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Das Leben ist nicht nur Chemie ...

1945 1960 1980 2000 2020

"Kein Essen aus dem Genlabor, keine Freisetzung genmanipulierter Organismen in Österreich, kein Patent auf Leben." Im April 1997 erhielten diese Volksbegehren-Forderungen 1,2 Millionen Unterschriften. Welche Bilanz zieht heute der Biologe Peter Weish, damals Sprecher des Volksbegehrens?

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"Kein Essen aus dem Genlabor, keine Freisetzung genmanipulierter Organismen in Österreich, kein Patent auf Leben." Im April 1997 erhielten diese Volksbegehren-Forderungen 1,2 Millionen Unterschriften. Welche Bilanz zieht heute der Biologe Peter Weish, damals Sprecher des Volksbegehrens?

die furche: In welchen Punkten hat das Gentechnik-Volksbegehren wirklich etwas gebracht?

Peter Weish: Der parlamentarische Ausschuss, der das Volksbegehren behandelte, hat im Sinne des Volksbegehrens fast nichts zustande gebracht. Wir sind aber nicht enttäuscht, denn wir haben uns im Grunde von den Politikern nicht viel mehr erwartet. Wir wussten, dass sie in erster Linie den Vorgaben der Industrie und weniger den Aufträgen vom Volk Vorrang einräumen. Auf der anderen Seite hat gerade diese Lehre, dass die Volksvertreter sich eher als Konzernvertreter qualifiziert haben, dazu geführt, dass die Menschen gesehen haben: Wenn wir wirklich gentechnikfreie Lebensmittel haben wollen, dürfen wir nicht auf die hohe Politik warten, sondern müssen uns selber dafür engagieren. Und da ist viel passiert.

Wir können auch rückblickend sagen, dass das österreichische Beispiel in der EU einiges verursacht hat. Österreich hat zweifellos eine positive Rolle gespielt. Seit 1998 gibt es keine weitere Zulassung gentechnisch veränderter Sorten in der EU, und zwar hat sich da der Ministerrat quergelegt.

Außerdem gab es die sehr interessanten Ergebnisse des Dr. Arpad Pustai, eines Fütterungsspezialisten, der herausgebracht hat, dass gentechnisch veränderte Kartoffeln nicht, wie man vorher geglaubt hat, substantiell äquivalent sind der nicht veränderten Sorte, sondern dass neue Qualitäten auftreten, die nicht direkt mit dem eingepflanzten Gen allein zusammenhängen. Diese Diskussion, und wie man mit diesen Ergebnissen umgegangen ist, nämlich dass man versucht hat, diesen Dr. Pustai mundtot zu machen, hat weltweit einiges bewegt.

die furche: Was macht Gentechnik für deren Befürworter so attraktiv?

Weish: Die wahren Interessenten hinter dieser Entwicklung sind die großen Agrokonzerne, die Chemiefirmen, die in den letzten Jahrzehnten systematisch die Saatgutfirmen aufgekauft haben. Man will Marktanteile erobern, am Ernährungssektor einfach voll im Geschäft sein, Pakete schnüren mit gentechnisch veränderten Sorten. Man hat sowohl den Farmern in Amerika als auch den Konsumenten weltweit eine ganze Menge Vorteile versprochen. Aber diese Rechnung ist nicht aufgegangen, es haben zum Beispiel die Farmer erkannt, dass es für sie im Wesentlichen nichts bringt und dass sie nur an Freiheit verlieren. Im Internet haben die amerikanischen Farmer ihren Kollegen vorgerechnet, wie groß ihre Verluste sind, wenn sie Verträge bei der Firma Monsanto unterschreiben.

Das Volksbegehren hat zum Ausdruck gebracht, dass es einen starken Willen einer Mehrheit in einem Land gibt, dem durchaus auch Mehrheiten in anderen Ländern entsprechen, keine gentechnisch veränderten Lebensmittel in der Nahrung zu haben. Es läuft ja seit Jahren ein Trend in Richtung Naturkost, ökologische Landwirtschaft, nicht zuletzt genährt durch BSE oder den Dioxinskandal, als in Futtermittel Dioxin gekommen ist: In einer Welt, wo es Hunger gibt, war es ja eine ganz entsetzliche Episode, dass da riesige Mengen von Lebensmitteln zu Sondermüll geworden sind.

die furche: Aber BSE ist nicht auf Gentechnik zurückzuführen. Der Gentechnik kann man keinen Supergau a la Tschernobyl nachweisen.

