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Die Bauern müssen näher zum Konsumenten

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Für die bäuerliche Landwirtschaft eine Lanze zu brechen, wirkt in einer Zeit der Megafusionen anachronistisch. Einem Institut in Schlierbach/Oberösterreich gelingt es aber mit seiner Forschungsarbeit, Impulse für eine zukunftsträchtige Regionalentwicklung zu geben.

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Für die bäuerliche Landwirtschaft eine Lanze zu brechen, wirkt in einer Zeit der Megafusionen anachronistisch. Einem Institut in Schlierbach/Oberösterreich gelingt es aber mit seiner Forschungsarbeit, Impulse für eine zukunftsträchtige Regionalentwicklung zu geben.

dieFurche: Sie haben den Begriff Bäuerlichkeit durch Ihre Arbeiten in die Debatte über den Wert der Landwirtschaft eingeführt. Was kennzeichnet die Bäuerlichkeit?

Wolfgang Baaske: Es hat sich herausgestellt, daß es notwendig ist, Landwirtschaft differenziert zu betrachten: Es gibt bäuerliche und industrielle Landwirtschaft. Die Bäuerlichkeit ist gekennzeichnet durch eine eher liebevolle Gestaltung des Hofes, eine arbeitsintensive Aufzucht von Tieren, den Versuch die verschiedenen Erscheinungen des Lebensraumes in Harmonie miteinander zu gestalten. Dem steht eine Haltung gegenüber, die darauf ausgerichtet ist, immer produktiver zu werden und neue Verfahren einzusetzen, um Arbeit zu sparen. Beides muß nicht unbedingt im Widerspruch zueinander stehen, tut es aber vor allem dort, wo Landwirtschaft nur mehr als eine Produktionstätigkeit wie jede andere auch angesehen wird.

dieFurche: Wird die Bäuerlichkeit von einer bestimmten Werthaltung geprägt?

Baaske: Sie drückt eine gewisse Beziehung zum Leben und zum Lebendigen aus. Heute würde man sagen, daß Bäuerlichkeit ein "Life-style" ist, der nicht nur den Bauern zu eigen ist, sondern auch vielen Menschen im ländlichen Raum - und sogar einigen in der Stadt. Da ist etwas Bodenständiges mit dabei, da schwingt Beziehung zu Kindern mit, da werden bestimmte Gestaltungsformen gepflegt. Wir haben versucht das zu messen, und zwar mit Umfragen, und haben mehrere Studien auf regionaler Ebene durchgeführt. Da sind wir Fragen nachgegangen wie: Wo ist bäuerliche Landwirtschaft zu finden? Welchen Stellenwert hat sie? Ist sie kundenorientiert? Nimmt die Bevölkerung dieses Merkmal überhaupt wahr? Was erwartet die Bevölkerung von der Landwirtschaft? Da kommen Aspekte heraus wie: ein bodenständiger Lebensstil, Gastfreundschaft, die Möglichkeit bestimmte Produkte am Hof zu erwerben ...

dieFurche: Klingt nach Nostalgie und Romantik. Können Bauern von Bemühungen in diese Richtung leben?

Baaske: Im Zuge unserer Arbeit haben wir übrigens Kreativitätsseminare für Bauern gemacht. Da zeigte sich, daß Bauern große Potentiale haben, Dienstleistungen und entsprechende Produkte zu "erfinden". Das geht vom Heckenschneiden bis zu Kursen für Bäumeschneiden, vom Käseproduzieren bis zum Pflegen von Äckern und Hausgärten oder zum Zwischenlagern von Gemüse. Also Dienstleistungen für die Öffentlichkeit und für den interessierten Konsumenten. Das alles in Produkte zu gießen, ist allerdings eine riesige Arbeit.

dieFurche: Wie bringt man dieses Angebot an den Mann?

