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Wirtschaft mit zu viel Risiko

Die Weltbevölkerung wächst, die Ressourcen werden knapp. Daher muss man in Zukunft eine gärtnerische Form der Landbewirtschaftung forcieren.

die furche: Das Bauernsterben schreitet voran. Werden in Österreich letztlich nur einige agrarische Großbetriebe überleben? Entspricht das nicht der Logik technischer Entwicklung?

Heinrich Wohlmeyer: Man muss den eigentlich entscheidenden Gegebenheiten Rechnung tragen. Dann sieht man, dass sich die Menschheit vermehrt und die Ressourcen (Boden, Wasser, Vielfalt von Pflanzen und Tieren) knapp werden. Da ist es wichtig, sich in Erinnerung zu rufen, dass alle Hochkulturen mit knapper Landausstattung eine gärtnerische, intensive, vielfältige, kleinräumig standortorientierte Landwirtschaft entwickelt haben. Das Zukunftsmuster - auch in Österreich - wird sich also am Gärtnerischen orientieren müssen. Das bedeutet: Kleinstruktur. Wir brauchen nur die Inselstaaten anschauen: Japan, die frühere Landwirtschaft auf den Azoren, Madeira... Bevor die amerikanischen Importe hereinkamen, gab es diese Struktur auch in Europa: die Terrassen-Landwirtschaft in den französischen Seealpen oder in der Toscana.

die furche: Das klingt fast ein Wenig nostalgisch...

Ein zweiter Grund: Wir werden diese kleinräumig strukturierte Landwirtschaft brauchen, um uns mit Energie zu versorgen. Die einzig langfristig mögliche Energieversorgung der Erde muss sich an der Nutzung der Sonnenenergie ausrichten. Und noch ein wichtiger Punkt: Einer der Grundsätze einer nachhaltigen Bewirtschaftung ist das Bestehen möglichst geschlossener Materialkreisläufe. Das wiederum gibt es nur, wenn man dezentralisiert und vernetzt. Dezentralisieren heißt aber, lokale Versorgungssysteme aufzuziehen. Sie wiederum benötigen eine kleinstrukturierte Landwirtschaft, die vielfältig betrieben wird. Unsere alten Kulturlandschaften stellen ein Modell dar, ohne fossile Energie eine maximale Ernte an Sonnenenergie zu liefern: Im Niederwald wurde Brennholz erzeugt, Strukturholz im Hochwald, wo Felderwirtschaft nicht möglich war, betrieb man Viehwirtschaft mit Wiederkäuern, in den Gunstlagen wurden Getreide, Kartoffel, Obst und Gemüse angebaut. Dass wir Bauern brauchen, ist also zunächst eine Antwort auf ökologische Notwendigkeiten.

die furche: In den USA, Australien oder Kanada werden aber ganz andere Akzente gesetzt.

Wohlmeyer: In einer Region, in der nur wenige Farmern wirtschaften, gibt es keinen lebensfähigen ländlichen Raum mehr. Da sind bald nur noch vereinzelte, vereinsamte agrarische Stützpunkte. Die amerikanischen Bischöfe haben 1987 in ihrem Hirtenbrief "Wirtschaftliche Gerechtigkeit für alle" darauf hingewiesen, dass die US-Agrarpolitik zum Ende der ländlichen Gemeinden führt. Die Folge: Noch stärkere Konzentration in den städtischen Ballungsräumen. Die dort lebenden Menschen aber haben so gut wie keinen Naturkontakt mehr. Ohne diesen aber verlieren sie auch den Sinn für die Rücksichtnahme auf natürliche Gegebenheiten. Der Mensch verliert das Sensorium für die Folgen seines Tuns. Der in Ballungszentren lebende, von kurzfristigen Interessen und Konsumzwängen gesteuerte Bürger wird zum unbewussten Naturzerstörer.

Dazu kommt, dass diese Riesenstädte aus ökologischen Gründen langfristig nicht überlebensfähig sind.

die furche: Aber gibt es dazu eine halbwegs chancenreiche Alternative?

Wohlmeyer: Wir sollten ganz etwas Neues durchdenken: Weil wir heute über Mikroelektronik, Informatik, angepasste Biotechnologie und Telekommunikation verfügen, wäre es erstmals in der Geschichte möglich, einen dezentral organisierten Lebensstil zu entwickeln, der den Menschen intensiven Naturkontakt gewährt und gleichzeitig die hohe Kommunikationsdichte bereitstellt, die früher nur in den Städten gegeben war. In der Stadt gab es Information, Bildung und der ländliche Raum diesbezüglich deutlich unterprivilegiert. Heute fällt das weg. Und das bietet eine einmalige Chance, das Leben neu zu organisieren.

die furche: Auch im Zeitalter der fortschreitenden Spezialisierung?

