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Biobanken gibt es schon lange. Aber erst seit Kurzem gelten sie als Nährboden für große Hoffnungen - und als ethische Problemzone.

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Biobanken gibt es schon lange. Aber erst seit Kurzem gelten sie als Nährboden für große Hoffnungen - und als ethische Problemzone.

Ein US-Außenminister, der durch ein genetisch verändertes Virus gezielt aus dem Weg geräumt wird. Bauern in Brasilien und Indien, die plötzlich hocheffiziente Tiere und schädlingsresistente Nutzpflanzen besitzen. Und eine geheime Forschungseinrichtung, in der begüterte Paare mit Kinderwunsch hochbegabte Kinder bestellen können. All das gehört zur High-Tech-Szenerie in Marc Elsbergs Buch "Helix" (Blanvalet, 2016) - ein gruseliger Thriller und Science-Fiction-Roman, wiewohl sein Inhalt von der wissenschaftlichen Realität nicht mehr weit entfernt zu sein scheint. So wie Entwicklungen, die vor nicht allzu langer Zeit noch als Science-Fiction gegolten haben, heute bereits im Alltag der biomedizinischen Forschung angekommen sind.

Mini-Magen aus dem Labor

Marc Elsberg war einer der Gäste eines Symposiums zur Bioethik, das letzte Woche am Vienna Biocenter abgehalten wurde. Als Schriftsteller reagiere er wie ein Seismograph auf die gesellschaftliche Stimmung, und die sei heute primär durch Angst geprägt, bemerkte der Autor: "Der Fortschrittsoptimismus früherer Science-Fiction Autoren wie Jules Verne ist schon längst abhanden gekommen." Dass Fortschrittschancen und -risiken verstärkt der öffentlichen Reflexion bedürfen, betonte Jürgen Knoblich, stellvertretender wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Molekulare Biotechnologie (IMBA) der Akademie der Wissenschaften in Wien: "Die jüngsten Entwicklungen in den 'Life Sciences' verdeutlichen, dass wir einen offenen Dialog und eine kritische Diskussion bezüglich der neuen Technologien benötigen - ebenso wie der moralischen und gesellschaftlichen Herausforderungen, die damit einhergehen."

Da ist zum Beispiel das Thema der Stammzellen: Wachsende menschliche Gewebe und Organe könnten in der Medizin dringend benötigtes Material bereitstellen. Neue Technologien führen in diese Richtung. Die Organentwicklung, wie sie üblicherweise im Embryonalstadium stattfindet, kann nun im Labor durchgespielt werden. So ist es etwa US-Forschern gelungen, einen voll funktionsfähigen menschlichen Magen in der Petrischale zu züchten. Das Mini-Organ ist freilich nur drei Millimeter groß. Knoblich selbst hat vor ein paar Jahren für Aufsehen gesorgt, als er erstmals erbsengroße Gehirne im Labor hergestellt hat. Auch organähnliche Strukturen des Darms, der Nieren, der Leber oder der Netzhaut wurden inzwischen gezüchtet. Solche Organoide wecken große Hoffnungen für die Erforschung von Krankheiten sowie die Entwicklung von Medikamenten und anderen Therapien.

Organoide könnten die lange erwartete Alternative zu medizinischen Tierversuchen sein, hoffen Experten des IMBA. Doch damit erscheinen neue ethische Herausforderungen am Horizont: Der Bedarf an menschlichen Stammzellen werde steigen, was insbesondere bei den ethisch umstrittenen Stammzellen aus Embryonen zu bedenken ist.

Heikle genetische Daten

Zudem werden Fragen des Datenschutzes und der Patienteneinwilligung an Bedeutung gewinnen, wie der Politikwissenschafter Johannes Starkbaum erläuterte. Biobanken sind erst in den letzten Jahrzehnten stärker in den Fokus des öffentlichen Interesses gerückt. Grund dafür sind die neuen Dimensionen der biologischen Datenmengen, basierend auf den digitalen Technologien. In der Medizin erhofft man sich von der Auswertung großer Gendaten-Mengen wegweisende Erkenntnisse, da diese Daten nun im großen Stil mit klinischen und persönlichen Merkmalen verknüpft werden können. Damit sind Biobanken zu den ambitioniertesten Forschungsprojekten unserer Zeit geworden, wie etwa der österreichische Wissenschaftsfilm "Goldene Gene" (2016) eindrucksvoll vor Augen geführt hat.

"Der Umgang mit Daten ist das dominante Thema in der ethischen Diskussion rund um die Biobanken", erläuterte Starkbaum. Genetische Daten sind doppelt heikel, denn sie vermitteln private Informationen über Individuen, aus denen sich aufgrund der Verwandtschaft auch Gruppeninformationen ableiten lassen. "Ideen zur Gestaltung von Biobanken folgen zwei Paradigmen", so der Politikwissenschafter von der Uni Wien. "Einerseits wird der Datenschutz betont, andererseits der gemeinschaftliche Bedarf an wissenschaftlicher Innovation." Dieser Zwiespalt zeigt sich etwa in der Kontroverse um den "Informed Consent" - also der Einwilligung, eigene Zellen nach entsprechender Aufklärung einer Biobank zur Verfügung zu stellen. Eine enge Auslegung des "Informed Consent" stellt die Privatsphäre der Zellspender in den Vordergrund. Eine breitere Auslegung hingegen ermöglicht, dass die Daten auch geteilt werden können (siehe Interview rechts).

Theologische Perspektiven

Eine christliche Sicht auf die Bioethik brachte Ulrich Körtner von der Universität Wien ein. Der evangelische Theologieprofessor und Direktor des Instituts für Ethik und Recht in der Medizin bezog sich auf die biblische Schöpfungsgeschichte, wonach der Mensch als Herrscher über die Erde und ihre Kreaturen dargestellt wird (Gen 1:26f.; 2:15). Wenn man diese Vorherrschaft im Kontext der Gentechnik interpretiert, kann der Mensch auch als Ko-Schöpfer verstanden werden. "Folgt man dieser Ansicht, ist christliche Theologie viel offener gegenüber den modernen 'Life sciences' als die traditionelle naturrechtliche Ethik", so Körtner. "Technologische Eingriffe sind nicht per se ein Angriff auf die Integrität der Schöpfung. Sie können auch den Versuch zum Ausdruck bringen, der biblischen Bestimmung des Menschen unter den Bedingungen des High-Tech-Zeitalters gerecht zu werden."

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