Geld für mehr Qualität

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Statt den ORF zu reformieren, hält sich die Politik einmal mehr mit Personal-Ratespielen auf.

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Statt den ORF zu reformieren, hält sich die Politik einmal mehr mit Personal-Ratespielen auf.

Anderswo grassieren zur Zeit Spekulationen und Vorahnungen zum Ausgang der Fußballweltmeisterschaft: Wer ist Favorit, wer hat Chancen, wer wird verlieren?

Obwohl obiges Thema auch hierzulande von Bedeutung ist (immerhin darf die Nationalelf ja in Frankreich an den Start), gibt es ein heimisches Ratespiel, das nicht minder amüsant ist und noch mitten in die Fußball-WM hineinreicht. Das - auch alle vier Jahre stattfindende - Turnier heißt: Wer wird in Zukunft den ORF führen?

Kaum eine mögliche Ratevariante tauchte in den letzten Wochen nicht auf. Jedenfalls wurde beinahe jeder Name, der zum Thema paßte, für einen Spitzenposten bei der heimischen Anstalt genannt. Und weil Intrige und Postenschacher ein beliebter Sport sind, fliegen seit der vorösterlichen Ankündigung Gerhard Zeilers, nicht mehr als Generalintendant zu kandideren, die Versprechungen. Und die Hackeln.

Wenn es nicht um die Substanz des ORF - und somit um eine gesellschaftspolitische Fragestellung - ginge, wäre das Ratespiel als Teil österreichischen Lokalkolorits abzutun. Zusätzlich fällt auf, daß die kolportierten Kandidaten für den Generalintendanten - Peter Radel, Gerhard Weis und vielleicht noch Kurt Bergmann - ältere Herren sind, alte Haudegen, die im ORF schon seit Jahrzehnten aus- und eingehen.

Es zeigt sich also schon rund um die Kandidatensuche (die in Österreich auch eine Kandidatenbesudelung und -verhinderung ist), daß bestenfalls irgendeine Form der Kontinuität zu erwarten ist, jedenfalls aber keine Weichenstellung für Österreichs mediale Zukunft.

In Wirklichkeit ginge es aber genau um diese. Die Politik benutzt ihr Zugriffsrecht auf den ORF jedoch für lähmende Spiele, bei denen nur um Personen gefeilscht wird; die Inhalte bleiben auf der Strecke: Seit langem wird über eine ORF-Reform geredet, politische Entscheidungen dazu sind nicht in Sicht. Allein dies macht es verständlich, daß sich die Begeisterung, für ORF-Spitzenpositionen zu kandidieren, in Grenzen hält.

Es ist klar, daß die Personalentscheidung fallen muß. Aber die viel wichtigeren Fragestellungen lauten: Wozu ist der ORF notwendig? Braucht man ein öffentlich-rechtliches Medium? Welche Rahmenbedingungen stellt die Gesellschaft (mittels der Politik) dafür auf?

Die Ära Zeiler war für den ORF wichtig, denn der derzeitige Generalintendant führte die Anstalt aus dem endenden Monopolistendasein in Richtung Kommerzprogramm. Das trug dem künftigen RTL-Chef viel Kritik ein. Der Weg war aber konsequent: ORF 1 wurde ein Mainstream-Kanal, wie er auch im Kommerz-TV programmiert würde. Bestes Beispiel dafür ist die Kontroverse in Bayern, wo ORF 1 auch im Kabel zu empfangen war: Auf Druck der Privaten zog sich ORF 1 aus Bayern zurück, weil viele Seher das österreichische Programm vorzogen: Im Prinzip gab es hier dasselbe wie bei den Kommerzsendern zu sehen, allerdings ohne lästige Werbeunterbrechungen... ORF 2 wurde unter Zeiler zum Österreichsender - mit vielen Ideen und Formaten, die (von "Zur Sache" bis "Vera") von deutschen Vorbildern kopiert wurden. Viele kritisierten das Programmkonzept dahingehend, daß die Qualität den Einschaltziffern untergeordnet wurde.

