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Digital In Arbeit

Eine elektronische Überflußgesellschaft?

Die Kommunikation durch Direktsatelliten wird sich unter sehr unterschiedlichen Existenzbedingungen entwickeln. Wir müssen hier zumindest vier große Zonen unterscheiden:

Große Länder und Kontinente der Industriewelt mit keinen oder wenigen Staatsgrenzen. Typus USA, Kanada, Australien. Sie sind in jeder Beziehung das ideale Anwendungsgebiet für dieses Supermassenmedium. In diesen Räumen ist der Satellit jedenfalls billiger, mobiler, schneller installierbar als terrestrische Netze. Es ist Infrastruktur vorhanden und der Markt, der die Innovation finanziert. Die Finanzierung ist ein normales unternehmerisches Problem, die völkerrechtlichen Differenzen und die medienpolitischen Glaubenskriege europäischer Machart finden hier nicht statt.

Amerikanische Gesprächspartner reagieren nach dem alten Witz: „Ihre Sorgen möchte ich haben!" (Anmerkung am Rande: Ich habe lieber unsere Sorgen als das amerikanische Fernsehen.)

Bringt der Direktsatellit in den hochentwickelten Industriestaaten quasi die Luxuskommunikation, so ist er in den Ländern der Dritten und Vierten Welt (wenn sie ausreichend groß sind) sicher der beste Weg zur Basiskommunikation, zumal dort die terrestrische Alternative meist nicht existiert.

Angesichts der fundamentalen Bedeutung von Erziehung, Ausbildung und Information in diesen Ländern, eröffnen sich hier möglicherweise revolutionäre Möglichkeiten der Entwicklungshilfe. Mangels Infrastruktur, Soft- und Hardware kommt aber zu allen finanziellen und technischen Problemen noch die Gefahr des Identitätsverlustes.

Die staatlichen Multis aus dem Osten und die privaten aus dem Westen, Ideologie und Business, könnten hier zu einem verheerenden Konkurrenzkampf antreten. Nach dem Motto Marx oder Marx-Brothers.

Die zweite, die kommunistische Welt sieht den Satelliten vornehmlich unter zwei Aspekten: Einmal als großartiges Instrument staatlicher Informationsund Kulturpolitik, als die denkbar taugliche Galaxy sowjetischen Hegemoniestrebens. Zum anderen der Kampf gegen den spill over (seine „Uberreichweite", Anm. d. Red.), woher immer er stammen möge, ein Kampf, der auf Dauer nicht zu gewinnen ist.

Im freien Europa sind die national-staatlichen Rundfunkordnungen nicht eben satellitenfreundlich. Die höchstkultivierte Rundfunklandschaft der Welt weiß im Augenblick noch nicht viel mehr als der österreichische Nationaldichter Johann Nestroy, als er in seinem Stück „Lumpacivagabundus" feststellte, daß „der Komet kommt".

Der Komet kommt schon in der Hälfte dieses Jahrzehnts, bisher hat aber meines Wissens noch niemand in den mit je fünf Fernsehkanälen beteilten europäischen Staaten eine Satellitenlizenz erhalten.

Angesichts der Vorlaufzeit von derzeit noch sechs bis acht Jahren kann ein Bewerber, der sich heute entschließt, erst gegen Schluß des Jahrzehnts in der Luft sein.

Von den fünf bis zur Stunde bekannten Projektanten - dem deutschfranzösischen TV-SAT, dem skandinavischen Nord-SAT, dem L-SAT der europäischen Raumfahrtbehörde, den Luxemburgern und dem schweizerisch-britischen TEL-SAT - ist nur der Start der Deutschen Ende 1983 und der Franzosen 1984 sicher, soweit in dieser Zunft irgendetwas sicher ist.

Die Bundesrepublik wird also vermutlich den ersten Direktsatelliten betreiben; angeblich wird das Programm von den beiden öffentlich-rechtlichen Anstalten gestellt, eine Zusage gibt es meines Wissens noch nicht, auch keine Entscheidung, wer sonst die Programme stellen könnte; und das ist meiner Meinung nach recht typisch für die von Ingenieuren, Postlern und Medienpolitikern beherrschte Kommunikationslandschaft.

