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Trends für das nächste Jahrhundert

Daß viele Entwicklungen überhaupt nicht vorhersehbar sind, wird durch den Ausspruch des Präsidenten einer bekannten großen Computerfirma vor nun rund 30 Jahren deutlich, der meinte, er könne überhaupt keinen Grund dafür sehen, warum es in jedem privaten Haushalt einen Computer geben sollte. Heute findet man das komisch", meint der Physiker Anton Zeilinger, "Vater des Beamens" (siehe Interview Seite 15) zum Thema Zukunft. "Was das einfach bedeutet, ist, daß man sich die Entwicklungsmöglichkeiten offener halten muß, als man meist glaubt. Über die Zukunft kann man wahrscheinlich nur lernen, wenn man sich überlegt, wie es vor 100 Jahren ausgesehen hat und was damals vorhergesagt wurde. Und da wurden die wesentlichsten Dinge nicht einmal erahnt."

Dennoch zerbrechen sich in den letzten Jahren, ausgehend von Japan, viele Industrienationen den Kopf über mögliche Trends und Entwicklungen in den Bereichen Wissenschaft, Technik und Gesellschaft. Grund dafür ist der immer härtere globale Technologiewettbewerb. Verläßliche Prognosen über künftige Entwicklungen sind überlebenswichtig, um konkurrenzfähig zu bleiben. Publiziert werden die Ergebnisse in den "Delphi-Studien", auch "Foresight-Studien" genannt. Österreich hat ebenfalls kürzlich eine solche Delphi Studie vorgelegt (siehe Seite 14). Die Studie beschäftigt sich mit der Frage, auf welchen Gebieten Österreich in den kommenden 15 Jahren Themenführerschaft übernehmen könnte.

Weltweit als Schlüsseltechnologien für das nächste Jahrhundert gelten: Neue Medien Die Schlüsseltechnologie schlechthin in den kommenden Jahren wird unter dem Begriff "Neue Medien" zusammengefaßt: Internet, Mobiltelefone, Computer, Datenübertragung - alles, was der Kommunikation im weitesten Sinn dient. Die Kommunikationsindustrie erlebt einen Boom, der seinesgleichen sucht, in keiner anderen Branche können aus Ein-Mann-Firmen binnen kürzester Zeit Unternehmen mit Milliardenumsätzen entstehen.

* Das Mobiltelefon ist vom sündteuren Statussymbol zum billigen Alltagsgerät geworden, das quer durch alle Bevölkerungsschichten genutzt wird. Innerhalb von zehn Jahren ist die Zahl der weltweiten Handynutzer von zehn Millionen auf mehr als 200 Millionen Menschen gestiegen.

* Das Internet verzeichnet sagenhafte Zuwächse: In Europa verdoppelt sich die Zahl der Internet-Nutzer alle 14 Monate, in den USA sogar jedes Jahr. Allein in England, hat die British Telekom berechnet, entsteht alle zwei Sekunden eine neue Web-Seite - pro Woche sind das 300.000 neue Seiten. Derzeit surfen etwa 150 Millionen Menschen durchs Internet, laut Schätzungen werden im Jahr 2005 eine Milliarde Menschen regelmäßig im Netz hängen.

Was Kommunikationstechnologie angeht, leben wir in einer Pionierzeit, erklärt Peter Weibel, umtriebiger österreichischer Neue-Medien-Guru und seit kurzem Leiter des renommierten Zentrums für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe. "Fernsehen und Kino sind technische Errungenschaften des 19. Jahrhunderts, im 20. Jahrhundert erlebten sie nur ihre Standardisierung und massenhafte Verbreitung. Jetzt, am Ende des 20., entwicklen wir die Technologien des nächsten Jahrhunderts", ist Weibel überzeugt. Tatsächlich erlebt die Kommunikationstechnologie einen Durchbruch nach dem anderen. Die Beschreibung der neuesten Entwicklungen hätte noch vor wenigen Jahren nach Science-fiction geklungen.

"Konvergenz" lautet das Zauberwort der elektronischen Medien: das bedeutet das Zusammenwachsen der verschiedenen, noch sehr spezifischen Geräte. Die Entstehung eines Apparats, der alle denkbaren kommunikativen Anwendungen in sich vereint, zeichnet sich jedoch nicht ab - im Gegenteil: Obwohl Computer immer billiger und leistungsstärker werden, scheint der Siegeszug des PC ins Stocken gekommen zu sein. Zu kompliziert und zu langsam bei simplen Anwendungen sei der Allzweckrechner geworden, meinen Experten. Der Trend geht in Richtung bedienungsfreundlichere Geräte, die mehrere genau definierte Funktionen erfüllen.

