Das ORF-Publikum darf an einem "Wahlerl" teilnehmen. Eine ehrliche Zukunftsdiskussion über die öffentlich-rechtliche Anstalt findet aber einmal mehr nicht statt.

Liebes p.t. Publikum: Nun darfst du endlich wieder wählen, was du (mit)finanzierst. Ende November stehen - zum zweiten Mal - sechs von 35 Publikumsräten des orf zur Direktwahl an. Skurriler geht es nicht mehr: Das Fax - im 21. Jahrhundert längst ein vorsintflutliches Utensil - dient als Wahlurne, und weil das letzte Mal die spö, auf orf-Einfluss bekanntlich ebenso erpicht wie die Regierungspartei, so geschickt agierte, dass die Faxgeräte auf dem Küniglberg ihr nahe stehende Kandidaten ausspuckten (alle sechs sind dem roten "Lager" zuzuordnen), bemüht sich diesmal die övp, solche Schlappe zu vermeiden. Zwar ist diese Direktwahl nur ein "Wahlerl", denn 29 weitere Publikumsräte werden von der Politik oder allen möglichen Institutionen beschickt, aber drei der sechs mehrheitlich gefaxten Kandidaten kommen in den Stiftungsrat: Und der wählt im Sommer 2006 eine neue Generaldirektorin. Wenn es nach Wilhelm Molterer geht, soll wieder Monika Lindner zum Zug kommen. Der vp-Klubchef und Mediensprecher seiner Partei bestätigte dies letztes Wochenende im Standard erneut (die besonders aufschlussreiche Langform des Molterer-Interviews ist in der Online-Ausgabe des Standard nachzulesen).

Als p.t. Publikum will man aber nicht für politische Schachereien missbraucht werden, doch um nichts anderes geht es auch bei der Publikumsrat-Wahlfarce, die überdies viel Geld kostet (das natürlich aus den orf-Gebühren stammt...): So wie die Dinge liegen, könnte man gleich im Nationalrat über die orf-Spitze abstimmen lassen, denn trotz aller Mätzchen, dem Stiftungsrat ein "parteifreies" Mäntelchen umzuhängen, ist das Gegenteil der Fall. Sogar der Bundespräsident kritisierte dies kürzlich bei den Österreichischen Medientagen: Keine Regierung der letzten 40 Jahre habe "die Zügel zum orf" völlig losgelassen. "Die Unabhängigkeit beschwören, den Einfluss sichern lautet die Devise", so Heinz Fischer. Wie wahr, auch wenn der orf-Altvordere Gerd Bacher in der Presse zu Recht darauf hinwies, dass es einmal - in seiner ersten Generalintendanz nach 1967 - einen geschichtlich kurzen Moment solcher Partei-Unabhängigkeit gegeben hat.

Man muss, um beim Thema orf in Stimmung zu bleiben, wirklich auf die guten alten Zeiten verweisen. Denn die Gegenwart der öffentlich-rechtlichen Anstalt stellt sich düster dar. Natürlich in finanzieller Hinsicht: Die Sparpakete auf dem Küniglberg greifen längst die Substanz des Programms an, über Gebührenerhöhungen wird geredet, aber nichts geschieht (wobei einmal mehr anzumerken ist, dass bei dem Betrag, den Herr und Frau Österreicher mit dem Erlagschein des orf-Inkasso-Büros gis einzahlen, ein saftiges Körberlgeld fürs Kulturbudget der Bundesländer inkludiert ist).

Allerdings sind Gebührenerhöhungen nur dann zu rechtfertigen, wenn der orf glaubhafte Zukunftsperspektiven seiner Programme zu liefern imstande wäre. Doch das derzeitige Angebot zeichnet sich vor allem durch eines, nämlich Visionslosigkeit aus: Notwendige tv-Sendungen (Modern Times, tipp - die Kulturwoche) werden eingestellt, neue oder relaunchte Formate (von Offen gesagt bis zum Volksmusik-Absturz Wir sind die Fans, vgl. die tv-Kritik auf Seite 17) offenbaren das derzeitige Ideen-Elend. Dazu kommt, dass an manchen Tagen orf 1 zum Abspielsender von us-Serienware verkommt.

Wann, wenn nicht jetzt, wären aber die Perspektivendiskussionen angesagt und essenzielle Fragen aufs Tapet zu bringen - etwa: Soll sich der orf wirklich alle sündteuren Sportprogramme (Beispiel: die Formel I) leisten? Wird weiter an Spartenkanälen gebastelt, um missliebiges, weil quotenschwaches Programm auszulagern? Im Sportbereich gibt es ja schon tw1, wohin alle möglichen Sportübertragungen abgeschoben werden, über einen Kultur-Spartensender rumort es längst, und vielleicht erfindet man dann einen Parlaments- und Politik-Kanal, um für Quotenfetischisten ebenfalls lästige Polit-Berichterstattung endlagern zu können...

Was ist die Zukunft des orf? Diese Frage ernsthaft anzugehen wäre ein Gebot der Stunde. Aber, Herr Mediensprecher Molterer, glauben Sie wirklich, dass die derzeitige orf-Führung jene visionäre Kraft aufbringt, die hierbei dringend nötig ist?

otto.friedrich@furche.at

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