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Grünes Licht für Gentech

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Ab 18. April gelten in der EU strenge Vorschriften für die Verbreitung von Gentech-Produkten. Nicht nur ein Vorteil, wie sich zeigt.

In Zukunft müssen Lebensmittel-Hersteller ihren Kunden mitteilen, ob ihre Produkte gentechnisch manipuliertes Material enthalten - und wieviel. Das sieht eine neue EU-Richtlinie vor. Auf einem Speiseöl-Behälter muss dann abzulesen sein, in welchem Prozentsatz der Mais, aus dem es gepresst ist, manipuliert war. Ähnliches gilt für die Mayonnaise, die aus dem Öl erzeugt wurde. Auf diese Weise soll der Konsument erkennen können, ob seine Nahrung gentechnisch veränderte Organismen (GVO) enthält. Diese Regelung ist weltweit die strengste. Sie soll die Wahlfreiheit des Konsumenten sicherstellen, eine Errungenschaft, die es in den USA nicht gibt, obwohl dort mit Abstand die größten Mengen an GVO erzeugt und exportiert werden, vor allem Mais, Soja, Raps und Baumwolle. Mit diesen Produkten drängen die USA auch auf Europas kaufkräftige Märkte.

Nun hat die EU aber seit Oktober 1998 weder Genehmigungen für die Einfuhr, noch für die Freisetzung von GVO erteilt. Gegen diese Maßnahme führten die USA im Mai 2003 Klage vor der Welthandelsorganisation WTO. Diese Handelsbeschränkung koste die US-Farmer jährlich 300 Millionen Dollar. Das Verfahren läuft derzeit.

Die USA machen Druck

Mit der neuen EU-Kennzeichnungs-Richtlinie reagiert die EU auf den Druck der USA. Sie schwenkt auf eine liberalere Politik in Sachen Gentech um. Da Lebensmittel, die GVO enthalten, nun klar erkennbar sind, falle eine wesentliche Voraussetzung für das Gentech-Moratorium weg, wird argumentiert, und größere Beweglichkeit bei Importen von GVO und bei deren Freisetzung angepeilt.

Die neue Stoßrichtung: Statt Moratorium Koexistenz von GVO, konventioneller und biologischer Landwirtschaft. Für Österreich hatte diese Neuausrichtung bereits spürbare Folgen. So wies die EU- Kommission im September 2003 einen Antrag Oberösterreichs ab, das gesamte Bundesland zur gentechnikfreien Zone zu erklären. Das Linzer Nein zur Gentechnik widerspreche dem EU-Recht, hieß es in der Begründung.

Gnade vor den Augen der Kommission fand hingegen Kärnten mit seinem Gesetzesentwurf, der auf ein generelles Verbot verzichtet, aber für jede GVO-Anpflanzung eine Genehmigung vorsieht. Ebenfalls grünes Licht gab es heuer für den Salzburger Entwurf, den die Kommission allerdings - wie auch schon in Kärnten - mit Anmerkungen versah: die Verwaltungshürden für den GVO-Anbau dürften nicht zu hoch sein und jede Nicht-Genehmigung müsse begründet werden. Auch die Tatsache, dass Salzburg den Abschluss einer Haftpflichtversicherung für den GVO-Anbau vorsieht, sei in Brüssel nicht auf Gegenliebe gestoßen, erklärt Hannes Augustin vom "Österreichischen Naturschutzbund". Sein Verdacht: "In diesen Entscheidungen wird deutlich, dass die Gentechnik jetzt schleichend eingeführt wird."

Gegen diese Entwicklung will vor allem Oberösterreich mobil machen. Vor dem EU-Gerichtshof soll geklärt werden, ob eine Region in der Frage des Anbaus von GVO nicht doch den Weg der Abstinenz gehen dürfe. Die Klärung dieser Frage ist nicht nur für Oberösterreich von Interesse. Im November unterzeichneten nämlich neun weitere Regionen (Aquitaine, Baskenland, Limousin, Marche, Schleswig-Holstein, Thrakien, Toskana, Wales und Salzburg) ein Memorandum gegen den Gentechnik-Anbau.

Tatsächlich bestehen ja weiterhin begründete Sorgen wegen der Folgen des Anbaus und des Konsums von GVO, die ja in vieler Hinsicht durchaus Vorteile bringen. Niemand bestreitet, dass es nützlich ist, Pflanzen gegen Insekten, gegen bestimmte Wirkstoffe (insbesondere Unkrautvertilgungsmittel) resistent zu machen, ihre Erträge zu steigern, sie transportfähiger und widerstandsfähiger gegen extreme Wetterbedingungen (Kälte, Hitze, Dürre) zu machen. Aber das ist nur die eine Seite der Medaille.

