Wo die Fußball-WM läuft

1945 1960 1980 2000 2020

Die öffentlich-rechtlichen Sender Deutschlands sind in der Defensive. Seit 1984, der Privat-TV-Einführung, sinken die Quoten, auch wenn die ARD zur Zeit führt.

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Die öffentlich-rechtlichen Sender Deutschlands sind in der Defensive. Seit 1984, der Privat-TV-Einführung, sinken die Quoten, auch wenn die ARD zur Zeit führt.

Zuletzt war König Fußball daran schuld, dass über ARD und ZDF, die beiden öffentlich-rechtlichen Programme in Deutschland, wieder einmal heftig gestritten wurde. Immer noch nicht ist vollständig gesichert, dass die nächsten beiden Fußballweltmeisterschaften von allen Zuschauern mitverfolgt werden können und nicht nur im Pay-TV zu sehen sind. Warum aber sollte man für das Fernsehen "Zwangsgebühren" zahlen, so äußert sich Volkes Zorn, wenn die Wettkämpfe 2006 im eigenen Land nur mit Decoder und gegen spezielle Bezahlung zu sehen sind.

Immerhin fast 32 Mark, umgerechnet gut 220 Schilling, müssen inzwischen alle deutschen Haushalte, die ein Fernsehgerät besitzen, jeden Monat an die Gebühreneinzugszentrale (GEZ) zahlen - unabhängig davon, ob dann die auf diese Weise maßgeblich finanzierten öffentlich-rechtlichen Sender oder nicht doch private Fernsehprogramme wie RTL, SAT.1 und ProSieben eingeschaltet werden, von einem gesonderten Abonnement beim Sender Premiere einmal ganz abgesehen.

In regelmäßigen Abständen geraten ARD und ZDF in der medienpolitischen Diskussion in die Defensive, weil von allen bezahlt werden muss, was längst nicht mehr alle sehen wollen. Seit der Einführung des Privatfernsehens in Deutschland im Jahr 1984 sind die Quoten der Öffentlich-Rechtlichen kontinuierlich gesunken. Derzeit liegt die ARD zusammen mit RTL beim Marktanteil zwar wieder vorne. Der Kuchen aber ist inzwischen auf so viele Sender aufzuteilen, dass beiden im Jahr 2000 nicht mehr als 14,3 Prozent der Zuschauer blieben. Das ZDF liegt mit einem Wert von 13,3 Prozent dahinter auf Platz drei, SAT.1 kommt immerhin auch über die 10 Prozent-Schwelle.

Nicht zuletzt im Umfeld der im vergangenen Jahr stattfindenden Feierlichkeiten zum 50-jährigen Jubiläum der "Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland" (ARD), die zusammen auch 54 Radiokanäle ausstrahlen, wurde angesichts dieser Verhältnisse kritisiert, dass die Öffentlich-Rechtlichen sich in ihrer Programmgestaltung zu sehr von den Privaten beeindrucken ließen und den empirisch messbaren Zuschauergeschmack im Vergleich zum gesetzlichen Auftrag zu stark gewichteten. Tatsächlich haben Formate wie die Vorabendserien, die Welle der Talk- oder jetzt der Quizshows und nicht zuletzt Big Brother die Programmmacher gehörig unter Druck gesetzt - auch wenn man zuletzt am Riesenflop Girlscamp (SAT.1) sehen konnte, dass nicht alle Reality-Soaps Selbstläufer sind.

Den vor allem auf Sportübertragungen und Unterhaltung getrimmten Programmen der kommerziellen Sender steht jedoch bei den Öffentlich-Rechtlichen der Anspruch gegenüber, zusätzlich auch Information, politische Bildung und Kultur zu senden. Dass dies auch weiterhin mit Erfolg geschieht, belegt nicht nur die große Akzeptanz der Nachrichtensendungen wie der Tagesschau (ARD). Sie ist als Institution in der deutschen Fernsehlandschaft anerkannt, während den Nachrichten der Privatsender kaum Vertrauen entgegengebracht wird.

Auf der anderen Seite war in den vergangenen Jahren auch zu beobachten, dass politische Magazine, Sendeplätze für Dokumentationen und anspruchsvolle Spielfilme zunehmend ans Ende des Fernsehabends verlegt, wenn sie nicht ganz gestrichen wurden. Währenddessen wird mit dem Hinweis auf die allgemein erhobenen Gebühren zur Primetime die nächste Volksmusikparade gesendet, die offensichtlich ihr Publikum eher findet.

Themen werden weich Gerade nachdem das ZDF-Magazin Kennzeichen D vor einigen Monaten eingestellt wurde, hat sich eine Debatte entzündet, ob sich das Fernsehen "entpolitisiert" habe, wie Bundestagspräsident Wolfgang Thierse kritisierte. Interne Strategiepapiere öffentlich-rechtlicher Sender, auch "weichere" Themen im Sinne des Boulevard-Fernsehens stärker mit einzubeziehen, wurden als "Süßstoff-Offensive" verspottet; mehrfach wurde davor gewarnt, statt auf Information vor allem auf Infotainment zu setzen.

