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Österreichs Forschung im Genfieber

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Nach der weitgehenden Entschlüsselung des menschlichen Genoms wird der heimischen Forschung eine Frischzellenkur in Sachen Gen- und Biotechnologie verpasst: Das "Vienna BioCenter" soll zur "Wallstreet des Wissens" werden, und die Plattform "Gentechnik & Wir" lädt (vor allem Skeptiker) zum Dialog.

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Nach der weitgehenden Entschlüsselung des menschlichen Genoms wird der heimischen Forschung eine Frischzellenkur in Sachen Gen- und Biotechnologie verpasst: Das "Vienna BioCenter" soll zur "Wallstreet des Wissens" werden, und die Plattform "Gentechnik & Wir" lädt (vor allem Skeptiker) zum Dialog.

Das "goldene Wiener Herz" allein reicht schon lange nicht mehr, gefragt ist "Wiener Hirn": Wiens Planungsstadtrat und Vizebürgermeister Bernhard Görg (VP) greift tief in die Metaphernkiste, wenn die Sprache auf die Forschung fällt: Gemeinsam mit Bildungsminis-terin Elisabeth Gehrer präsentierte er die Pläne der Volkspartei, Wien als "Wissensstandort par excellence" zu positionieren. Zu diesem Zweck ist man auch bereit, das sonst so gut gehütete Füllhorn auszuschütten: Woher die Fördermittel "in dreistelliger Millionenhöhe" kommen sollen, wird ebenso genannt: Neben dem Wiener Wirtschaftsförderungsfonds sollen auch die Dividenden aus dem Topf der Bank-Austria-Stiftung herangezogen werden. Eine "Wallstreet des Wissens" soll entstehen, so Görg. Mehr oder weniger ausgebaute Wissensschneisen finden sich schon jetzt, bevorzugt in der Dr.-Bohr-Gasse im dritten Wiener Gemeindebezirk: Im "Vienna BioCenter" (VBC) forschen mittlerweile über 700 Wissenschafter aus über 40 Ländern an biotechnologischen und molekularbiologischen Zusammenhängen. Die Suche nach Impfstoffen gegen Krebs steht ebenso im Mittelpunkt wie die Verbesserung des Erbgutes für Getreidepflanzen.

Goldgrube Gentechnik Die Wurzeln des international angesehenen Biotech-Clusters gehen bis ins Jahr 1985 zurück: Damals wurde das Institut für Molekulare Pathologie als Joint-Venture der beiden Pharmakonzerne Boehringer Ingelheim und Genentech aus der Taufe gehoben. Nach und nach fanden weitere Institute der Medizinischen, Formal- und Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien Raum im stetig wachsenden Gebäude. Zahlreiche Firmen siedelten sich an, darunter VBC-Genomics, Intercell, Med-systens Diagnostics oder Axon Neuroscience. Schließlich plant die Österreichische Akademie der Wissenschaften mit dem Institut für Molekulare und Zelluläre Bio-Informatik (IMBA) und dem Institut für Zell- und Entwicklungsbiologie (IZEB) zwei Zentren für Grundlagenforschung. Der Forschungsschwerpunkt des IMBA ist denkbar aktuell: Am Programm steht die Erforschung des menschlichen Genoms im Bereich Molekular- und Zellbiologie. Kostenpunkt für die beiden Institute: 100 Millionen Schilling. Die Hälfte davon will der Bund direkt für Forschungsprojekte bereitstellen. Dass sich Inves-titionen im Bereich Biotechnologie lohnen, weiß Planungsstadtrat Görg nur allzu gut: Aus 96 anfänglichen Fördermillionen für das BioCenter seien bis heute 935 private Investitionsmillionen geworden. Und die Bauarbeiten für die Verdoppelung des Clusters haben schon begonnen.

Nicht nur in Wien-Landstraße, auch im AKH wird die Gentechnik zusehends heimisch: So soll in der Lazarettgasse das Zentrum für molekulare Medizin errichtet werden. Baukosten ebenso 100 Millionen Schilling, davon 60 Millionen vom Bund.