Das Wort der Ära Zeiler lautet "Quote": Hier ist der ORF erfolgreich. Kritik, die diesen Erfolg wegreden will, greift zu kurz. Aber nach den Erfahrungen des vorwiegend an Marktbedürfnissen orientierten ORF wäre es an der Zeit, das Konzept öffentlich-rechtlichen Rundfunks seriös zu diskutieren.

Vor allem anderen sind hierbei Eckpunkte zu formulieren, um den ORF in der Medienlandschaft zu positionieren: * Österreich benötigt den öffentlich-rechtlichen ORF. Im europäischen Konzert ist Österreichs Stimme schwach, heimische Printmedien sind außerhalb der Landesgrenzen nicht vorhanden. Angesichts der Dominanz deutscher Medienunternehmen ist auch nennenswerte österreichische Präsenz beim Privat-TV nicht denkbar. Und die Verwechselbarkeit der neuen Privatradios zeigt ebenfalls, daß öffentlich-rechtlicher Funk, der nicht nur auf den Gewinn schielen muß, unabdingbar ist. Positiv wirkt sich die Privatkonkurrenz vor allem auf das Ausschöpfen von Rationalisierungspotential aus. Wer aber Österreichs kulturelle Identität fördern will, muß für "öffentlich-rechtlich" optieren.

* Der ORF hat eine Bringschuld gegenüber der Gesellschaft, die ihn finanziert. Ein Weitergehen auf dem "Quotenweg" wird die Frage nach den Rundfunkgebühren laut werden lassen. Aber die Gesellschaft darf an eine öffentlich-rechtliche Anstalt Bedingungen stellen. Ein Beispiel: Im ORF-Fernsehen wurde die "Kultur" durch den "Treffpunkt Kultur" ersetzt; doch gerade kulturelle Identität ist ein österreichisches Wesensmerkmal, das durch den ORF wachzuhalten ist. Analoge Befunde gibt es in bezug auf das Kinder- und Jugendprogramm oder auf das Informationsangebot. Dieser und ähnlicher Kritik halten die Programmacher oft entgegen, der ORF sei "keine Volkshochschule". Solchem Argument ist zu widersprechen: öffentlich-rechtliches Programm heißt, handwerkliches Know-how und Kreativität so einzusetzen, daß auch Qualitätsprogramme interessant sind. Nicht "Quote und Qualität" wäre demnach ein ORF-Slogan, sondern "Qualität, die Lust aufs Zuschauen macht".

* Auch die Gesellschaft hat eine Bringschuld dem ORF gegenüber. Die geforderte Programmqualität setzt adäquate finanzielle Ausstattung voraus. Der Qualität im skizzierten Sinn ist der Primat einzuräumen. Das heißt, der ORF muß das nötige Geld auftreiben können. Die Gebühren sind dazu da. Werbeeinnahmen ebenfalls. Und wenn für die Einhaltung obiger Standards weitere Mittel notwendig sind, sollten auch dafür Wege gefunden werden. Ob dies die (vom ORF geforderten) "neuen Geschäftsfelder" sind, ist eine andere Frage, ebenso die Organisationsform (Aktiengesellschaft ...).

Daneben sind natürlich Überlegungen wichtig, wie im ORF Personalentwicklung und Leitungsfindung stattfinden sollen. Denn die x-te Auflage des Ratespiels "Wer wird Generalintendant?" verhindert die eminent gesellschaftspolitische Zukunftsoption für den ORF.

Im Augenblick scheint der Ausgang der Fußball-WM in Frankreich eher vorhersagbar zu sein als das Ergebnis der parteipolitischen ORF-Auseinandersetzungen, die sich wieder einmal auf eine Personalfrage reduzieren: Der dann irgendwie gewählte Generalintendant wird kaum stark genug sein, um den ORF tatsächlich zukunftsfit zu machen.

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