Immerhin gibt es mit den so genannten Dritten Programmen, die die zehn ARD-Anstalten mit starken regionalen Schwerpunkten gestalten, sowie den Spartenkanälen arte (in Kooperation mit Frankreich), 3sat (zusammen mit Österreich und der Schweiz), dem Kinderkanal und dem noch relativ jungen Dokumentationskanal Phoenix Refugien für Sendeformen, bei denen nicht gleich Millionen zuschauen müssen.

Der Grundstein für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland wurde nach dem Zweiten Weltkrieg gelegt, als man - auch auf Wunsch der alliierten Siegermächte -wegen der mehr als schlechten Erfahrungen mit der Propaganda der Nationalsozialisten keinen Staatsrundfunk wollte. Radio und Fernsehen sollten vielmehr von allen "gesellschaftlich relevanten" Gruppen mitverantwortet werden.

Jeder Sender der ARD, wie auch das seit 1963 sendende Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF), hat deshalb einen Rundfunkrat, in dem sowohl Vertreter der Parteien als auch beispielsweise der Kirchen und der Gewerkschaften sitzen. Entschieden wird dort über wichtige Personalbesetzungen, wie etwa die Wahl des Intendanten. Ebenso kann über einzelne beanstandete Sendungen diskutiert werden.

Zur Einführung des privaten Rundfunks in Deutschland kam es in den achtziger Jahren auf Betreiben der christlich-demokratischen Parteien, die eine zu große Parteilichkeit vor -allem der ARD beklagten. Deren Journalisten galten als "linkslastig". Von Medienkonzernen finanzierte Fernsehprogramme, so glaubte man, kämen der eigenen Sicht der Dinge näher. Heute ist hingegen offenkundig, dass sich rein auf Profit ausgerichtete Sender vor allem an dem orientieren, was die Masse sehen will: eben leichte Unterhaltung und Sport.

Im Falle der Kosten für entsprechende Übertragungsrechte hat dies zu einer Inflation geführt, die möglichst viel Werbung im Programm notwendig macht - wobei die Grenzen der Zumutbarkeit bereits berührt sind. Die Sendung ran (SAT.1), erste Adresse für die Berichterstattung in Sachen Fußballbundesliga beispielsweise, hat unter anderem deshalb mit einem Zuschauerschwund zu kämpfen, weil der eigentliche Spielbericht gegenüber den unterschiedlichen Formen der Werbung immer weniger Gewicht hat.

Nicht selten bewegt sich ein Sender hier auch am Rande der Legalität. An sich werden Programm und Werbezeiten zwar von derjenigen Landesmedienanstalt, auf deren Terrain der Sender seinen Sitz hat, kontrolliert. Weil aber Fernsehsender nicht nur in den Städten wie Köln oder München zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor und Arbeitgeber geworden sind, kommt man von Seiten der Bundesländer den Konzernen gelegentlich entgegen, wie Siegfried Weischenberg, Professor für Kommunikationswissenschaften und Vorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbands immer wieder kritisiert. Im Wesentlichen handelt es sich in Deutschland um die Kirch-Gruppe (SAT.1, ProSieben, Kabel 1, N 24) und den Bertelsmann-Konzern (RTL, RTL II, Super RTL, Vox).

Bei den Öffentlich-Rechtlichen führt das Drehen an der Preisspirale durch die private Konkurrenz inzwischen auch zu Eingriffen in die bisherige Organisationsstruktur. Erst 1998 sind der Süddeutsche Rundfunk (SDR) und der Südwestfunk (SWF) zum Südwestrundfunk (SWR) verschmolzen. Gerade kleine Anstalten wie Radio Bremen haben um ihre Existenz zu kämpfen und zunehmend gehen die Sender dazu über, mit eigenen Produktionsfirmen zu arbeiten oder sich gleich des freien Marktes zu bedienen.

Mit Blick auf die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland wird schließlich darüber gestritten, ob es erlaubt sein soll, Online-Dienste als "dritte Säule" neben Radio und Fernsehen zu begreifen. Gerade um die jüngeren Zuschauer besser ansprechen zu können, wäre dies unabdingbar. Währenddessen sehen die kommerziellen Konkurrenten hier eine Wettbewerbsverzerrung, weil die Neuen Medien nicht zum Auftrag einer gebührenfinanzierten Grundversorgung gehörten. Auf welche Weise die Fußballweltmeisterschaft im Jahr 2006 von den Deutschen selbst verfolgt werden kann, ist auch aus diesem Grund noch völlig offen.

Der Autor ist Redakteur der Herder Korrespondenz/Freiburg i. Br.

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