Weish: Ich habe nicht gemeint, dass BSE der Gentechnikindustrie zuzuschreiben ist, aber die Menschen haben aufgrund solcher Dinge mehr Bewusstsein für den Wert einer dezentralen ökologischen Landwirtschaft gewonnen. In einer Ökolandwirtschaft wäre ein BSE-Skandal nie möglich gewesen. Keinem vernünftigen Bauern würde es einfallen, den Kadaver eines Schafes, das an einer Krankheit gestorben ist, Rindern zu verfüttern. Das war nur die Sensibilisierung. Wenn Sie nach dem Supergau fragen in Zusammenhang mit Gentechnik und Freisetzung, da gibt es natürlich nicht diese Ähnlichkeit.

Auf der anderen Seite aber gibt es eine Reihe fundierter ökologischer Bedenken, die auch in die Köpfe der Betreiber hineingekommen sind. Ein Beispiel: die Pflanzensorten, in die man das BT-Gen implantiert hat, das ist ein Gen des Bacillus Turingiensis. Dieser Bacillus produziert ein Gift, das ihn für bestimmte Schmetterlingsraupen tödlich macht. Diese Methode, dass man diesen Bacillus Turingiensis auf Kulturen ausbringt, ist sogar im ökologischen Landbau zugelassen, eine sehr gute Methode, weil sie nur selektiv wirkt und nicht einmal andere Insekten umbringt. Die Gentechniker in ihrer technischen Grundeinstellung sagen: Wunderbar, wir nehmen dieses Gen, bauen es direkt in die Pflanze ein. Die hat dann automatisch dieses Gift und ist ungenießbar für diese Schädlinge. Genau dort liegt der immense Unterschied zwischen ökologischer Methode und technokratischer Methode. Denn der Wert der BT-Applikation liegt darin, dass man gezielt örtlich und zeitlich kurzfristig eingreifen kann, wenn es notwendig ist, und nicht rund um die Uhr in riesigen Monokulturen dieses Gift ständig der Insektenwelt zumutet. Denn das ist die ideale Voraussetzung zur Resistenzbildung. Wir wissen, dass sich gerade bei Giften wie DDT, die langanhaltend wirken, die Mutanten, die das besser aushalten, durchsetzen. Das ist ein selbstverständliches Argument für jeden ökologisch denkenden Menschen. Das wurde zunächst nicht so ernst genommen, jetzt aber schon. Das ist auch einer der Gründe, warum in den USA die Anbauflächen dramatisch reduziert worden sind.

In den letzten Jahren sind sehr viele Befürchtungen von Ökologen bestätigt worden, dass herbizidresistente Pflanzen auf die Insektenwelt negativ gewirkt haben - Pflanzen sind indirekt schädlich geworden für Marienkäfer, die wiederum als Lausvertilger eine wichtige ökologische Rolle spielen. Je mehr man sich mit den vernetzten Effekten in einem Ökosystem befasst, tauchen auf einmal nicht nur Bedenken auf, sondern Fakten, die diese Bedenken auch untermauern.

Vor mehr als drei Jahren hat Österreich ein Importverbot gegen eine gentechnisch veränderte Maissorte verhängt. Damals hieß es: Das hält nur drei Monate, dann wird es von der EU-Kommission aufgehoben. Mittlerweile hält es mehr als drei Jahre, warum - weil es eben nicht so leicht ist, die harten Argumente gegen die österreichische Begründung aus dem Hut zu zaubern.

die furche: Sehen Sie demnach die Gentechnik sogar auf dem Rückzug?

Weish: Wir reden zunächst einmal nur vom Bereich der Landwirtschaft. Dort ist sie sicher nicht auf dem Rückzug, aber der Vormarsch, der geplant war, hat nicht stattgefunden. Denn die großen Konzerne haben uns erklärt, dass in wenigen Jahren 95 Prozent bestimmter Maisanbaugebiete in den USA gentechnisch bepflanzt sind. Davon ist keine Rede. Wenn 80 Prozent der Menschen diese Lebensmittel nicht wollen, dann ist das ein Faktum, an dem der Markt nicht vorbeigehen kann. Für Amerika war es nicht unwesentlich, dass in Europa diese große Skepsis Platz gegriffen hat.

die furche: Wie weit enthalten nun in Österreich verkaufte Lebensmittel gentechnisch veränderte Anteile?

