und der steigende Trend zur Be- und Verarbeitung und zur Ver- marktung der Produkte durch die Bauern oder bäuerliche Gemein- schaften.

Auf mehr als 130.000 Hektar Ackerland wurden im Jahr 1990 Ölsaaten, Hülsenfrüchte und ver- schiedene sogenannte Kleinalter- nativen geerntet. Über30.0001and- wirtschaftliche Betriebe haben an den Förderuhgsaktion teilgenom- men, deren Zielsetzungen die Ver- ringerung des Getreidebaues, die Ausrichtung der Produktion auf die Absatzmöglichkeiten im Inland, eine ausgewogenere Fruchtfolge und Einsparungen beim Einsatz von Düngemitteln und Pflanzenschutz- mitteln sind.

Innerhalb von fünf Jahren haben die Bauern die Getreideanbaufläche um mehr als zehn Prozent reduziert und die Fruchtfolge durch den Anbau von Ölsaaten und Körnerle- guminosen bereichert. Diese Pro- dukte finden Abnehmer bei den inländischen Erzeugern von Pflan- zenöl und Futtermitteln.

Die Erzeugung von Flachs, Mohn, Gewürzen und Kräutern oder Gras- samen wird vor allem in be- nachteiligten Produktionsgebieten wie etwa dem Wald- und Mühl- viertel mit Erfolg betrieben. Viele Bauern haben großes Interesse, alte Produktionszweige wieder zu ent- decken. Die heimischen Produkte finden bei den Konsumenten guten Anklang, weil sie zu einem großen Teil aus naturnahem Anbau stam- men.

Für die meisten neuen Produkte bestehen keine geordneten Ver- marktungswege, wie dies bei den großen Produktionssparten der Fall ist. Die Bauern und ihre Ein- richtungen müssen vielfach erst Be- und Verarbeitungsanlagen schaf- fen und den Vertrieb der Produkte organisieren. Es gibt viele Beispie- le für Eigeninitiative einzelner Bauern oder bäuerlicher Gemein- schaften, die in den letzten Jahren solche Einrichtungen geschaffen haben und mit Erfolg betreiben. Dazu bedarf es unternehmerischer Menschen in der Landwirtschaft, in Gewerbe und Industrie und im Handel. Den Bauern ist mehr denn je zu raten, über die Stufe der land- wirtschaftlichen Urproduktion hin- auszugehen, marktgerecht zu pro- duzieren und das gute Image des Bauern bei den Konsumenten zu nützen.

Auch der moderne Markt für Nahrungsmittel wird immer dif- ferenzierter. Die Bauern und die Ernährungswirtschaft greifen zu- nehmend die Chancen auf. Eine wachsende Gruppe von Verbrau- chern fragt nach gesunden, na- turnah erzeugten oder biologischen Lebensmitteln. So gewinnen die Bauern als Anbieter be- und verar- beiteter Lebensmittel an Bedeu- tung. Diese Entwicklung ist eine große Herausforderung für die Landwirtschaft in Österreich. Na- türlich gibt es auch den Markt für das anonyme, austauschbare Mas- sengut, welches auf Dauer für eine bäuerliche Landwirtschaft keine befriedigenden Einkommensmög- lichkeiten bietet.

Der Landwirtschaft steht nicht nur der Markt für Nahrungsmittel offen. Die Erzeugung von Rohstof- fen für die Industrie und von Ener- gieträgern sind für die Zukunft hoffnungsvolle Märkte. Dies gilt besonders dann, wenn die Be- reitschaft besteht, die ökologische Orientierung unseres Wirtschafts-

Systems voranzutreiben und die Umweltbelastung aus der Nutzung fossiler Energieträger zu vermin- dern.

Die Erzeugung von Rapsmethylester oder eine Vielzahl von Hack- schnitzelheizwerken sind die bedeutsamsten Ent- wicklungen der letzten Jahre. Der Anteil von Bio- masse an der Energieauf- bringung in Österreich liegt bereits bei rund neun Prozent.

Die bäuerliche Land- wirtschaft in Österreich und in einigen Nach- barländern erfüllt neben der Funktion als* Nah- rungsmittelproduzent viele Aufgaben, die in ih- rer Bedeutung immer wichtiger werden. Die Anerkennung dieser Lei- stungen ist vielfach noch nicht ausreichend vor- handen.

Eine nachhaltige, na- turschonende Landwirt- schaft bringt neben der Erzeugung gesunder Le- bensmittel viele positive Auswirkungen auf die Umwelt, die Erhaltung der Landschaft, sichert die Besiedelung und die Erwerbsmöglichkeiten im ländlichen Raum.

Österreich als eines der bedeutsamsten Fremden- verkehrsländer Europas braucht diese bäuerliche Landwirtschaft noch viel notwendiger als andere Länder. Es zählt sich aus, die Initiative der Bauern als kleine Unternehmer auf dem Land mehr denn je zu unter- stützen. Viele positive Ansätze konnten bisher erreicht werden.

Der Autor ist Mitarbeiter der Präsidenten- konferenzderÖsterreichischen Land Wirtschafts- kammer.

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