Wien ist also auf dem besten Weg, sich auf dem Sektor Biotechnologie einen Namen zu machen. Allein: Die Skepsis gegenüber Gentechnik und Co. bleibt. Einen Hauptgrund der kritischen Haltung vieler Österreicher orten Experten freilich weniger in der kenntnisreichen Überzeugung als im simplen Nichtwissen. So fühlen sich nach einer im vergangenen Jahr durchgeführten Eurobarometer-Umfrage nur 13 Prozent der heimischen Bevölkerung ausreichend über Fragen der Gentechnik informiert, weiß Wolfgang Wagner vom Institut für Pädagogik und Psychologie der Johannes Kepler-Universität Linz: "Es ist kein Geheimnis, dass die Österreicher zu den stärksten Ablehnern der Biotechnologie und zu den am wenigsten vorgebildeten Europäern zählen, zusammen mit Griechenland, Portugal oder Spanien."

Den großen, schwarzen Flecken auf der Landkarte des Wissens soll nun der Kampf angesagt werden: So versteht sich die Plattform "Gentechnik & Wir", ebenfalls untergebracht im Wiener BioCenter, als Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit. Gentechnische Anwendungen hätten sich vielfach etabliert, vor allem in der Medizin. Nun sei es an der Zeit, die Forschungsergebnisse der Öffentlichkeit zu erklären, meinte Professor Josef Glößl vom Zentrum für Angewandte Genetik der Universität für Bodenkultur Wien. Nach dreijähriger Tätigkeit präsentiert sich die Experten-Plattform nun in Form eines Vereins. Vier Millionen Schilling wandern von den insgesamt fünf unterstützenden Ministerien jährlich in die Vereinskassa. "Verständlich - ausgewogen - kompetent" will man über gentechnische Belange informieren. Gerade an der Ausgewogenheit haben jedoch so manche ihre Zweifel: "Wir sehen die Plattform als Speerspitze der Gentechnik-Lobby", übt Andrea Paukovits von der Umweltschutzorganisation "Global 2000" heftige Kritik. Ein Einwand, den Vereinsvorstand Glößl nicht gelten lassen will: "Die Plattform versteht sich nicht als Propaganda für diese Technologie, sondern will erklären, wie sie funktioniert." Konsumentenschutz- und Natur- oder Umweltschutzvereine sind freilich ebenso wenig Teil der Plattform wie die Industrie. Zurzeit sind überdies nur Forscher aus dem naturwissenschaftlichen Bereich vertreten, doch sollen Vertreter aus den Sozialwissenschaften oder der Theologie folgen.

Im Genrausch Ob Ausgewogenheit garantiert werden kann, wird also noch zu prüfen sein: Interessierte, Lehrer, Schüler, Journalisten oder Konsumenten haben jedenfalls die Möglichkeit, sich zu grundlegenden Fragen der Gentechnik zu informieren. Auf der Home-page (www.gentech.at) finden sich ebenso Hinweise zur jüngst beschlossenen EU-Freisetzungsrichtlinie für gentechnisch veränderte Organismen wie zu Innovationen im Bereich Medizin, zu der Stammzellenforschung wie zum Klonen. Die erste, groß angelegte Aktion ist für dieses Frühjahr geplant: So findet von 15. bis 19. Mai in Wien der Weltkongress für Humangenetik statt. 4.000 internationale Wissenschafter werden erwartet. Für Spannung, gerade angesichts der jüngst verkündeten Genomsequenzierung, ist jedenfalls gesorgt.