Weish: Das ist die große Schwachstelle. Es sind in der letzten Zeit sowohl im Saatgut als auch in Futtermitteln gentechnisch veränderte Komponenten und Produkte gefunden worden. Nicht deklariert, und zwar sogar Genmais ohne Zulassung in der EU. Diese sehr negativen Dinge bestätigen auch die frühen Argumente gegen diese Technik im Landwirtschaftsbereich. Erinnern wir uns an die Versprechen unserer Politiker vor ein paar Jahren, lückenlose Kennzeichnung sei selbstverständlich - davon sind wir meilenweit entfernt. Es zeigt sich, wie wichtig dieses Volksbegehren war, dass man diesen Schwall, der auf uns zugekommen wäre, etwas eingebremst hat.

die furche: Was befürchten Sie konkret, wenn jemand gentechnisch behandelte Lebensmittel zu sich nimmt?

Weish: Es gibt zweifellos Gesundheitsrisiken. Das hat Pustai erwiesen, und man kann in aller Klarheit sagen, dass die Unbedenklichkeit von gentechnisch veränderten Lebensmitteln nicht ausreichend bewiesen ist.

Aber meine Hauptsorge ist die Fehlentwicklung der industriellen Landwirtschaft, die unglaublich energieintensiv und daher gar nicht zukunftsfähig ist. Wenn das Erdölzeitalter zu Ende geht, was eine Frage von ein paar Jahrzehnten ist, dann wird diese Form der industrialisierten Landwirtschaft nicht mehr funktionieren. Die Menschheit wird angewiesen sein auf dezentrale agrarische Strukturen, die eine hohe Flächenproduktivität haben - in Richtung Biogartenbau oder etwas derartiges.

Meine Hauptsorge ist, dass in den letzten Phasen des Erdölzeitalters die Fehlentwicklung in Richtung Industrialisierung, in Richtung Monokultur, in Richtung Zerstörung noch bestehender agrarischer Strukturen, Auslöschen von angepassten Kulturpflanzensorten und Nutztierrassen noch beschleunigt wird durch Trends, die von der Gentechnik in die Landwirtschaft ausgehen.

die furche: Besonders umstritten ist die Patentierung von Lebewesen, gegen die auch das Volksbegehren aufgetreten ist ...

Weish: Da war das Volksbegehren insofern eine interessante Erfahrung, als im Vorfeld so mancher Politiker gesagt hat: Bei der Forderung "Kein Patent auf Leben" sind wir ganz bei euch. Dann hat sich gezeigt, dass in den USA so manches möglich ist. Dort können sogar gentechnisch veränderte Lebewesen als ganzes patentiert werden. Es war auf einmal klar: Wenn es in den USA möglich ist, dann kann es doch nicht in der EU verboten sein. Denn die EU hat auf ihre Fahnen geschrieben, dass sie auf allen Linien den USA ebenbürtig sein will, und man kann doch nicht diese wirtschaftliche Möglichkeit den USA überlassen. Also muss es auch in der EU erlaubt sein, und dann kann man doch nicht Minister Farnleitner mit dem Auftrag nach Brüssel schicken, dagegen zu stimmen.

Auf der anderen Seite hat sich auch diese Grundhaltung nicht so durchgesetzt, wie es sich manche gewünscht haben. Denn jetzt geht es darum, dass diese Richtlinie umgesetzt wird. Die Gesetzesvorlage in Österreich wurde heftig von NGOs (Nicht-Regierungs-Organisationen) angegriffen, und Minister Schmid hat sie zurückgezogen. Ähnlich läuft es in anderen Ländern. Die Widerstände sind sehr stark.

die furche: Wie stehen Sie zur Gentechnik in der Medizin?

Weish: In der Gentechnik-Kommission wurde immer wieder argumentiert: Die Menschen akzeptieren die Gentechnik in der Medizin, bei den Lebensmitteln gibt es aber Widerstand, das ist doch inkonsequent. Mein Argument dagegen war: Man muss einen klaren Unterschied zwischen Medikament und Lebensmittel sehen. Bei Medikamenten informieren über unerwünschte Nebenwirkungen Gebrauchsinformation, Arzt oder Apotheker. Lebensmittel, die nur gegen ärztliche Verschreibung in Apotheken abgegeben werden, will der Normalverbraucher nicht haben.