* Das digitale Fernsehen erlaubt nicht nur den Empfang Hunderter Fernsehprogramme, sondern dient auch als interaktive Multimedia-Zentrale: Banküberweisungen, Reisebuchungen, Pizzabestellungen via Fernbedienung könnten schon bald möglich sein.

* Mobiltelefone werden immer mehr zu kommunikativen Universalwerkzeugen. Schon können Faxe damit gesendet werden, bald könnte man via Handy in elektronischen Zeitungen blättern oder Informationen vielfältigster Art abrufen. Der italienische Telefonbetreiber Omnitel bietet jetzt schon für 39 italienische Städte Informationen und Wegbeschreibungen für Touristen via Mobiltelefon an.

* Auf der anderen Seite wachsen Telefon und Internet zusammen. Das Internet-Telefon erlaubt einen schnellen Zugang zum World Wide Web: Auf Knopfdruck wählt es sich ins Netz ein, versendet und empfängt elektronische Post, holt Web-Seiten auf den eingebauten Bildschirm. Nebenbei dient das Gerät auch als gewöhnliches Telefon. Mitte nächsten Jahres sollen die ersten Apparate dieser Art auf den Markt kommen.

* Die verschiedenen Kommunikationsnetze werden bald zu einem einzigen verschmelzen: Je nach Verfügbarkeit werden die diversen Kommunikationsgeräte in Festnetze, Mobilfunk oder Satellitenübertragung einklinken können.

Noch steht vieles in den Sternen: Welcher Zugang wird zum Haupteingangstor in die schöne neue Multimedia-Welt: Computer, Fernseher oder eine Mischform? Welchen Weg nehmen Telefonate in Zukunft? Über das Internet zum Ortstarif in die ganze Welt oder führen die Telefonnetzbetreiber neue Formen der Abrechnung ein: in Rechnung gestellt wird die übertragene Datenmenge, was die Preise für herkömmliche Ferngespräche ins Bodenlose purzeln lassen würde?

Auch die gesellschaftlichen Auswirkungen sind nicht abzusehen. Wird eine globale Zwei-Klasssen-Gesellschaft entstehen: eine Info-Elite und eine Masse von Info-Habenichtsen? Wie wirkt sich die Informationsschwemme auf jene Kinder aus, die darin groß werden? Lernen sie damit umzugehen oder werden sie, wie Pessimisten argwöhnen, zu dumpfen Kreaturen, die hilflos im Informationsstrom treiben?

Doch Vorsicht vor soziologischen Prognosen! Vor Jahren noch, als das Fernsehen als das gesellschaftsprägende Medium galt, prophezeiten viele, daß Bilder das geschriebene Wort in vielen Lebensbereichen verdrängen würden. Ein Irrtum. Franz Manola, Chef von ORF-Online: "Niemand hätte gedacht, daß ein Medium, das so stark auf dem Alphabet beruht wie das Internet, so boomen wird."

Biotechnologie und Gentechnik Die Bio- und Gentechnologie gilt neben der Computer- und Kommunikationstechnologie als weiterer wichtiger Zukunftsmarkt. Die Entwicklungen sind atemberaubend, sei es auf dem Gebiet der Medizin oder in der Landwirtschaft. Die Zahl der entschlüsselten und wirtschaftlich genutzten genetischen Informationen wird sich in Zukunft alle ein bis zwei Jahre verdoppeln. Es entsteht ein neuer Industriezweig, die "Life-Science".

Bereits in drei bis vier Jahren wird die gesamte Sequenz des menschlichen Genoms entschlüsselt sein. Die Entstehung zahlreicher Krankheiten, von Alzheimer bis Krebs, können vorhergesagt und in späterer Folge vermutlich auch behandelt werden. "Auf Genanalysen basierende Methoden zur Vorhersage des individuellen Erkrankungsrisikos bei genetisch (mit)bedingten Krankheiten wie Krebs oder Bluthochdruck werden mittelfristig weit verbreitet sein (2006 bis 2013)", prognostiziert der deutsche Delphi-Bericht, eine im Vorjahr erstellt Studie zur globalen Entwicklung von Wissenschaft und Technik.

Der Erforschung von Krankheiten, die heute als unheilbar gelten oder bestenfalls symptomatisch behandelbar sind, wird in den nächsten Jahren höchste Priorität eingeräumt. Hierzu zählen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Stoffwechselstörungen wie Diabetes oder Gicht, Erkrankungen des Gehirns und des Nervensystems, Immunkrankheiten und Infektionskrankheiten wie AIDS oder Hepatitis C. Die Verwendung von künstlichem Blut und der breite klinische Einsatz von Gentherapie werden für möglich gehalten. Sogar die genetischen Grundlagen des Alkoholismus werden aufgeklärt (2010 bis 2019).