Stößt die Gentechnik gerade im Human-Bereich vielfach auf (berechtigte) Ablehnung, so ist sie in der Pharmaforschung nicht mehr wegzudenken. Eine regelrechte "Revolution", ja ein "Genrausch" werden im Gefolge des Human-Genom-Projekts diagnostiziert. So erwartet man sich nicht nur die Verzehnfachung der möglichen Ziele, an denen Arzneimittel wirken. Neben der enormen Beschleunigung in der Entwicklung von neuen Arzneimitteln und Therapien durch die computerisierte Auswertung von Gen- und Wirkstoff-Datenbanken geistert vor allem ein Schlagwort durch die Gazetten: Pharmacogenomics. "Bisher wurden Arzneimittel mit der Idee entwickelt, dass sie bei jedem Menschen wirken", weiß Ernst Agneter, Vorsitzender des Fachausschusses der Pharmig - der Vereinigung pharmazeutischer Unternehmen - für Forschung und Entwicklung. Regelmäßige "Therapieausreißer" würden die Mediziner jedoch allzu oft ratlos machen. "Gerade in der Schmerztherapie oder beim Abbau von Alkohol im Körper zeigt sich, dass manche Patienten nicht über gewisse Rezeptoren verfügen." Ein Gentest soll in solchen Fällen die genetischen Schwachstellen abklären und eine wirksame Behandlung möglich machen. Vom "Medikament nach Maß" für alle könne jedoch (aus Kostengründen) keine Rede sein, betont Agneter.

Trotz des wissenschaftlichen Fokus bleibe der Anteil gentechnisch produzierter Präparate (wie etwa Insulin) "sicher unter zehn Prozent", ist Helmut Bachmayer, Koordinator für Gesundheit, Sicherheit und Umweltschutz des Pharmakonzerns "Novartis", überzeugt. Im Brennpunkt des Interesses stehe vielmehr die Identifikation der genetischen Schlüsselstellen, um so zu wirksameren, meist traditionell-chemisch produzierten Arzneien zu gelangen. Euphorischer klingt dagegen die Diagnose des internationalen Biotech-Unternehmens "Baxter" mit österreichweit 2.400 Mitarbeitern: Bereits zwei der insgesamt 6,4 Milliarden Dollar Konzernumsatz würden durch gentechnisch und aus Blut gewonnene Präparate erwirtschaftet. Dieses Geschäftsfeld sei somit das am schnellsten wachsende des Unternehmens.

Doch nicht nur in der Therapie, auch in der Diagnostik spielt die Gentechnik eine immer wichtigere (und umstrittenere) Rolle: So verkündete das Krankenhaus der Elisabethinen in Linz - nach dem Vorbild ähnlicher Einrichtungen in Wien und Salzburg - die Eröffnung einer genetischen Ambulanz für Brust- und Eierstockkrebs. Nachdem sich gerade die Brustkrebs-Rate in bestimmten Familien dramatisch häuft, wurde angenommen, dass die Ursache vererbbar sei. Wahrscheinlicher Auslöser für die Krebserkrankung ist demnach eine Veränderung am Gen BRCA 1 oder BRCA 2.

Diskreter Gentest Untersuchungen haben gezeigt, dass immerhin 85 Prozent der Frauen mit einem defekten Gen bis zum 70. Lebensjahr an Brustkrebs erkranken, berichtet Primar Rudolf Leikermoser, Vorstand der Gynäkologischen Abteilung der Elisabethinen. Im Falle eines positiven Resultats des (übrigens kos-tenlosen) Gentests wird zu vermehrter Vorsorgeuntersuchung geraten. Auch die psychologische Betreuung der Patientin ist garantiert. Ist das Ergebnis negativ, bedeutet das dennoch keinen Freibrief: Für die Patientin besteht, wie für alle Frauen, das normale Brustkrebs-Risiko von 10 Prozent. Einen möglichen Missbrauch des Testergebnisses stellt Leikermoser in Abrede: "Nur die betroffene Frau bekommt die Daten, nicht einmal ihr behandelnder Arzt. Gerade in Zusammenhang mit Versicherungen muss das diskret verlaufen."

Ob Diagnose oder Therapie: Die gentechnische Forschung läuft in jedem Fall auf Hochtouren. Dass der Innovationsmotor nicht zum Stehen kommt, hat sich indes ein internationaler Unternehmensgründer-Wettbewerb zum Ziel gesetzt. "Best of Biotech" fördert innovative Start-up-Unternehmen im Bereich Biotechnologie (www.bestofbiotech.at). Das Interesse kann sich sehen lassen: 65 potentiell vermarktbare Projekte sind bis dato eingetroffen und konkurrieren um den Hauptpreis in der Höhe von 500.000 Schilling. Kein über die Maßen üppiges Entgelt - doch die Millionen liegen ohnehin anderswo.

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