Viel risikoreicher

Die andere: "Obwohl die Gentechnik als Fortschritt erscheint, wird das gesamte Ökosystem auf lange Sicht weitaus risikoreicher", kritisiert Heinrich Wohlmeyer, Professor an der Universität für Bodenkultur. Mit gewissen Vorbehalten sei eine Technik zu bejahen, die die Artgrenzen nicht überschreitet. Das entspreche etwa der bisherigen Züchtungstechnik. Bei artüberschreitendem Gentransfer sei aber mit unvorhersehbaren Folgen zu rechnen.

Das neue Genmaterial verbreitet sich nämlich in seinem Umfeld. Es kommt zu Auskreuzungen, zur Übertragung von genetischem Material auf andere Pflanzen - auch über große Distanzen: 4,8 Kilometer in Illinois, wie "Genetic Engineering Newletter 51" berichtet. Und die US-amerikanische "Union of Concerned Scientists" verweist auf Stichproben bei Raps, Mais und Soja, die ein hohes Maß an GVO-"Verseuchung" erkennen ließen. Hätte man etwa den als unbedenklich angesehenen Mais ausgesät, so wären auf diesem Weg unbeabsichtigt 1,6 Milliarden genetisch manipulierte Maiskörner zur Aussaat gelangt. Das zeigt: Die Philosophie von der friedlichen Koexistenz von GVO- und Bio-Landwirtschaft ist ein unerfüllbarer Traum, vor allem in Österreich, dessen Landwirtschaft sehr kleinräumig strukturiert ist.

Eine Vermischung von Bio und GVO wäre allerdings nur halb so schlimm, wäre die Harmlosigkeit von Gen-Tech-Produkten so sicher bewiesen, wie deren Befürworter behaupten. "Jeder Amerikaner isst das jeden Tag," erklärte US-Staatssekretär Alan P. Larson im Vorjahr. Und: Die Produkte seien "wissenschaftlich erwiesen sicher." Werner Müller, Experte im "Büro für Ökologische Risikoforschung" in Wien, sieht das anders. "Die Sicherheit von gentechnisch veränderten Lebensmitteln ist auf Basis der vorliegenden Daten nicht garantiert," lautet sein Resümee. Bisher habe man sich darauf beschränkt, das Auftreten kurzfristiger Folgen zu untersuchen. Was komplett fehle, sind Untersuchungen über chronische Effekte, "die erst durch kontinuierlichen Konsum entstehen. Für diese wurden keine Analysen von den Antragstellern vorgelegt" - und von den Behörden nicht eingefordert. Dabei lassen einige Beobachtungen erkennen, dass - jedenfalls bei Tieren (Mäusen und Schweinen) - bedenkliche Veränderungen auftreten, wenn man sie längere Zeit mit zugelassenen GVO füttert.

Werners Fazit: "Weder für den Nachweis der Gefährdung noch für den Nachweis der Sicherheit von gentechnisch veränderten Sojabohnen und Mais liegen wissenschaftliche Studien vor." Ein unhaltbarer Zustand, handelt es sich doch um Sorten, die seit Jahren täglich konsumiert werden.

Herumgepfuscht

Krasser formuliert es Klaus Rhomberg, Tiroler Umweltmediziner und Experte bei der Enquête für das Gentechnik-Gesetz: "Was da geschieht, ist ein totales Herumpfuschen an der Schöpfung. Man kann nur hoffen, dass die Biosphäre mit diesen unabsehbaren Gefährdungen umgehen kann." Das Auftreten von Allergien sei sehr wahrscheinlich, denn zur ohnedies bereits hohen Belastung kämen weitere lebensfremde Moleküle in die Nahrung.

Die Gefahren-Abschätzung sei vollkommen inadäquat. Untersucht würden bestenfalls einfache Kausalketten. Komplexere Muster würden gänzlich ausgeblendet. Außerdem werde Gefährdung immer am Durchschnittswert von Gruppen gemessen. Dabei übersähe man die besondere Anfälligkeit Einzelner. Es gäbe genetische Konstellationen, bei denen der betreffende Mensch extrem auf bestimmte Auslöser reagiere.

So gesehen, erscheint die erfreulich restriktive Politik der EULebensmittel-Kennzeichnung als Vehikel zur Öffnung der europäischen Märkte für Gen-Produkte. Problematisch, wenn man bedenkt, dass es sich um eine Technik zur Produktionssteigerung auf Überschussmärkten mit unabsehbarem Gefahrenpotenzial handelt.