Medikamente haben strengere Zulassungsbedingungen und werden gezielt an ein Patientenspektrum ausgegeben, wo dann unter genauer Beobachtung der Ärzte negative Auswirkungen, wie sie immer wieder auftauchen, klarer dem Medikament zugeschrieben werden können als beim Lebensmittel. Wenn es zu Problemen kommt, ist eine Korrektur leichter möglich. Medikamente werden wegen ihrer Nebenwirkungen in Abwägung gegenüber der Krankheit verordnet.

Auf der anderen Seite haben hochrangige Wissenschaftler sehr klar vor dem Reduktionismus gewarnt, der nur allzu leicht mit der Gentechnik in der Medizin einhergeht. Nämlich, dass man vergisst, dass der Mensch ein komplexes ganzheitliches Wesen ist, und dass man versucht, ihn auf ein Gen zu reduzieren, und meint, es gebe die Beziehung: ein Gen - eine Krankheit. Ein Beispiel: Man hat angeblich ein Gen gefunden, das Fettleibigkeit bei einer Maus bedingt. Wenn man jetzt dieses Gen hat, kann man ein Medikament machen. Stellen wir uns vor, das würde gelingen. Die Menschen nehmen eine Pille, und dann sind sie schlank. Viele Argumente würden wegfallen, die heute für gesunde Ernährung sprechen. Die Leute würden alles mögliche Junk-food essen, dann die Pille nehmen und glauben, sie sind gesund, nur weil sie äußerlich schön schlank sind. Im Grunde sind das sehr gefährliche Verheißungen, man könne so alle Krankheiten kurieren. Die wesentliche gesundheitspolitische Strategie muss in der Vorbeugung liegen.

Die Vorbeugung, die darin bestehen muss, krankmachende Faktoren zu identifizieren und zu eliminieren, hat auch den ganz großen Vorteil, dass sie gerecht ist, während dieser kurative medizinische Traum zwangsläufig zu einer extremen Verteuerung des medizinischen Systems führt. Eine Zwei-Klassen-Medizin wird zur Selbstverständlichkeit.

die furche: Forscherdrang ist zutiefst menschlich. Ist der Wissenschaft die Einsicht zuzumuten: Hier wird es zu gefährlich, da forschen wir nicht weiter?

Weish: Das ist ein sehr heikles und vielschichtiges Thema. Ich bin überhaupt nicht gegen das Forschen, ich begrüße auch die Gentechnik als Methode, wenn sie dazu verwendet wird, um Lebenszusammenhänge besser zu erforschen und besser verstehen zu lernen, was in Zellen und Organismen vorgeht. Was mir aber Sorgen macht, ist die Wissenschaft als Werkzeug in den Händen von Konzernen denen es nur um das Geschäft geht. Sie kennen den Slogan: The business of business is business.

Was mir auch Sorgen macht, ist, dass manche Wissenschaftler sich voll und ganz als Werkzeug missbrauchen lassen. Ich bin sehr dafür, dass wir das Leben besser verstehen lernen, aber da gehören auch die höheren Systemebenen dazu. Es ist falsch zu glauben, wenn man den Zellkern einigermaßen manipulieren kann, dass man dann das Leben als ganzes verbessern kann. Zur Wissenschaft gehört dazu, dass man sie in ihrer Bedeutung nicht überdehnt. Die schlimmste Sünde der Wissenschaft ist der Reduktionismus.

Man sagt: Alles Leben ist Chemie, oder das Leben ist ja nichts anderes als Chemie. Das ist falsch. Das Leben ist sehr wohl etwas ganz anderes als Chemie. Auf biologischer Ebene kommen ganz neue Systemeigenschaften dazu. Ich als Humanökologe versuche diese ganzheitliche Sicht hineinzubringen. Aus dieser Sicht wird manches, was der Reduktionist als Fortschritt sieht, als Fehlentwicklung erkennbar.

Das Interview mit dem Wiener Biologen, Ökologen und Sprecher des Gentechnik-Volksbegehrens führte Heiner Boberski.

Den Wortlaut des ungekürzten Gespräches finden Sie über die Internet-Seite http://www.furche.at

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