Baaske: Wir haben für unsere Region (Steyr-Kirchdorf in Oberösterreich) ein Informationsmanagement ins Auge gefaßt. Das fängt bei Hinweisschildern an und geht bis zu Postwurfsendungen und Internet-Angeboten. Besonders wichtig ist die Bewußtseinsbildung beim Konsumenten. Viele sehen es ja nicht als besonders wichtig an, daß man die Bauern erhält. Man weiß viel zu wenig, welche Folgen das Ausscheiden der Bauern für die Gesellschaft hat: Wo die Bauern aufhören, verarmt die Landschaft, verliert die Naherholung an Wert, ist die Sicherheit der Versorgung in Frage gestellt ...

dieFurche: Aber geht der Fortschritt nicht unweigerlich in Richtung landwirtschaftlicher Großstrukturen?

Baaske: Wir stehen vor einem doppelten Wertewandel. Da sind zunächst die Werte aus den sechziger Jahren, die stark vom Fortschrittsglauben geprägt sind, alles in Richtung Stahl, Glas und Beton ausrichten, alles ohne Verzierung und menschenadäquate Formen. Dazu gibt es einen Gegentrend, der sich schon einige Zeit entwickelt. Er signalisiert Umkehr zum Leben. Mittlerweile ist er unübersehbar, auch wenn er das Geschehen noch nicht im Großen prägt. In diesen Trend ordnet sich die bäuerliche Landwirtschaft ein. Sie ist nicht nur eine traditionelle Form des Wirtschaftens, sondern trägt Aspekte zukünftigen Wirtschaftens. Wie schon Johann Millendorfer sagte: Die Bauern sind nicht die letzten von gestern, sondern die ersten von morgen. Sie müssen nur begreifen, daß sie ungeheure Marketingpotentiale besitzen. Und tatsächlich: Wer sich auf diese Linie setzt, überlebt als Bauer. Bei uns in Schlierbach läßt sich das beobachten. Für Bauern, die das begreifen, heißt die Alternative nicht: Wachsen oder Weichen. Sie haben die für das Überleben notwendigen Einnahmen und werden morgen überlebensfähig sein, obwohl sie eine Zeitlang als ökologische Spinner und Nachzügler des Fortschritts angesehen wurden.

dieFurche: Was kennzeichnet die Aktivität solcher Bauern?

Baaske: Sie denken nicht nur für sich alleine, sondern richten sich auf Arbeitsteilung ein. Ich kann nicht mit großer Arbeitsintensität eine bestimmte Produktpalette erzeugen und sie dann auch noch anbieten. Es geht also um eine Spezialisierung, um sich den höheren Arbeitsaufwand leisten zu können. Neben dieser Gemeinschaftsfähigkeit bedarf es der Lernbereitschaft. Da die Produkte höhere Preise erzielen müssen, bedarf es auch einer gemeinschaftlichen Anstrengung, zum Beispiel durch Schaffung einer gemeinsamen Marke. Es bedarf also einer bewußten Orientierung hin auf den Konsumenten, aber auch einer Bereitschaft und Fähigkeit, mit den Konsumenten zu kommunizieren. Schließlich muß man erklären können, warum das eigene Produkt besser und daher auch teurer ist. Meist sollte man das nicht dem Handel überlassen, sondern versuchen, es selbst zu machen. Und schließlich muß man sich ökologisches Know-how aneignen.

dieFurche: Also Hoffnung für die bäuerliche Landwirtschaft?

