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Gespräch statt Polarisierung

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Die Gentechnik-Debatte (siehe auch Seite 6) endet sicher nicht mit dem Volksbegehren: Welche Regeln könnten solchen Debatten dienen?

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Die Gentechnik-Debatte (siehe auch Seite 6) endet sicher nicht mit dem Volksbegehren: Welche Regeln könnten solchen Debatten dienen?

Der Jesuit Richard Mc-Cormick ist einer der bedeutendsten katholischen Moraltheologen der USA: Vor knapp 20 Jahren hat er in der bekannten Wochenzeitschrift „America” eine Reihe von Diskussionsregeln aufgelistet, um die äußerst hitzig geführte Debatte über das Thema der Abtreibung zu versachlichen. McCormicks Regeln sind für viele gesellschaftliche, aber auch innerkirchliche Kontroversen relevant. Vier dieser Ijeitlinien sollen hier in überarbeiteter Form vorgelegt und in den Kontext der Debatte über die Chancen und Risiken der Gentechnik gestellt werden.

1. Regel Versuche, Bereiche der Übereinstimmung zwischen den unterschiedlichen Positionen zu finden. Ubereinstimmung zwischen Gegnern und Refürwortern der Gentechnik besteht weitgehend darin, daß wir verantwortlich mit dieser Technologie umzugehen haben, daß gentechnische Eingriffe also keinen ethikfreien Raum darstellen. Häufig lehnembeide Gruppen Anwendungen der Gentechnik im militärischen Bereich oder an den menschlichen Keimbahnzellen ab, befürworten sie aber im Falle der somatischen Gentherapie. Es spricht nämlich vieles dafür, daß die somatische Gentherapie, in der es um gezielte gentechnische Veränderungen bestimmter Körperzellen eines kranken Menschen geht, in der Krebs-behandlung den heute üblichen, leider teils unumgänglichen chemotherapeutischen Verfahren vorzuziehen ist.

Im allgemeinen werden auch gentechnologische Verfahren in der Pharmazie von vielen Vertretern beider Lager als durchaus positiv beurteilt: Insulin gegen die Zuckerkrankheit, Interferone gegen Krebs, länger haltbare Impfstoffe. Aus diesem Grund haben ja die Initiatoren des Gentechnik-Volksbegehrens ihre Ablehnung gentechnischer Methoden auf die Bereiche der Ernährung und Landwirtschaft, der Pflanzen- und Tierzüchtung beschränkt.

2. Regel- Vermeide Schlagwörter, „persuasive Kennzeichnungen ” und „genetische Fehlschlüsse ”. Schlagwörter und persuasive Kennzeichnungen geben vor, etwas nur zu beschreiben, färben aber diese Beschreibung so ein, daß sie eindeutig auf eine Bewertung hinausläuft und {len Meinungsgegner oft dämonisiert. Man unterläßt es aber, diese Wertung eigens zu begründen. Auf die Gentechnik-Diskussion bezogen heißt dies etwa, daß es unzulässig ist, Gentechnik-Gegner pauschal als fortschrittsfeindliche Öko-Fundamentalisten zu diskreditieren oder ihre Befürworter undifferenziert mit einem Schlagwort wie „Gen-Mafia” zu denunzieren. Eventuelle fundamentalistisch-esoterische Naturverklärungen oder skrupellose Profitinteressen dürfen der jeweils anderen Seite nicht durch bestimmte Etikettierungen generell unterstellt werden, sondern sind exakt zu benennen und differenziert zu diskutieren.

Eine gewisse Nähe zur per-suasiven Kennzeichnung weist auch der sogenannte „genetische” Fehlschluß auf. Man versteht darunter den Schluß von der Entstehung (Genese,

deshalb „genetisch”!) einer Aussage auf ihren Wahrheitswert, so als wäre die Herkunft eines sittlichen Urteils das letztgültige Wahrheitskriterium. Konkret: Kein Dozent für Mikrobiologie darf ein Argument allein” deswegen abtun, weil es von einer Politikerin der Grünen vorgetragen wird. Keine Biobäuerin darf die Ohren deshalb automatisch verschließen, weil gentechnikfreundliche Aussagen von einem Mitarbeiter eines chemischen oder pharmazeutischen Betriebes stammen.

% Regel Gib Schwächen deiner eigenen Position zu, gestehe Zweifel und innere Ambivalenzen ein. Unterzeichner des Gentechnik-Volksbegehrens sind wahrscheinlich auch sich selbst gegenüber nicht immer ehrlich, wenn sie gentechnischen Methoden im Bereich der Landwirtschaft jede Attraktivität absprechen. Denn manches klingt durchaus verheißungsvoll: vereinfachte Herstellung von Enzymen wie etwa des Lab-Ferments für die Käseproduktion; Nutzpflanzen, die gegen Insekten, Virusbefall, Trockenheit oder Kälte resistent sind, die einen höheren Nährwert aufweisen oder den Einsatz von Pestiziden überflüssig machen.

Gentechnik-Befürworter dagegen müssen viel psychische Energie aufbringen, um mögliche negative Folgen ihrer Technik komplett auszublenden. Droht nicht gerade im Bereich der Landwirtschaft durch gentechnische Methoden eine noch stärkere Ver-zweckung nichtmenschlicher Lebewesen für rein anthropo zentrische Nutzinteressen: Kühe als gentechnisch hochgezüchtete Milchmaschinen, Schweine als lebende Fleischkonserven, Hühner als effiziente Eierlegeapparate?

4. Regel Versuche, den zentralen Punkt, um den es geht, deutlich herauszustellen und deine diesbezügliche Position argumentativ darzulegen. Diese Leitlinie verdeutlicht, daß Verständnis für die Haltung der Andersdenkenden und das Eingestehen eigener Ambivalenzen nicht zu einem ethischen Relativismus, dem alles gleich-gültig ist, führen muß und darf. Als zentraler Punkt in- der Debatte über die Gentechnologie in der Landwirtschaft ist die Frage nach der Reurteilung ihrer Folgen und das damit zusammenhängende Beweislastkriterium zu nennen. Es geht also um eine seriöse, auch langfristige Technikfolgenabschätzung, um die Erstellung einer umfassenden Wert- und Übelbilanz.

Was den Beweis für die Notwendigkeit und die Harmlosigkeit unter Umständen irreversibler Eingriffe in die Natur betrifft, ist mit Bobert Spae-mann folgender Maßstab anzulegen: „Nicht die Schädlichkeit, sondern die Unschädlichkeit muß glaubhaft gemacht werden.” Dies ist aber nach Spaemann so lange nicht der Fall, wie eine durch Qualifikation oder Zahl nennenswerte Minderheit von Fachleuten von der Unschädlichkeit nicht überzeugt ist.

Für die Anwendung der Gentechnik in der Ernährung und Landwirtschaft heißt dies: Zahlreiche seriöse Wissenschaftler halten die damit verbundenen Gefährdungspotentiale aus guten Gründen für zu groß. Deshalb und weil zudem wesentlich risikoärmere Alternativen (naturnaher Anbau) zur Verfügung stehen, ist Gentechnologie in diesen Bereichen mit äußerster Skepsis zu betrachten.

Der Autor ist

Universitätsassistent am Institut für Ethik und Sozialwissenschaft der Katholisch-Theologischen Fakultät in Graz.

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