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Gen-Pickerl als Feigenblatt

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Gentech-Nahrung kommt jetzt auch nach Osterreich - gegen den Willen der meisten Konsumenten. Jetzt hilft nur noch die Kennzeichnung.

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Gentech-Nahrung kommt jetzt auch nach Osterreich - gegen den Willen der meisten Konsumenten. Jetzt hilft nur noch die Kennzeichnung.

Der Gen-Krisengipfel endete für die Umweltorgan isationen „Global 2000” und „Greenpeace” mit einem Fiasko. Das erhoffte Importverbot für die gentechnisch veränderte Sojabohne aus den USA wurde von den Regierungsvertretern Bundeskanzler Franz Vranitzky, Gesundheitsministerin Christa Krammer und Umweltminister Martin Bartenstein kategorisch abgelehnt, berichtet der enttäuschte Greenpeace-Mitarbeiter Thomas Relazzi. Lakonischer Kommentar: „Selten so frustriert gewesen. Dabei waren unsere Argumente wirklich gut, nur keiner wollte sie hören.” Resultat:

Gentech-Nahrung, das sogenannte „novel-food”, kommt jetzt auch nach Osterreich.

1 )ie Vorgeschichte: Im April genehmigte die Europäische Union (KU) den Import von genmanipuliertem Soja der Firma Monsanto aus den USA zur Weiterverarbeitung für die Lebensmittelindustrie. Erstmals in Europa wurde dadurch das veränderte Erbgut selbst als Bestandteil der Nahrung zugelassen. Dementsprechend groß war dann die Aufregung, als die ersten Schiffe mit Soja vor einem Monat in die großen Häfen von Hamburg, Antwerpen und Amsterdam einliefen. Zudem war in den USA das „normale” Soja mit der Gentech-Bohne vermischt worden. Die diesjährige Soja-Lieferung ist nun mit etwa zwei Prozent mit der Gentech-Bohne „verunreinigt”.

Die Monsanto-Bohne wurde gentechnisch so verändert, daß sie gegen das ebenfalls von dem Konzern hergestellte Unkrautvernichtungsmittel „Round-up” resistent ist. Gegner kritisieren nun, daß lediglich Monsanto an der Bohne verdiene und das gleich doppelt: mit der Lizenzgebühr vom Saatgut und an dem Unkrautvernichtungsmittel. Weder gesundheitliche Bisiken für den Menschen noch die Auswirkungen auf die Umwelt seien bislang tatsächlich geklärt. Und, so die Kritiker, keiner braucht und will sie.

„Mehr als 80 Prozent der Bevölkerung sind dagegen und jetzt frustriert. Das Ganze ist ein skandalöser Vorgang”, ärgert sich Peter Weish, Humanökologe und Mitinitiator des „Gentechnik-Volksbegehrens” (siehe auch Interview auf Seite 7), das jetzt in einer Pressekonferenz vorgestellt und nächsten April durchgeführt werden soll. Der Konzern Monsanto, kritisiert Weish, habe sich über alle Bedenken hinweggesetzt. Damit zeige Monsanto nun sein wahres Gesicht. „Monsanto schert sich keinen Deut um die Interessen der Konsumenten. Der Konzern will uns in die totale Abhängigkeit treiben.”

Konzerne wie Monsanto haben viel Geld in die Entwicklung des Hoffnungsmarktes Gentechnik hineingebuttert. Die Forschungsmilliarden müssen jetzt irgendwie wieder hereinkommen, auch gegen den Willen der Konsumenten.

Bei den großen Lebensmittelketten will man dagegen auf die Wünsche der Konsumenten reagieren. „Billa” verspricht, von jedem Lieferanten eine Garantie einzufordern, daß keine gentechnisch veränderten Bestandteile verwendet werden. Allerdings wird auch zugegeben, daß man auf diese Garantieerklärung vertrauen müsse, denn kontrollieren könne man nicht. „Meinl” will ebenfalls auf Gentechnik verzichten und sogar Stichproben -artig kontrollieren.

Martin Mayer, Gentechnik-Experte im Gesundheitsministerium, sieht das Ganze als riesige Werbeaktion. „Die Nahrungsmittelkonzerne wie ,Bil-la' oder ,Spar' rühren kräftig die Werbetrommel.” Aber, so ist Mayer überzeugt, das Trommeln werde im nächsten Jahr immer leiser werden, wenn die bereits gelagerten Sojavorräte schrumpfen. Da Soja Bestandteil von etwa 30.000 Lebensmitteln ist, wird sich Osterreich nicht unter eine „Käseglocke” stellen können, so Mayer. Die Forderung des Volksbegehrens, daß in Österreich kein „novel-food” auf die Teller kommen soll, geht, so der Experte im Gesundheitsministerium, „komplett an der Bealität vorbei”.

Was den Konsumenten jetzt noch bleibt, ist die Hoffnung auf eine ausreichende Kennzeichnung der betreffenden Nahrungsmittel. Darüber hat sich ein Vermittlungsausschuß der EU letzte Woche geeinigt. Allerdings müssen nur jene Lebensmittel gekennzeichnet werden, bei denen die gentechnische Veränderung nachgewiesen werden kann. Bei Soja-Öl beispielsweise ist das nicht der Fall, so der Gentechnik-Experte Helmut Gau-gitsch vom Umweltbundesamt in Wien. Außerdem trete die EU-Verordnung frühestens im nächsten Frühjahr in Kraft und bis dahin könnte die Gentech-Nahrung bereits ungekennzeichnet in den Regalen liegen.

Martin Mayer verteidigt allerdings die Entscheidung der Gesundheitsministerin. Erstens sei die beschlossene Kennzeichnungspflicht vollkommen ausreichend und zweitens hätte ein Importverbot nichts gebracht. Denn das Verbot könnte nur auf die keimfähige Bohne angewendet werden. Da Österreich aber ohnehin kein Roh-Soja importiert, wäre diese Maßnahme völlig sinnlos gewesen. Gegen die bereits verarbeiteten Produkte hätte Österreich trotz Importverbot nichts unternehmen können. Das wäre reine „Roßtäuscherei” gewesen.

Dennoch gibt sich der Humanökologe Weish zuversichtlich: „Auch wenn es den Anschein hat, daß bereits alles über die Bühne gegangen ist, so gibt es keinen Grund zur Resignation.” Engagierte Menschen müssen sich jetzt wehren, und mit dem Volksbegehren bekommen sie eine Chance zu reagieren und die Politiker einen Handlungsauftrag, so Weish.

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