Was wir essen, prägt unsere Landschaft

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Die Eßgewohnheiten beeinflussen nicht nur Gewicht und Gesundheit der Österreicher, sondern auch die Einkommenssituation der Bauern und damit das Aussehen der Kulturlandschaft unseres Landes.

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Die Eßgewohnheiten beeinflussen nicht nur Gewicht und Gesundheit der Österreicher, sondern auch die Einkommenssituation der Bauern und damit das Aussehen der Kulturlandschaft unseres Landes.

Einen Sachverhalt machen wir uns wenig oder gar nicht bewußt: Das Erscheinungsbild und das funktionelle Gefüge der europäischen Landschaft ist durch jahrhundertelange land- und forstwirtschaftliche Nutzung geprägt. Das, was der moderne urbane Mensch gemeinhin als Natur begreift, ist eine durch Arbeitsleistung entstandene Kulturlandschaft.

Ohne diese über viele Generationen geleistete Arbeit wäre Europa ein flächendeckendes Waldgebiet. Während Naturlandschaften keinerlei menschliches Zutun zu ihrer Erhaltung benötigen, ist dies für Kulturlandschaften unerläßlich. Naturlandschaften müssen sich ungestört entwickeln können. Kulturlandschaften benötigen hingegen dauernde Pflege, um die Neuetablierung von Naturlandschaft zu verhindern.

Noch ein Aspekt ist dabei zu erwähnen: Mit der Etablierung von Land- und Forstwirtschaft übernimmt der Mensch auch die Verantwortung für die Eigenschaften (man könnte auch Qualität oder Funktionalität sagen) seines Lebensraumes. Die Art der Bewirtschaftung bestimmt nicht nur die Qualität der produzierten Nahrungsmittel, sondern auch die Qualität des Lebensraumes und die Möglichkeit zur langfristigen Nutzung.

Für den urbanen Menschen sind diese Zusammenhänge nur schwer erfaßbar, da er sich zumeist als Erholungssuchender in Kulturlandschaften bewegt und die Lebensmittel in seiner Lebenswelt in Einkaufsregalen "wachsen". Aber auch Bauern können diese grundsätzlichen Überlegungen oft nicht zu Ende denken, da sie aus wirtschaftlichen Gründen zuerst die Produktivität beachten müssen.

Nun hat Österreich im Vergleich zu anderen Staaten der europäischen Union noch immer eine sehr kleinräumige und bäuerlich orientierte Landwirtschaft. Daher findet man in großen Teilen unseres Landes auch noch eine ansprechende Kulturlandschaft, die auch eine der Grundlagen für den Tourismus ist.

Ohne Subventionen kein Überleben Durch die Liberalisierung des Agrarweltmarktes, also nicht nur durch den freien Warenverkehr innerhalb der europäischen Union, sondern auch durch die weltweite Liberalisierung im Rahmen der GATT-Abkommen, kommt diese in Österreich noch vorhandene bäuerliche Landwirtschaft zunehmend unter Druck.

Realistische Konzepte müssen von bestehenden Fakten ausgehen: Österreich hat einen Anteil von 4,3 Prozent in der Landwirtschaft Tätigen, 70 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe werden im Nebenerwerb geführt, der Beitrag der Landwirtschaft zum Bruttoinlandsprodukt beträgt 2,3 Prozent. Ohne mehrere Milliarden Fördermittel wäre selbst diese schwache wirtschaftliche Position der Landwirtschaft nicht aufrechtzuerhalten. Die Arbeitsleistung, die von den Bauern und Bäuerinnen dabei erbracht werden muß, ist sehr hoch. Auf die anstehende Problematik gibt es zwei mögliche Antworten.

Die eine lautet: Durchrationalisierte Großbetriebe mit Intensivbewirtschaftung, einem Minimum an Arbeitskräften und starker Mechanisierung. Biozideinsatz, hohe Düngergaben und Gentechnik sind die resultierenden Begleiterscheinungen dieser Bewirtschaftung.

Wer bei Weltmarktpreisen mithalten will, braucht sichere Höchsterträge. Bodenpflege, Grundwasserschutz, Fruchtfolge und ökologisch orientierte Landschaftsgestaltung müssen dabei zwangsläufig ins Hintertreffen geraten. Die anstehenden Fragen der wirtschaftlichen Entwicklung der ländlichen Räume sind überdies mit einem solchen Ansatz nicht zu lösen. Diese Antwort hat weder ökologische noch soziale Aspekte, auch keine ästhetischen und kulturellen.

Die Kulturlandschaft als Markenzeichen Die zweite Antwort lautet: Aufbau einer ökologisch orientierten Landwirtschaft, Entwicklung der ländlichen Regionen in mehreren Wirtschaftsbereichen und weiterer Aufbau einer ökologisch orientierten Agrarlandschaft.

Daß dies auch unter marktwirtschaftlichen Voraussetzungen, wenn auch mit Fördermitteln, möglich ist, zeigt die Entwicklung des biologischen Landbaues in Österreich.

Die bäuerliche Landwirtschaft hat bei der österreichischen Bevölkerung einen hohen Stellenwert. Darauf weisen mehrere Umfragen hin. Ein Teil der österreichischen Identität ist eng mit dem Erscheinungsbild der österreichischen Kulturlandschaft verknüpft.

Da, wie schon erwähnt, das Erscheinungsbild der Landschaft von der Agrarstruktur und von der Art der Bewirtschaftung abhängt, wird hier davon ausgegangen, daß dem Österreicher diese Art von Landschaft ein Anliegen ist. Dieses Grundanliegen und der Verkaufserfolg von Bioprodukten zeichnen den Weg einer zukünftig anzustrebenden Agrarentwicklung vor.

Weiter umstellen auf Biolandbau Hier gilt es, die entsprechenden Förderschienen der Agenda 2000 in Anspruch zu nehmen, nämlich die Förderung der Entwicklung der ländlichen Regionen: * Weitere Umstellung auf Biolandbau, * Wiederaufbau von verloren gegangenen ökologischen Elementen in der Agrarlandschaft, * Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung (Arbeitsplätze, Infrastruktur, Verkehrsanbindung) der ländlichen Regionen, * Gemeinsame touristische Vermarktungsstrategien für Biolandbau, Nationalparks und Naturschutzgebiete, * Wiederaufbau von regionalen Verarbeitungseinrichtungen für Lebensmittel im Sinne der Vermarktung von regionaler Identität, * Gentechnikfreie Zonen in Gebieten mit überwiegend Biolandbau oder Nationalparks und Naturschutzgebieten.

Österreich hat gute Chancen, sich als Ökoland zu verkaufen. Wenig hilfreich sind dabei Tendenzen, Schutz und Abschottung vor der voranschreitenden Globalisierung zu fordern.

Auch ökologische Konzepte müssen sich dem internationalen Wettbewerb stellen und ökonomischen Erfolg nachweisen, da ihnen sonst der Aspekt der Nachhaltigkeit fehlt. Es geht daher darum, mit Selbstbewußtsein und offensiv eine ökologisch orientierte österreichische Kulturlandschaft sowie Produktion und Identität zu vermarkten.

Wenig sinnvoll erscheint hingegen, mit Intensivproduktion als "global player" auf den internationalen Agrarmärkten mithalten zu wollen.

Der Autor ist Universitätsdozent und Mitarbeiter am Ludwig-Boltzmann Institut für biologischen Landbau in Wien. Sein Beitrag ist eine schriftliche Fassung seines Vortrags beim "Oberösterreichischen Umweltkongrß 1999" vom 8.-10. September in Bad Ischl.

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