Der Anteil an gentechnisch hergestellten Medikamenten auf dem Weltpharmamarkt liegt derzeit bei sechs Prozent, bis zum Jahre 2000 soll er auf 16 Prozent steigen.

Auch in der Landwirtschaft ist der Einsatz der Gentechnik nicht mehr aufzuhalten. Gentechnisch veränderte Pflanzen werden heute weltweit bereits auf einer Fläche angebaut, die der Größe Österreichs und der Schweiz entspricht. Nach 2006, prognostiziert der deutsche Delphi-Bericht, werden transgene Pflanzen mit verbessertem Spektrum der Inhaltsstoffe für die Futter- und Nahrungsmittelproduktion breit eingesetzt werden.

Nanotechnologie Die Nanotechnologie wird von einigen Wissenschaftern immer öfter als eine dominante Schlüsseltechnologie des nächsten Jahrtausends bezeichnet, mit der eine industrielle Revolution eingeläutet wird. Visionäre sehen bereits winzige Roboter in der Größe von Viren, die im menschlichen Körper beschädigte Gewebe reparieren oder Tumorzellen entfernen und die selbst wiederrum neue Maschinen erzeugen. Mit dieser Präzisionstechnik könnten beliebige Materialien Atom für Atom zusammengesetzt werden. Denn die Nanotechnologie arbeitet mit unvorstellbar kleinen Maßeinheiten. Die Einheit "Nano" kommt aus dem griechischen und bedeutet Zwerg. So beträgt etwa der Durchmesser eines Kohlenstoffatoms 0,15 Nanometer.

Die Nanotechnologie könnte etwa die Computertechnologie revolutionieren, denn je kleiner der Maßstab wird, auf dem Moleküle manipuliert werden, desto leistungsfähigere Computer können konstruiert werden.

Nanotechnologie könnte universell eingesetzt werden: In der Optik, Sensorik, Robotik, Prozeßtechnik, Biotechnologie und Umwelttechnik kann sie völlig neue Wege eröffnen.

Von diesen Visionen ist die Wirtschaft derzeit noch sehr weit entfernt, hingegen sind etwa Oberflächenhärtungsverfahren für Windschutzscheiben auf Basis der Nanotechnologie und Farben, in denen Nanopartikel verwendet werden heute schon üblich.

Energiegewinnung Erneuerbare Energiequellen werden nach Einschätzung von Fachleuten der deutschen Delphi-Studie erst zwischen 2015 und 2025 die Zehn-Prozent-Marke überschreiten. Möglich wird dies durch die verstärkte Nutzung von Windenergie, aber auch durch eine effizientere Energiegewinnung aus Biomasse. Mit kaltgepreßtem Pflanzenöl angetriebene Dieselmotoren werden für viele Anwendungen vor 2015 einsetzbar sein. Die Elektrizitätsgewinnung aus den Temperaturunterschieden des Meerwassers und der Wellenenergie wird unter Experten ebenfalls diskutiert.

Generell wird das Potential von erneuerbaren Energiequellen aber eher gering eingeschätzt. Auch Physiker Zeilinger ist überzeugt, daß die Energiegewinnung durch Erdwärme, Sonnen- und Windenergie auch künftig nur Nischentechnologien bleiben (siehe Interview Seite 15).

Ein Hoffnungsgebiet bei der Energiegewinnung war lange Zeit die Kernfusion. Dabei verschmelzen Atomkerne, genauso wie in unserer Sonne. Gelänge es, die Kernfusion kontrolliert ablaufen zu lassen, wäre die Energieversorgung der Menschheit ein für allemal gesichert. Denn der dafür benötigte Brennstoff wird aus Wasser gewonnen - und das ist reichlich vorhanden. Aber auch dieser viel bejubelten Technik räumen Wissenschafter in den nächsten Jahrzehnten kaum Realisierungschancen ein.

Zum Dossier Was kommt auf uns zu? Welche Technologien spielen dabei eine entscheidende Rolle? Die Zukunft vorherzusagen ist schwer. Dieser Meinung schloß sich bereits Karl Popper an, als er meinte: "Über die Zukunft können wir nichts wissen, denn sonst wüßten wir es ja ..." Dennoch zeichnen sich bereits heute gewisse Trends und Schlüsseltechnologien für das nächste Jahrhundert ab.

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