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Nur wenige Biobauern

1945 1960 1980 2000 2020

Viel Interesse, aber auch viel Skepsis wird dem biologischen Landbau entgegengebracht. In Österreich gibt es etwa 400 Bauern, die sich dieser Methode verschrieben haben.

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Viel Interesse, aber auch viel Skepsis wird dem biologischen Landbau entgegengebracht. In Österreich gibt es etwa 400 Bauern, die sich dieser Methode verschrieben haben.

Wodurch unterscheidet sich der Bio-Bauer nun wirklich vom herkömmlichen Landwirt? In Osterreich können heute im wesentlichen zwei verschiedene Linien der biologischen Landwirtschaft unterschieden werden: die biologisch-dynamische Methode nach dem bekannten Anthroposophen Rudolf Steiner aus dem Jahre 1924

und die organisch-biologische Methode nach Hans Müller und Peter Rusch.

Die erste Variante ist die ältere, aber auch die seltener angewandte. Sie basiert auf einem umfassenden natur- und geisteswissen- . schaftlichen Fundament. Der Bauer verwendet nur rein organischen Dünger und stellt seine homöopathischen Spritzpräparate selbst her. Bei allen Feld- und Gartenarbeiten wird die spezielle kosmische Konstellation beachtet. Idealziel der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise ist weitgehend autarker Hof, der in seiner Unabhängigkeit nicht selten auch ein Zentrum philosophischer, kultureller und fürsorglicher Tätigkeit ist.

Weniger strenge Auflagen hat die organisch-biologische Methode, die zwar jünger, aber in Österreich dennoch verbreiteter ist. Hier dürfen sogar schwer lösliche Kunstdünger wie Kali- und Phosphordünger verwendet werden, wobei aber der chemie- und giftfreie Charakter des Betriebes gewahrt werden muß.

Der große Bedarf an Naturdünger kann jedoch meist nur dann gedeckt werden, wenn der Bauer auch Tiere hält. Deshalb gehört der Grundsatz des geschlossenen Kreislaufs zu den wesentlichen Prinzipien der biologischen Landwirtschaft. Der Betrieb soll das, was er an Futter- und Düngemitteln benötigt, möglichst selbst produzieren. Denn nur so kann garantiert werden, daß seine Produkte wirklich biologisch sind.

Was veranlaßt nun eigentlich einen Bauern, der bisher nach konventionellen Methoden gearbeitet hat, seinen Betrieb auf einen biologischen umzustellen? Meist ist es die Unzufriedenheit mit der von technischen und chemischen Methoden bestimmten Arbeit, aber auch oft die Unfruchtbarkeit der Tiere. Allerdings hat der künftige Bio-Bauer rein wirtschaftlich keine Verbesserung zu erwarten.

Im Gegenteil, nach einer fünf Jahre dauernden Umstellungsphase pendelt sich der Ertrag des Hofes meist bei 20 - 50 Prozent des Durchschnittsertrags der Gegend ein, während der Arbeitsaufwand um etwa 15 Prozent steigt. Nach betriebswirtschaftlichen Analysen sind die biologischen Betriebe jedoch im Endeffekt gegenüber den konventionellen Methoden nicht benachteiligt, da zwar ihre Roherträge sinken, ihre Aufwände durch die vermehrte Selbstversorgung aber auch weniger werden.

Bis jetzt hat nach den Angaben von Franz Neunteufel, dem Leiter des Arbeitskreises „Alternative Landwirtschaft" an der Universität für Bodenkultur in Wien, noch kein Bauer, der seinen Betrieb völlig umgestellt hat, dies wieder rückgängig machen wollen. Denn die wiedergewonnene Freude an der Arbeit entschädigt die Bauern.

Ein anderes Problem ergibt sich allerdings auch beim Transport der Produkte zur Verkaufsstelle. Denn auf die Dauer ist es nicht tragbar, daß sich jeder Lebensmittelhändler, aber oft auch der Kunde selbst, seine Produkte direkt „ab Hof" holt.

In St. Marein bei Graz hat sich bereits eine Genossenschaft von Bio-Bauern gebildet, die ihre Erzeugnisse gesammelt in einem eigenen Laden verkauft.

Trotz aller Bemühungen von Seiten der Bauern, die sich in eigenen Organisationen zusammengeschlossen haben und sich den gemeinsam erstellten Vorschriften für die Wirtschaftsführung unterwerfen, bleibt der biologische Landbau in Österreich noch ein ungeliebtes Stiefkind der Agrarwirtschaft. Ganz im Gegensatz zur Schweiz und zu Deutschland, wo es bereits einen Lehrstuhl für biologischen Landbau (genaue Bezeichnung: Fachgebiet

Alternativer Landbau) gibt, ist in Österreich eine Institutsgründung an der Universität nicht in Sicht. Es wird zwar ab nächstem Semester ein Wahlfach zu diesem Thema geben, aber die meisten Professoren haben wenig Freude mit den Initiativen einiger Studenten und Lehrender, darunter auch dem oben erwähnten Arbeitskreis.

Auch rechtlich gibt es bislang keine Absicherung, weder für die Bio-Bauern noch für die Konsumenten. Daß sich die Landwirte freiwillig der Kontrolle einer von ihnen selbst bezahlten Kommission unterwerfen, ist in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. Jeder Kunde kann sich in seinem Lebensmittelgeschäft über die Herkunft der Produkte informieren oder in der ORF-Broschüre „Bio-Wegweiser" erfahren, welcher Bauer in Österreich unter welchen Bedingungen biologisches Gemüse, Obst oder Getreide erzeugt.

Dennoch würde eine Kodifizierung des biologischen Landbaues die Situation aller Betroffenen erleichtern. Derzeit wird in einem Unterausschuß der Lebensmittelkommission über eine derartige gesetzliche Regelung beraten.

Den Bauern wie den Konsumenten wäre es zu wünschen, daß auch bald gesetzlich festgelegt wird, wann ein Produkt tatsächlich „biologisch" ist.

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