Kommerzielle Satelliten-Europäer finden dank des spill over zwar Bevölkerungspotentiale von US-Ausmaßen vor, ein Markt ist das freilich erst, wenn es genügend Haushalte mit Empfangsausrüstungen für den Direktsatelliten gibt. Der nach meinem Dafürhalten gescheiteste europäische Rundfunkkaufmann, Generaldirektor Grass von Radio Luxemburg, läßt sich daher auch keine grauen Haare wachsen, weil er beim deutsch-französischen Satelliten nicht mitfahren darf; die Luxemburger Entscheidung hängt ausschließlich davon ab, ob der Markt Abschreibung und Betrieb ausreichend schnell finanziert. Und da steht außer Frage, daß der Direktsatellit die meisten Chancen hat, wenn er möglichst indirekt kommt: Uber die leistungsfähigere, aber für den einzelnen billigere Gemeinschaftsantenne und über die Kabelsysteme. Da man bis zur Mitte des Jahrhunderts damit rechnet, daß etwa 50 Prozent der mittel- und westeuropäischen Fernseh- Haushalte über Kabelsystem oder Gemeinschaftsantennen versorgt werden, dürften die Marktchancen günstiger stehen als noch vor kurzem erwartet. Um es bei dieser Gelegenheit auch noch schnell zu erwähnen: Die oft gestellte Frage Satellit oder Kabel stellte sich ja nie. Ebenso unsinnig ist die Frage nach dem Weiterbestand terrestrischer Senderketten. Abgesehen vdn der Tatsache, daß man sie hat, sind sie aus vielen Gründen unersetzbar. Einer der wichtigsten davon ist die weltweite Tendenz zu Regional- oder Lokalrundfunk.

Nicht von ungefähr komme ich erst gegen Ende zum Thema Programm. Das ist nämlich die unaufregendste Seite am Direktsatelliten. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, kann er inhaltlich nichts anderes als jeder herkömmliche Sender. Das Medium heißt Radio und Fernsehen, egal wer es abstrahlt; die Medienrevolution war das erste öffentliche Fernsehprogramm und ist nicht der Satellit. Der Direktsatellit ist vornehmlich eine quantitative Innovation; ob daraus der qualitative Sprung wird, steht hier tatsächlich in den Sternen.

Die Ausnahme, wo der Satellit prinzipiell mehr und anderes kann und nicht nur mehr bringt, liegt in seiner grenzüberschreitenden Qualität. Erstmals wäre zum Beispiel ein Europaprogramm möglich, vor allem dann, wenn pro Fernsehkanal drei Tonkanäle - und damit ein dreisprachiges Programm -zur Verfügung stehen, woran gearbeitet wird.

Ich möchte zusammenfassen: Bis zum heutigen Tag wurde noch kein Rundfunksatellit nach den Bestimmungen der WARC 1977 (Welt- Radiokonferenz, Anm. d. Red.) gebaut, diese Bestimmungen werden jedoch die Satellitenlandschaft bis zur Jahrtausendwende prägen. Die Empfangsmöglichkeiten müssen aus der (ungewissen) Sicht der Jahre ab 1984 (deutscher und französischer Satellit im All) beurteilt werden: Die Empfangsanlagen werden bessere Eigenschaften haben, als aus dem Kenntnisstand der siebziger Jahre vorauszusehen war. Die inneren wie die äußeren Ausleuchtzonen werden größer sein.

Bis 1984 werden etwa 50 Prozent aller Haushalte der mittel- und westeuropäischen Länder an kleinere oder größere Gemeinschaftsantennen angeschlossen sein. Sie sind die Marktvoraussetzung für den Direktsatelliten. Es sind sogar Impulse für die Errichtung neuer und größerer Gemeinschaftsantennen- und Kabelverteileranlagen zu erwarten; diese Prognosen erfolgen allerdings ohne Kenntnis des Zustandes, daß Mitte der achtziger Jahre möglicherweise flache Antennen zu konkurrenzfähigen Preisen auf den Markt kommen werden. Das wiederum würde die Verbreitung von Individualantennen begünstigen.

Die tatsächliche Bereitschaft der Fernsehteilnehmer, Investitionen für den Empfang von Satellitenprogrammen vorzunehmen, wird sich an der Attraktivität der angebotenen Programme entscheiden. Die bis heute bekannten Planungen in Europa sind mit Ausnahme der kommerziell ausgerichteten Projekte Luxemburgs und der schweizerischen TEL-SAT-Gruppe überwiegend technischer Natur. Staatliche Organisationen einschließlich der nationalen Rundfunkanstalten darf der spill over der Programmabstrahlung ins Ausland sozusagen nicht interessieren, während sich kommerzielle Gesellschaften nur dafür interessieren.

Im Verlauf der zweiten Hälfte der achtziger Jahre hat jede nationale Rundfunkanstalt Uber das Kabelfernsehen hinaus mit einer Vervielfachung konkurrierender Fernsehangebote zu rechnen. Jede Rundfunkanstalt wird Seher (Reichweite) im Inland verlieren, kann aber Seher im Ausland gewinnen; wer auf die Möglichkeiten des Satellitenrundfunks verzichtet, muß zwar das Einfließen fremder Programme (fremder Information, fremder Kultur) ins' eigene Land in Kauf nehmen, verzichtet aber, sich selbst vice versa beim Nachbarn Geltung zu verschaffen.

Marshall McLuhans Zauberformel „Das Medium ist die Botschaft" gewinnt einen kosmischen Resonanzboden. Der nationale Sichtfunk Fernsehen tritt in seine internationale Phase ein, die elektronische Uberflußgesellschaft steht vor der Tür.

Aus einem in Linz vor Medienfachleuten gehaltenen Vortrag des ORF-Generalintendanten. t

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