Wohlmeyer: Alle Staaten, die von der Weltbank durchrationalisiert wurden (etwa zur Spezialisierung auf Kakao, Tee oder ein sonstiges Produkt), sind wirtschaftlich verarmt, Ghana etwa oder große Teile von Uganda. Es bedarf eben einer halbwegs autonomen Entwicklung, in der die Landwirtschaft gut organisiert wird, um dann um die Landwirtschaft herum Nebengewerbe zu entwickeln. Wenn die Landwirtschaft produktiv ist, kann Kleinindustrie wachsen und wenn diese gut funktionieren, florieren Dienstleistungen. Ökonomische Entwicklung erfordert eben hohe Diversität in der menschlichen Aktivität. Diese Weisheit steht der rein sektoralen Effizienzsteigerung entgegen. Das wird auch an der US-Landwirtschaft erkennbar. Sie bedarf massiver Unterstützung.

die furche: Zurück zu Ihren Vorstellungen für nachhaltiges Wirtschaften. Lässt es sich nicht auch in Großsystemen verwirklichen?

Wohlmeyer: Wir sprechen nicht von Landgebrauch ("land use"), sondern von "Agrikultur". In diesem Wort steckt "colere", was so viel bedeutet wie Sorge tragen, pflegen, sorgsam umgehen. Die landwirtschaftliche Tätigkeit spielt sich in einem äußerst komplexen System von Böden, Pflanzen, Tieren und meteorologischen Gegebenheiten ab. Das Erfassen komplexer Systeme erfordert einen engen Kontakt mit ihnen. Für die Landwirtschaft bedeutet das, Beziehung zu Boden, Pflanzen und Tieren zu entwickeln. Wer dieses Systemgefühl entwickelt, kann rechtzeitig steuernd eingreifen. Ich denke da an den Verwalter eines Gutes. Nach einem meiner Vorträge entschloss er sich, täglich durch den Stall und über die Weide zu gehen, um sich jedes Tier einzeln anzuschauen. Nach kürzester stellte er fest, dass er weitaus seltener den Tierarzt rufen musste. Er erkannte nämlich von vornherein, wenn ein Tier etwas ausbrütete. Im Großsystem, wo dieser enge Kontakt fehlt, reagiert man erst, wenn schwere Schäden auftreten. Das ist meiner Ansicht nach auch einer der Gründe, warum die Maul- und Klauenseuche sowie BSE in England mit seinen Riesenfarmen so gewütet haben. Dort erfolgte die Intervention eben zu spät.

die furche: Sie plädieren also in letzter Konsequenz für einen grundsätzlichen Wandel in der Agrarpolitik.

Wohlmeyer: Das derzeitige Konzept der ökologischen Tragfähigkeit ist ein Grenzgängerkonzept. Wir belasten die natürlichen Systeme so weit wie nur irgend möglich, gerade so, dass sie nicht zusammenbrechen. Ein nicht nur liebloser, sondern auch gefährlicher Zugang, denn wir wissen ja nicht genau, wo die Grenzen des ökologischen Systems liegen. Statt dessen sollten wir Naturbewirtschaftung so betreiben, dass Boden, Pflanze, Tier und Mensch sich wohl befinden. Damit werden Risken ausgeschlossen, die wir heute eingehen. So jagen wir beispielsweise Weizensorten in ihrer Leistungsfähigkeit so hoch, dass sie zehn Tonnen pro Hektar liefern. Wir pushen die Leistung von Kühen auf über 10.000 Liter pro Jahr. Da habe ich persönlich den Verdacht - andere übrigens auch -, dass dieses Stressen von Pflanzen und Tieren aufs Äußerste gefährliche Veränderungen erzeugt. Man könnte sagen: Wir stressen die Natur und sie stresst uns zurück.

Ich erinnere mich an einen Bauern, der kein Tiermehl gefüttert hatte und freiwillig einen BSE-Test durchführen ließ. Er fiel aus allen Wolken, als der Test positiv verlief, war ökonomisch ruiniert. Auf meine Frage, wieviel Liter die Kuh gegeben hatte, antwortete er: 18.000 Liter, eine Horrorzahl. Höchstwahrscheinlich kommt es bei Organismen, die aufs Höchste belastet werden, zum Kippen. Solche Entwicklungen geschehen, wo keine Nahbeziehung besteht, wo rücksichtslos nach wenigen Optimierungskriterien vorgegangen wird.

die furche: Effizienzsteigerung ist aber ein Grundprinzip der Wirtschaft. Ist es denkbar, dass die Landwirtschaft einen anderen Weg einschlägt?

Wohlmeyer: Hier stellt sich also die Grundsatzfrage: Wie gehe ich überhaupt mit der Natur um? Die Gesellschaft stellt verschiedenste Ansprüche an die Naturbewirtschaftung. Sie werden gesetzlich fixiert. Es gibt immer mehr Vorschriften. Gleichzeitig wird aber ein ökonomisches System zugelassen, das die sich aus den Vorschriften ergebenden Anforderungen glatt unterläuft. In diesem Zwiespalt gehen die Bauern zugrunde, denn sie können nicht beides erfüllen: Alle wünschenswerten ökologischen und sozialen Anforderungen erfüllen und in der Konkurrenz zu Produzenten bestehen, die solchen Ansprüchen nicht genügen müssen. Das ist das derzeitige Dilemma der Agrarpolitik.

Das Gespräch führte Christof Gaspari. Dr. Heinrich Wohlmeyer ist Professor an der Universität für Bodenkultur in Wien.

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