Baaske: Ja, wegen der Vielfalt ihrer Leistungen: Da ist zunächst die Urproduktion: Milch, Eier, Fleisch, Getreide, Holz, Energie ... Dann die ökologischen Leistungen - obwohl es auch "Negativprodukte" wie die oft genug angeprangerte Grundwasserbelastung gibt. Aber man muß auch das Positive sehen: die Reinigungsfunktion des Waldes, die Artenvielfalt durch Hecken, Waldränder und Biotope ... Dann die Auswirkungen auf den Menschen selbst: Da gibt es eine Geisteshaltung, die durch Leistungsmotivation geprägt ist. Das erfährt man bei der Befragung von Firmen: Sie holen sich lieber Bauernkinder als Kinder, die im Sozialismus großgeworden sind. Aber auch Lernbereitschaft und Ehrlichkeit prägen den bäuerlichen Menschentyp. Weiters sind die Effekte auf der Ebene der Rekreation zu betrachten. Der ländliche Raum bietet da einiges: Gastfreundschaft am Bauernhof oder die Landschaftsgestaltung. Dabei sollte man sich bewußt machen: Die Landschaft beeinflußt das Denken und Wohlfühlen. Das bringt eine Umwegrentabilität in andere Sektoren, vor allem im Fremdenverkehr. Aber nicht nur dort: In Steyr gibt es ein Maschinenbau-Unternehmen, das Führungskräfte damit anlockt, daß es ihnen ein Leben in einem ansprechenden Umfeld in Aussicht stellt.

dieFurche: Lassen sich solche Effekte zahlenmäßig erfassen?

Baaske: Ja. Wir haben dabei ein modernes Verfahren aus den USA angewendet. Das Ergebnis: 17 Milliarden wären die Österreicher bereit zu zahlen, um die Landwirtschaft zu erhalten. Das entspricht etwa den Zahlungen, die die Landwirtschaft vor dem EU-Beitritt auch tatsächlich bekam. Insgesamt kamen wir zu dem Ergebnis, daß der Nebennutzen der Landwirtschaft mindestens so viel ausmacht wie das Agrarprodukt selbst. Ein Zusatznutzen dieser Art von Landwirtschaft ist auch die Ernährungssicherheit. Dazu kommt, daß es im ländlichen Raum deutlich weniger Gewaltanwendung und Verbrechen gibt.

dieFurche: Ist das nicht nur ein Klischee?

Baaske: Bestimmte Delikte sind im ländlichen Raum signifikant weniger häufig: Raub und Diebstahl vor allem. Das konnten wir durch den Vergleich von Daten in 100 Bezirken in Österreich sowie in 80 Landkreisen in Bayern nachweisen. Es hat mit einer bestimmten Grundhaltung zu tun. Im ländlichen Raum herrscht eine gewisse soziale Kontrolle. Man kennt den Nachbarn, weiß, wie er heißt, welche seine Gewohnheiten sind. Das hat auch Nachteile, schafft andererseits diese größere Sicherheit, was wiederum die Lebensqualität erhöht. Das merken vor allem Menschen, die aus sehr unsicheren Städten kommen. Die Bedeutung dieser vielen so selbstverständlichen Kapitalien wird einem ja erst bewußt, wenn sie verspielt sind. Und noch etwas sei erwähnt: Das Leben ist im ländlichen Raum gesünder. Rund zwei Jahre ist die durchschnittliche Lebenserwartung der Männer hier länger. Das hat mit dem geringeren Streß des Lebensstils zu tun. Bei den Frauen ist kein Unterschied festzustellen.

Das Gespräch führte Christof Gaspari.

Zur Person: Viele Daten für die Regionalentwicklung Wolfgang Baaske ist 1957 in Cloppenburg im deutschen Bundesland Niedersachsen geboren. Die Schulzeit verbrachte er in Düsseldorf. Dann übersiedelte er nach Köln, wo er Mathematik und Physik studierte und sich auch für die Glaubensverbreitung im Rahmen einer freikirchlichen Studentengruppe einsetzte.

Nach seinem Studium wurde Baaske zunächst Mitarbeiter und später Leiter der "Studia" (Studiengruppe für Internationale Analysen), die heute ihren Sitz in Schlierbach in Oberösterreich hat. Dieses Institut ist auf empirische, systemanalytische Untersuchungen der Gesellschaft Entwicklung spezialisiert, die schwerpunktmäßig Fragen der Landwirtschaft und der Regionalentwicklung behandeln. Baaske ist verheiratet und Vater von drei Kindern.

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