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Digital In Arbeit

TV als Nahsehen

Fernsehen: das Medium, das die große Welt ins Zimmer transportiert! In Pantoffeln schauen wir zu, wie der erste Mensch den Mond betritt und auf der anderen Hälfte des Globus die olympische Flamme entzündet wird.

Kann damit der große Traum von der Einheit und der Verbrüderung der Menschheit leichter, besser, rascher verwirklicht werden?

Nach einem Vierteljahrhundert Fernsehen deutet vieles darauf hin, daß zunächst einmal das Gegenteil der Fall ist. Die große Welt, die uns das TV ins Haus liefert, besteht vor allem aus Hunger, Elend, Terror, Krieg. Damit aber wollen wir nicht belästigt werden und schalten lieber ab und um.

Das Interesse am Anschluß an Kabel, die deutsche TV-Programme auch in bisher unerschlossen gebliebene Gebiete Österreichs transportieren, hält sich in Grenzen. Viele Leute sagen: Die Filme, die man in ARD und ZDF zu sehen bekommt, liefen schon bei uns oder werden demnächst im ORF zu sehen sein. Zusätzliche Nachrichten oder Weltmagazine aber brauch' ich nicht...

Ähnlich dürfte es sein, wenn 1984 der erste deutsche Kommunikationssatellit TV-Programme abzustrahlen beginnen wird.

Deshalb sind die Kabel-TV-Gesellschaften naturgemäß daran interessiert, möglichst bald das Recht zu erhalten, eigene Programme zu produzieren. Welche Programme aber werden sie, sollte das staatliche Sendemonopol zu Fall kommen, voraussichtlich machen?

Berichte über die „Grüne Revolution" in Indien? Uber das Leben der Kurden in Iran, Irak und Türkei? Flüchtlingsreportagen aus Thailand und Interviews aus Simbabwe?

Mitnichten. Sie werden lokale Fußballspiele, Volksfeste, Konzerte aus der Landeshauptstadt, Bürgermeisterinterviews und Amateurshows bringen. Denn wenn überhaupt noch irgendwo eine TV-Bedarfslücke klafft, dann im, lokalen und regionalen, sicher nicht im internationalen Bereich.

Nicht einmal im nationalen. Wenn das ORF-Monopol fallen sollte, könnte ein drittes nationales, also österreichweites Fernsehprogramm durch Errichtung eines dritten Kanals auf der Basis einer noch freien Sendefrequenz („FS 3") errichtet werden. Der Bundeskanzler hat, wie man weiß, die Zeitungsherausgeber und -Verleger dazu eingeladen.

Diese wollen in Kürze einen Vorschlag machen, weil sie auf keinen Fall dem Regierungschef wie 1972 einen Vorwand liefern wollen, das Angebot zurückzunehmen. Aber ob wirklich ein brauchbares FS-3-Modell dabei herauskommen wird, ist offen. Jeder weiß: Fernsehen kostet Geld, viel Geld.

Finanzfachmann Helmut Lenhardt („Telebild") rechnete kürzlich bei einem Podiumsgespräch der International Advertising Association in Wien vor, daß der ORF derzeit für eine gute 90-Minuten-Unterhaltungssendung (Spielfilm o. ä.) rund 100.000 Schilling auf den Tisch legen muß.

Soll FS 3 qualitativ mit FS 1 und FS 2 konkurrieren können, wären das 100.000 mal 365 oder 36,5 Millionen Schilling im Jahr - für 90 Sendeminuten. Für eine drei- oder vierfache Zeit müßte das Drei- bis Vierfache aufgebracht werden: also über 100 Millionen Schilling im Jahr - von den erforderlichen Erstinvestitionen ganz zu schweigen.

Es ist daher durchaus denkbar, daß letzten Endes als Alternative zum nationalen Monopolfernsehen ein regionales und lokales Fernsehen herauskommt - produziert von Landesgesellschaften, in denen Vertreter des jeweiligen Bundeslandes, einiger größerer Gemeinden, vielleicht auch der Parteien und Kammern, natürlich auch der regionalen Zeitungsverlage sitzen.

Der Kulturauftrag für ein solches lokales und regionales Fernsehen ist durchaus gegeben. Außerdem hätte es auch gar keinen Sinn, ein Volk mit Weltnachrichten aus Kabeln und Satelliten zu bombardieren, für die kein Interesse besteht.

Trotzdem bleibt die Aussicht betrüblich, daß der zweite Schritt des Fernsehzeitalters nicht in die Weite, sondern in die Enge zu führen scheint. DaßFernsehen zum Nahsehen, Nabelsehen, Auf-die-eigene Nase-Sehen zu werden droht.

Ein großes, weites Aufgabenfeld für die Erzieher unseres Landes - also auch für die Kirche. Sie muß sich von dem Auftrag, „in alle Welt zu gehen" und die Frohbotschaft zu verkünden, besonders herausgefordert fühlen.

Deshalb ist zu hoffen, daß die Bemühungen gerade im kirchlichen Bereich, die Menschen für die „große Welt" zu interessieren und in eine breite Solidaritätsfront der Mitmenschlichkeit einzubinden, noch verstärkt werden. In puncto Entwicklungspolitik haben schon in den vergangenen Jahren katholische Organisationen mehr als irgend jemand anderer in diesem Land geleistet.

Wie aber kann die Kirche zu mehr Weltverantwortung erziehen? Auch wieder nicht zuletzt durch die elektronischen Medien Hörfunk und Fernsehen.

Eigene Sender, wie sie die Kirche in anderen Ländern unterhält, kommen wohl kaum in Frage, obwohl eines nicht vergessen werden sollte: Die freie Sendefrequenz, auf der mit viel Geld ein zusätzlicher Fernsehkanal errichtet werden könnte, würde statt dessen auch 15 bis 20 neue Hörfunkkanäle für viel weniger Geld möglich machen was sicher alle Interessenten eines privaten Fernsehens in ihre Überlegungen mit einbeziehen werden.

Was immer geschehen wird: Die Kirche muß für die neuen elektronischen Medien - privates Radio oder Fernsehen, Kabel-Fernsehprogramme, Einmietung in Satelliten, aber auch Tele-text, Bildschirmzeitung, Bildschirmtext (Viewdata), Bild-Ton-Platte und Bildkassette - gerüstet sein.

Kürzlich berieten darüber Vertreter katholischer Verlage und andere Medienexperten in einer Veranstaltung des Clubs (M), des Vereins zur Förderung christlicher Medienarbeit. Niemand widersprach Styria-Generaldirektor Hanns Sassmann, als dieser die Auffassung vertrat, die Kirche müsse sich „angstfrei und positiv" auf die neuen Möglichkeiten einstellen.

Das gilt für die Technik, es gilt aber auch für die Inhalte. Die über uns hereinbrechende „öffentliche Sprache" wird noch lauter, komplexer, für viele verwirrender werden. Auch hier könnte Wahrheit Klarheit schaffen.

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